Die erstarrte Welt

Canan Topçu

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Er ist ein Wanderer zwischen den Welten. Den Spannungen zwischen dem Westen und der muslimisch-arabischen Welt sind seine Romane und Essays gewidmet. Diesem Sujet bleibt Amin
Maalouf auch in seinem neuen Buch „Die Auflösung der Weltordnungen“ treu. Mehr noch: Der 1949 in Libanon geborene und seit 1976 in Frankreich lebende Autor sieht die Vermittlung zwischen Orient und Okzident, um sich der gängigen Metaphern zu bedienen, als seine Lebensaufgabe.
Maaloufs Bilanz zehn Jahre nach Beginn des neuen Jahrhunderts sieht vernichtend aus. Klima- und Umweltkatastrophen, Banken- und Finanzkrise, Kriege und Terroranschläge, religiöser Fanatismus und übersteigerter Nationalismus, Egoismus und allgemeiner Werteverfall: Es steht schlecht um unsere Welt, wenn wir uns unserer Verantwortung als Individuen nicht stellen. „Wir alle, die wir an diesem seltsamen Jahrhundertbeginn leben, haben die Pflicht – und mehr als alle vorherigen Generationen die Mittel –, zu diesem Rettungsunternehmen beizutragen mit Vernunft und Scharfsinn, aber auch mit Leidenschaft und manchmal gar mit Zorn. Ja, mit dem brennenden Zorn der Gerechten“, schreibt Maalouf.
Die in diesem Essay angesprochenen Themen sind auch von zahlreichen anderen Denkern und Schriftstellern behandelt worden, das räumt Maalouf ein. Doch ihn zeichnet aus, dass er als Kenner des westlichen und östlichen Kulturkreises, dessen Herz an beiden hängt, versöhnen statt spalten will. „Mein Vorgehen gleicht dem eines Parkwächters am Tag nach einem Unwetter, wenn sich ein neues, noch heftigeres ankündigt. Mit einer Taschenlampe ausgerüstet, geht der Mann vorsichtigen Schritts durchs Gelände, leuchtet bald das eine, bald das andere Beet an, folgt einem Weg, kehrt um, beugt sich über einen entwurzelten alten Baum dann steigt er auf eine Anhöhe, löscht sein Licht und versucht, das ganze Panorama zu überblicken“, beschreibt Maalouf sehr bildhaft sein Vorgehen. Für den Leser wäre es allerdings hilfreicher gewesen, wenn der Parkwächter mit einem Plan seines Gartens seinen Rundgang besser strukturiert hätte. Gleichwohl: Wer sich über 250 Seiten dem „Spaziergang“ des Parkwächters anschließt, wird zu neuen Einsichten gelangen.

Maalouf zeichnet die Krisen und Katastrophen der vergangenen Jahrhunderte nach, die nicht zuletzt ihre Ursachen in den gegenseitigen Missverständnissen und Vorurteilen der christlichen und muslimischen Welt haben, und er macht Vorschläge für eine neue Weltordnung. „Meiner Ansicht nach geht es nicht darum, etwas ‚wiederzubeleben‘, sondern zu erfinden. Den Herausforderungen des neuen Zeitalters werden wir nicht gerecht, wenn wir eine illusorische Rückkehr zu früheren Verhaltensweisen propagieren. Der Weisheit erster Schritt besteht darin, die Unvergleichbarkeit unserer Epoche, das Spezifische der Beziehungen zwischen den Menschen und zwischen den Gesellschaften, das Spezifische der uns zur Verfügung stehenden Mittel und der Herausforderungen anzuerkennen.“
Wie auch schon in seinem 1998 erschienenen Essay „Mörderische Identitäten“ plädiert er dafür, zu erkennen, dass der Mensch sich aus vielfachen Identitäten zusammensetzt. Es erweise sich als verhängnisvoll, sich auf eine Identität zu konzentrieren oder reduziert zu werden. Die Konzentration auf eine Zugehörigkeit treibe Menschen zuweilen in „eine parteiische, sektiererische, intolerante, herrische, manchmal selbstmörderische Haltung“ und lasse sie nicht selten zu Mördern oder Gefolgsleuten werden. Muslimischen Einwanderern in Europa, deren Bedürfnis nach kultureller Anerkennung in der neuen Heimat allzu oft zurückgewiesen werde, bleibe zuweilen nichts anderes übrig als die religiöse Identität, diagnostizierte Maalouf vor zwölf Jahren. An Aktualität hat seine Analyse nichts eingebüßt.
„Oft hat ein Immigrant das Bedürfnis, seinen Glauben in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen, weil seine Sprache und seine Kultur missachtet und vernachlässigt werden, auch von ihm selbst. Alles drängt ihn dazu – die globale Atmosphäre, die Aktionen der radikalen Kämpfer und auch die Haltung der Aufnahmeländer, in denen die Behörden, besessen von den religiösen Zugehörigkeiten der Immigranten, nicht daran denken, deren Bedürfnis nach kultureller Anerkennung zu berücksichtigen.“ Damit beschreibt Maalouf ein allgemeines Phänomen, das auch in Deutschland die jüngste Debatte um Zuwanderung und Integration von Einwanderern aus muslimischen Ländern bestimmt. Die Aufnahmegesellschaft mache, so Maalouf, einen großen Fehler, denn statt die neuen Mitbürger als Vermittler und Brückenkopf in ihre Herkunftswelt zu nutzen, grenzt sie sie aus, was wiederum zu Kränkungen führt. Wer zum Beispiel immer Deutscher und Christ im weitesten Sinne war, wird dieses Dilemma nicht verstehen, in dem sich viele dieser Zuwanderer befinden.
Ausgegrenzt, diskriminiert, nicht anerkannt werden – diese Erfahrung zieht sich, wie Maalouf überzeugend nachzeichnet, allgemein durch die Geschichte der muslimischen Welt. Und was sich in dem Kapitel „Die abhandengekommenen Legitimationen“ im ersten Moment als sehr langatmige Nacherzählung historischer Ereignisse darstellt, erweist sich dann doch als notwendiger Rückblick, um zu begreifen, warum sich westliche und arabische Welt in vielen Punkten einfach nicht verstehen. Detailliert schildert Maalouf Aufstieg und Scheitern des Ägypters Gemal abd el-Nasser, der von 1952 bis zu seinem Tod im Jahr 1970 die Geschicke seines Landes führte. „Mir scheint, dass auf ihn die Legitimitätskrise zurückgeht, die die Araber heute erleben und die dazu beiträgt, dass die Welt aus den Fugen gerät und in unkontrollierte Gewalt und Regression abdriftet.“ Aber auch die Entwicklung im Irak, Iran und Afghanistan sowie die Gründung des Staates Israel und dessen fortwährende Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn sind hilfreiche Anhaltspunkte bei der Lektüre, um zu verstehen, warum sich Menschen aus der arabischen und muslimischen Welt so schnell gekränkt und zurückgesetzt fühlen.

Eine interessante These für die Tragödien der muslimischen Welt ist, „dass die Politik dort ständig in den religiösen Bereich eingegriffen hat – und nicht umgekehrt“. Maaloufs Fazit: „Dieses Fehlen einer ‚päpstlichen‘ Institution, die in der Lage wäre, die Grenze zwischen dem Politischen und dem Religiösen zu ziehen, erklärt in meinen Augen die extreme Entwicklung der muslimischen Welt, und nicht etwa eine ‚göttliche Weisung‘ zur Vermischung der Sphären.“
Da keine starke und als legitim anerkannte geistige Autorität existiere, breiteten sich unter den Gläubigen regelmäßig die radikalsten Auffassungen aus, ohne dass sie in Schach gehalten werden können. Entgegen der im Westen häufig vertretenen These, dass Islam und Gewalt unabdingbar zusammengehören, zeigt Maalouf auf, dass es im Islam keine zentrale religiöse Autorität gibt, die eine für alle Gläubigen geltende Entscheidung fällt. Somit werden religiöse Auslegungen nicht ein für allemal als rechtsgültig anerkannt und es gibt immer wieder Rückschritte, die nicht zuletzt Extremismus Tür und Tor öffnen und den Westen zum Opfer von Terror und Gewalt werden lassen.
Auch ein Papst ist nicht unfehlbar und die kirchliche Moral kann in Frage gestellt werden. Wer weiß heute noch, dass eine katholische Frau vor 50 Jahren Kopf und Schultern bedecken musste, wenn sie die Messe besuchen wollte? An diesem Beispiel schildert der Autor, dass die katholische Kirche durchaus zu gesellschaftlichen Fortschritten in der Lage ist. Im Laufe der Zeit hätten die Päpste den Mentalitätswandel nicht mehr übersehen können und mittlerweile erkannt, dass diese Kleiderordnung keine Berechtigung mehr habe. „Da haben sie diese Veränderung gewissermaßen für rechtsgültig erklärt und sie praktisch irreversibel gemacht.“
Eine Entwicklung, die im Islam undenkbar zu sein scheint. Maalouf hat jedoch noch Hoffnungen: „Für jene, die wie ich hartnäckig einen Ausweg aus der globalen Sackgasse suchen, in der wir heute stecken, ist es wichtig zu betonen, dass der unterschiedliche Weg der beiden rivalisierenden ‚Zivilisationen‘ nicht durch eine unabänderliche himmlische Weisung zustande kam, sondern durch das Verhalten der Menschen, das sich wandeln kann, und durch die historische Entwicklung der menschlichen Institutionen.“

Nicht Geld und Wohlstand allein können die Welt retten, sondern ein neues Wertesystem, eines, das uns erlaubt, „unsere Vielfältigkeit, unsere Umwelt, unsere Ressourcen, unser Wissen, unsere Instrumente, unsere Macht, unser Gleichgewicht, mit anderen Worten, unser Zusammenleben und unsere Überlebensfähigkeit besser zu organisieren als bisher – und nicht jedes Wertesystem als solches abzulehnen“. Maalouf setzt auf Bildung und beschreibt Kultur als vorrangige Disziplin. „Heute hat Kultur die Aufgabe, die intellektuellen und moralischen Werkzeuge bereitzustellen, die den Zeitgenossen das Überleben ermöglichen – nichts weniger.“ Ermutigt fühlt er sich zu dieser Überzeugung durch die großen Religionen, die zum Lernen und Sich-Bilden ermahnten. „Die Tinte des Gelehrten ist mehr wert als das Blut des Märtyrers“, zitiert Maalouf den Propheten Mohammed. Die Kultur trage zudem dazu bei, „die Anderen“ aus ihrem Inneren kennenzulernen. „Das Innenleben eines Volkes ist seine Literatur. Da enthüllt es seine Leidenschaften, seine Sehnsüchte, seine Träume, seine Kränkungen, seinen Glauben, seine Ansicht von der Welt, seine Selbstwahrnehmung und sein Bild von ‚den Anderen‘, einschließlich unserer selbst.“

Maalouf hat die Hoffnung, dass die Bedrohungen abgewendet werden können. Hoffnung schöpft er unter anderem aus den Entwicklungen in den USA und in Europa. Die Europäische Union sei ein Beispiel für eine Utopie, die Wirklichkeit werde und mit der Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten sieht er die „Rückkehr eines vergessenen Amerikas“ – eines Amerikas, „das seine globale Rolle im Respekt vor den anderen und seinen eigenen Werten ausübt – mit Redlichkeit, Gerechtigkeit, Großzügigkeit ich möchte sogar sagen, mit Eleganz und Anmut“.
Der Wanderer zwischen den Welten ist ein Optimist geblieben, er setzt auf den gesunden Menschenverstand und bekommt hoffentlich Recht.

Die Auflösung der Weltordnung. Essay. Von Amin Maalouf. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Suhrkamp, Berlin, 2010.



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