Vertreibung aus dem Bücherparadies

von Andrea Rapp

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Vor rund 550 Jahren druckte Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg gemeinsam mit etwa 20 Mitarbeitern in Mainz seine lateinische Bibelausgabe, die sogenannte B42, mit beweglichen Lettern in einer Auflage von 180 Stück – davon 150 auf Papier, 30 auf Pergament. Von diesen 180 Exemplaren sind heute weltweit noch 49 nachweisbar, vier komplett, viele nur fragmentarisch. Einige sind vollständig digitalisiert und stehen frei im Internet zur Verfügung, zum Beispiel das Shuckburg-Exemplar des Mainzer Gutenbergmuseums, das zum UNESCO Weltdokumentenerbe gehörende Pergamentexemplar der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen oder das der Keio-Universität in Japan.

Häufig kann der Nutzer mehr als nur im virtuellen Exemplar blättern: Er kann es vergrößern, Ausschnitte betrachten und weitere interessante Dokumente zur Geschichte des Buchdrucks einsehen. Was der Internetnutzer nicht erleben kann, ist alles, was mit der besonderen Materialität älterer Drucke und Handschriften zusammenhängt: die spezielle Haptik von Pergament und Hadernpapier, der besondere Geruch, die beeindruckende Größe und Schwere eines solchen Folianten.

Paradoxerweise gelingt es dem immateriellen Medium Internet dennoch besonders gut, etwas von dieser speziellen „Aura des Originals“ auf den Bildschirm zu zaubern und ein eigenes Faszinosum auszuüben, das sich niederschlägt in der überwältigenden Resonanz, die solche und ähnliche Präsentationen in der Regel erreichen. Haben damit die Nutzerinnen und Nutzer über den Wert und die Vorzüge der Digitalisierung des kulturellen Erbes entschieden?

Sind nicht Bücher nach jahrhundertelanger Erfahrung das geeignete Medium, um Gedanken, Wissen und Kultur der Menschheit langfristig zu sichern, zu bewahren und zu vermitteln? Sind sie nicht allgegenwärtig, Teil unserer persönlichen, ästhetischen und wissenschaftlichen Sozialisation, gedruckt in bislang nie dagewesener Zahl und in Buchhandlungen und Bibliotheken stets greifbar? Warum sollten wir die Materialität des Artefakts Buch eintauschen zugunsten des immateriellen Datenstroms aus Nullen und Einsen, der sich scheinbar so einfach und ohne jede Spur zerstören lässt und für dessen dauerhafte Bewahrung noch kaum konkrete Lösungen absehbar sind? Während Gestaltung, Bewahrung und Nutzung von Büchern lange gepflegte Kulturtechniken darstellen, ändern sich die Rahmenbedingungen für digitale Daten in schwindelerregender Weise, zugleich sind die entsprechenden Kulturtechniken noch in der Entwicklung begriffen.

Ernsthafte Aussagen über Haltbarkeit von Datenträgern und -formaten sind kaum möglich. Verantwortliche Langfristarchivierung digitaler Ressourcen muss deshalb Strategien entwickeln, die auf den technischen Wandel angemessen reagieren können. Erhaltung von Büchern und Langfristarchivierung elektronischer Daten sind also nur zwei Seiten derselben Medaille. Beides hängt neben gesamtgesellschaftlichen Strukturen vor allem von dem Wert, den unsere Gesellschaft dem Erhalt unseres kulturellen Erbes – gleich in welcher Form – beimisst, ab beides erfordert einen immensen finanziellen Aufwand, dezidierten politischen Willen, hochspezialisiertes Wissen und Forschungsarbeit auf zahlreichen Feldern.

„Kathedralen des Wissens” werden die großen Bibliotheken dieser Welt gerne genannt, in diesem Bild zeigt sich die quasireligiöse und vielleicht auch irrationale Haltung voller Ehrfurcht, Bewunderung und Heilserwartung, die wir gegenüber diesen sinnlich erfahrbaren Manifestationen menschlicher Kultur und menschlichen Geistes einnehmen. Kann eine Homepage dieselben ehrfürchtigen Gefühle auslösen?

„Regale säumten die Bibliothek vom Fußboden bis hinaus zur Decke. Dutzende und Aberdutzende von Regalen, die immer höher und höher stiegen, bis es, wie in einer Perspektivübung im Kunstunterricht, von einem zum anderen keinen Zwischenraum mehr zu geben schien. Allesamt waren sie von vorn bis hinten mit Büchern vollgestopft, sodass die Wände der riesigen Halle abstrakte Mosaike aus bunten Lederbuchrücken geworden waren.“ Diese gewaltige Bibliothek, die in ihren Ausmaßen und Beständen dennoch weit hinter den großen Bibliotheken unserer modernen Welt, etwa der Library of Congress mit 33 Millionen katalogisierten Büchern, zurückbleibt, entwirft Tad Williams in seinem Roman „Otherland“. Sie ist jedoch nicht real, sondern virtuell sie existiert nur als Programmcode. Die Raumstruktur der Bibliothek wird zu einem bildhaften optischen Erlebnis. Die überwältigende Fülle des Wissens und der Kultur verschwimmt zum optischen Eindruck der Buchrückenmosaike – für den menschlichen Leser nicht zu bewältigen.

Die Technologie der Digitalisierung hat unsere Gesellschaft und Kultur bereits entscheidend und einschneidend verändert und die Frage nach dem, was und wie zu digitalisieren sei, zu einer gesellschaftlich höchst relevanten Frage werden lassen. Nur selten passierte dies in der Geschichte wohl so radikal drei Medienbrüche werden der digitalen Medienrevolution an Bedeutung ähnlich eingeschätzt: der Übergang von der oralen zur Schriftkultur, von der Rolle zum Codex, von der Handschrift zum gedruckten Buch. Wir haben Gutenberg zum Mann des zweiten Jahrtausends gemacht – werden wir Sergey Brin und Larry Page, die beiden Google-Gründer, zu den Männern des dritten Jahrtausends wählen?

Wie kann digitaler Mehrwert aussehen? Ein qualitativ minderwertiges Schwarz-Weiß-Digitalisat in geringer Auflösung hat gegenüber einem Buchexemplar immerhin den Vorteil der ständigen und weltweiten Verfügbarkeit. Ein hochwertiges Farbdigitalisat einer mittelalterlichen Handschrift ermöglicht durch Zoom-Funktion und andere Bildbearbeitungs-Technologie Einblicke in Details und in die Fertigung der Handschrift, die am Original nicht zu erkennen wären.

Wird nicht ein digitales Image des Originals erzeugt, sondern der Volltext erfasst, besteht der Gewinn jedoch darin, dass der immaterielle Text weiterverarbeitet werden kann, wir erhalten Zugriff nicht auf das Buch, sondern auf den Inhalt des Buches. Und das ist es, was viele Wissenschaftler, nicht nur Computerlinguisten, besonders interessiert. Wir alle kennen die Vorzüge von durchsuchbaren, mit weiteren Metadaten versehenen Volltexten, doch gemeint sind auch weit darüber hinausgehende Anwendungen. Forschungsfragen, die durch menschliches Lesen aufgrund der erforderlichen Quantitäten, aber auch der notwendigen Präzision, bislang nicht in den Blick genommen werden konnten, können nun angegangen werden.

Ein Beispiel: Als kulturelle Äußerungen sind literarische Texte Spiegel und Abbild der Gesellschaft und ihrer jeweiligen in die Historie eingebetteten Verfasstheit. Interessant wäre nun etwa ein Filter, der alle Redeanteile der Protagonisten nach verschiedenen Kriterien aufschlüsselt: Welche Personen haben welche Redeanteile? Wie umfangreich sind diese Redeanteile? Wie verteilen sie sich innerhalb des Werkes? Sind es Männer oder Frauen? Alt oder jung? Machen sie Aussagen oder stellen sie Fragen? Gibt es Unterschiede in den Gattungen, zwischen Roman und Drama? Gibt es Unterschiede in den Epochen, zwischen den Nationalsprachen, bei männlichen oder weiblichen Autoren?

Die Vorstellung, diese Fragen durch die Geschichte der Literaturen der Welt, durch alle Gattungen hindurch auf der Basis empirisch erhobener Daten und nicht als Zufallsfundlektüre verfolgen zu können, ist für viele Geistes- und Kulturwissenschaftler faszinierend, während andere quantitativen Methoden zutiefst misstrauisch gegenüberstehen. Der Computer liefert die Möglichkeit, aus den Buchrückenmosaiken gezielte Informationen herauszufiltern – nicht mehr und nicht weniger. Die Texte für die Auswertungen vorbereiten, die richtigen Fragen stellen und die aus den erhobenen Daten resultierenden Antworten geben müssen nach wie vor die Forscherinnen und Forscher.

Die Digitalisierung des kulturellen Erbes erlaubt also einerseits eine neue Art der Rezeption, insbesondere den wissenschaftlich-forschenden, analysierenden Zugriff. Für die lesende und ästhetische Rezeption ist derzeit noch das Buch besser geeignet. Vielleicht wird die Weiterentwicklung der noch jungen Digitalisierungstechnik und der entsprechenden Lesegeräte eine „Rematerialisierung“ erreichen etwa durch Simulation und Stimulation entsprechender Sinnesreize. Vielleicht ist das aber auch tatsächlich nicht notwendig, denn wird nicht irgendwann eine Generation heranwachsen, die völlig digital sozialisiert ist und ihre eigenen Kulturtechniken mit dem „neuen Medium“ entwickelt hat?

Gutenbergs Erfindung bedeutete nicht nur eine Medienrevolution, sondern auch und vor allem eine Demokratisierung der Kultur und des Wissens mit ungeheuren gesellschaftlichen Folgen. Das ist andererseits auch das Potenzial der Digitalisierung von Kulturgut. Obwohl es in Bibliotheken, Archiven und Museen gut geschützt scheint, so kommt es doch immer wieder zu Katastrophen – Dresden, Weimar, Köln, um nur die bekanntesten des letzten Jahrzehnts in Deutschland zu nennen. Und obwohl es in diesen Institutionen verzeichnet, erschlossen, ausgestellt und erforscht wird, bleibt vielen Menschen ihr kulturelles Erbe unbekannt, bis sie es staunend im Internet finden. Seine Digitalisierung wird damit zum Teil des Bewahrungsprozesses, denn die Kenntnis des eigenen Erbes weckt erst den Wunsch nach seiner Bewahrung und nach weiterer Erkenntnis.



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