Leben im Datenmüll

von Geert Lovink

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Niemand schaltet herrenlose Webseiten ab. Wir, die Nutzer, vergessen, alte Versionen zu löschen, fügen ungenaue Tags hinzu und aktualisieren unsere Online-Lebensläufe nicht. Warum gibt es im größten Archiv der Welt keine Lektoren oder Bibliothekare? Wer räumt das Internet auf? Diese Fragen verlangen nach neuen Autoritäten. Behörden sollen chaotische Suchmaschinenergebnisse ordnen und die Kontrolle über Wikipedia, die Wissensorgie des gemeinen Volkes, übernehmen. Die Forderung, die Informationsdienste vor dem Überkochen zu bewahren, wird aber nicht direkt den Verantwortlichen gegenüber erhoben. Wer sind die überhaupt?

Das Ganze ist auch keine Regierungsangelegenheit. Im Falle des Internets scheint es unmöglich, jemanden haftbar zu machen. Es gibt Filter, die Webseiten sperren, aber keine, die uns vor dem Burn-out bewahren. Von Beginn an war das Internet ein offenes, dezentrales Netzwerk. Sollen wir uns gegen die neue Knechtschaft durch Google wehren, sollen wir die Datenschutzhyäne Facebook angreifen, Spammer zur Strecke bringen oder uns selbst die Schuld zuweisen? Wenn die ummauerten Gärten der Internetkonzerne zu Gefängnissen werden, ist es Zeit, Widerstand zu leisten. Bereiten Sie sich auf den weltweit ersten Generalstreik gegen das Hochladen vor.

Seit den 1960er-Jahren wissen wir dank Marshall McLuhan und Herbert Simon, dass es Informa-tionsüberlastung gibt. Die Symp-tome sind noch immer die gleichen: Man bewältigt die ankommenden Datenflüsse nicht mehr, das System bricht zusammen, man gibt auf. Seit der Jahrtausendwende browsen und suchen Milliarden Menschen rund um die Uhr auf immer kleineren mobilen Bildschirmen. Das Lesen und Beantworten Hunderter E-Mails pro Tag kann nicht länger als Qual der Wahl unter der Rubrik „weniger wäre mehr“ betrachtet werden. Es ist einfach Arbeit.

Informationsüberlastung als Modethema der Medien präsentiert sich als ein Gefühl der unbeweglichen Mittelschicht. Während Kommunikation und Medien für die Armen der Welt Chancen bedeuten, verursachen sie den wohlhabenden Gesellschaftsschichten Kopfschmerzen. Weil sich die Unzufriedenheit nicht in politischen Begriffen ausdrücken lässt, zeigt sie sich als Krankheit. Der Nutzer wird zum Patienten, der die Sinnesüberlastung durch intensiv genutzte Zeit offline ausgleichen muss. Der rapide Übergang in eine Wissensgesellschaft wird auch als ein Generationenproblem gesehen. Während junge Synapsen und blanke Gehirne Gigabytes an unterschiedlichen Datenströmen aus Netzwerken aufsaugen können, brechen die angegrauten Mächtigen früher oder später zusammen. Schlimmer noch, ihre eingeschränkte Fähigkeit zum Multitasking lässt Männer mit größerer Wahrscheinlichkeit als Frauen an Informationsüberlastung leiden. Sie flippen aus, wenn ihr Blackberry gestohlen wird, ihr Laptop abstürzt, ihr Posteingang überquillt oder ihre Freundesanfragen unbeantwortet bleiben.

In seinem Buch „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“ (1901) schreibt Sigmund Freud über das Vergessen von Namen, über Versprecher und andere Fehltritte des Gehirns. Diese Irrtümer und Fehler regen uns auf, weil wir nicht wissen, woher sie kommen. Es sind die Sinne, die uns einen Streich spielen. Die Unzufriedenheit im Informationszeitalter ist der von vor hundert Jahren ähnlich, denn wir geben uns selbst die Schuld an etwas, von dem wir nicht sicher sind, was es ist. Haben wir uns mit unserer Bildung, den sozioökonomischen Strukturen oder den menschlichen Grenzen noch nicht versöhnt? Ein Jahrhundert nach Freud hat sich die Sorge um das Vergessen in die um das Finden verwandelt. Heute regen wir uns nicht mehr in erster Linie über das menschliche Erinnerungsvermögen, sondern über die Architektur von Informationssystemen auf. Wir grämen uns nicht mehr, wenn wir die Namen von Familienmitgliedern und Freunden vergessen. Heute sind wir beunruhigt, wenn wir nicht den richtigen Ordner einer Datei finden oder unvollständige Suchbegriffe eingeben.

Der italienische Medientheoretiker Franco „Bifo“ Berardi schreibt in seinem Buch „Precarious Rhapsody“ (2009): „Psychopathie zeigt sich heute immer klarer als eine soziale Epidemie, genauer gesagt als eine soziokommunikative Epidemie. Wenn du überleben willst, musst du konkurrenzfähig sein, und wenn du konkurrenzfähig sein willst, musst du verbunden sein, musst ununterbrochen eine überwältigende und wachsende Datenmenge aufnehmen und verarbeiten. Dies führt zu dauerndem Stress und verringert die Zeit, die uns für unser Gefühlsleben bleibt.“ Wenn man diese Analyse auf das Internet anwendet, werden zwei Entwicklungen sichtbar, die Onlinearbeit so stressig machen: die Expansion des Archivs und die Komprimierung der Zeit. Das ist der Ursprung des heutigen Chaos. Chaos kommt auf, wenn sich die Welt für unsere Gehirne zu schnell dreht.

Das bringt uns letzten Endes dazu, Informationssouveränität einzufordern. Der Netzzauberer David d’Heilly aus Tokio bezeichnete die Fähigkeit, seine eigene Datenwolke zu entwerfen, einmal als „persönliche Informationsautonomie“. Wie bei anderen Süchten und Krankheiten müssen wir stark genug werden, unser iPhone auszuschalten. Wie in anderen Lebensbereichen braucht es dazu Training, Selbstbeherrschung und Bildung. Ein ernsthaftes Überdenken der Medienkompetenz ist gefragt, nicht nur in Bezug auf Informationsethik oder „Medienweisheit“ – wie es in den Niederlanden genannt wird. Ein wichtiger Aspekt dieser Kompetenz ist die Fähigkeit, sich vom Bildschirm zu lösen. Man beherrscht Werkzeuge erst, wenn man nicht nur weiß, wie man sie gebraucht, sondern auch, wie man sie beiseitelegt. Trainiert werden muss, wie viele E-Mails, Tweets und SMS unerlässlich sind, welche Arbeit später erledigt werden kann, was Unterhaltung und was bloße Ablenkung ist.

Es wird nicht reichen, eine Diät gegen Datenfettsucht zu verschreiben. Die Anatomie der Beschleunigung des Informationsaustauschs wird den Moment des Zusammenbruchs finden müssen, wie wenn man einen Film langsam zurückspult, um die entscheidenden Mikrosekunden, in denen sich die Panik offenbart, herauszupicken. Eine „Lösung“ für die Mittelschicht und die, die damit keine moralischen Probleme haben, läge darin, das Informationsmanagement an einen persönlichen Assistenten in China auszugliedern. Online-Spieler kaufen heute die Updates ihrer Avatare, der Charaktere, die sie im Internet spielen, schon von der Stange bei sogenannten Goldbauern, die für andere möglichst hohe Spielstände erspielen. Jemanden zu beschäftigen, der jeden Morgen den Spam aus dem E-Mail-Postfach löscht, ginge in eine ähnliche Richtung.

Wenn wir Informationssouveränität entwickeln wollen, ist es von strategischer Wichtigkeit, Zeit zurückzugewinnen. Wir brauchen eine Fair-Time-Bewegung. Zuallererst müssen wir uns dem „Echtzeitinternet“ von Google und Twitter entgegenstellen und Arbeitsabläufe ausdehnen. Denken Sie an das Konzept der Temporären Autonomen Zonen (T.A.Z.) von Hakim Bey, in denen kurzzeitig die gesellschaftlichen Regeln außer Kraft gesetzt sind. Die T.A.Z. von heute muss ihr Augenmerk vor allem auf den temporären Charakter richten und Chronos, den Gott der Zeit, feiern. Nach Slow-Food ist es jetzt Zeit für Slow-Communication. Aber diesmal wird es nicht bloß eine reformistische Lifestyle-Bewegung sein, die von ihrem eigenen positiven Image besessen ist. Zeit zielt auf den Kern kapitalistischer Ausbeutung. Das „Zeitmanagement“ zu sabotieren, ist deshalb überhaupt keine unschuldige Geste.

Eine andere Lösung ist: Informationsverschmutzung verringern, weil der Eingang großer Informationsmengen kontraproduktiv ist und den Nutzwert verringert. Wir sollten die Benutzung von „CCs“ und „Allen antworten“ einschränken, Facebook verlassen und öfter unsere Handys ausschalten. Wenn Informationsverringerung aber unsere einzige Option wäre, könnte das ein Rückschritt sein. Es wäre gut, wenn wir auch lernen würden, die großen Mengen ankommender Informationen zu organisieren. Die Videos „Online Investigator“, die Howard Rheingold für seinen Blog produziert, sind hier lehrreich. In „Mindful Infotention“ erklärt er, wie intelligente Dashboards, Newsticker und Filter installiert und auch gezügelt werden können. Der Gedanke ist, visuelle Übersichtsanzeigen auf den Bildschirm zu legen, sodass die Tore offen, aber noch kontrollierbar sind. „Das Problem mit der Rhetorik der Informationsüberlastung ist, dass sie das Subjekt unterschwellig zum Opfer herabstuft, das überwältigt und letztlich zerdrückt wird“, schreibt Rheingold. Ihm zufolge sollte der Nutzer die Kontrolle haben, indem er seine Aufmerksamkeit selbst lenkt.

Die letzte Strategie liegt darin, ein finanzielles Element einzubauen. Dadurch, dass die Kosten für PCs sinken, gehen auch die Kosten für Vernetzung, Forschung und Bearbeitung gen null. Jedermann weiß, dass im Internet alles kostenlos ist. Wenn Inhalte einen fairen Preis hätten, der direkt an die Hersteller ginge und nicht an Zwischenhändler wie Google oder die Gatekeeper der Massenmedien, würde den Inhalten mit Sicherheit mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Eine Kommerzialisierung würde nicht nur den investigativen Journalismus und das kritische Schreiben fördern, sondern auch die Wahl dessen, was wir herunterladen, zu einer bewussten Entscheidung machen.



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