„Manche denken, die Nazis hätten die Mauer gebaut“

von Christopher G. Sandeman

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Herr Sandeman, deutsche Touristen erkennt man dem Klischee nach an Tennissocken in Sandalen, Japaner am Fotoapparat. Woran erkennt man den amerikanischen Touristen?

Auf jeden Fall an den Flipflops, selbst bei Regen. Wir sind auch ziemlich laut. Das stört wahrscheinlich andere Leute, aber wir haben eben eine sehr offene Kultur und äußern es deutlich, wenn wir etwas gut finden. Ansonsten bringen europäische und auch australische Touristen ein besseres Verständnis für europäische Geschichte mit und stellen weniger – um es mal deutlich zu formulieren – blöde Fragen. Das Ausbildungssystem in den USA konzentriert sich stark auf die Geschichte der Vereinigten Staaten, deshalb kommt es schon mal vor, dass US-Touristen denken, die Nazis hätten die Mauer gebaut, um sich gegen die Russen zu verteidigen. Wichtig ist aber nicht, wie viel man weiß, sondern dass man lernen will. Wenn wir uns einer Sache nicht sicher sind, dann schämen wir uns nicht nachzufragen. Auch das ist tief in unserer Kultur verwurzelt.
 
Worum geht es US-Touristen, wenn sie das Ausland bereisen?

Sehr viele Amerikaner kommen nach Europa, um mehr über ihre eigenen Wurzeln zu erfahren. Das merken wir besonders in Schottland und Irland. Meine Kollegen dort erzählen mir oft von US-Gästen, die behaupten, sie seien ja eigentlich Iren oder Schotten. Das hat psychologische Ursachen: Wir wissen nicht genau, woher wir kommen, und versuchen uns zu definieren. Außerdem geht es amerikanischen Touristen natürlich um Sightseeing und tatsächlich auch um einige bekannte Klischees: Sie wollen auf jeden Fall ein deutsches Bier trinken, wenn sie in Berlin oder München sind. Manche mieten sich extra schnelle Autos, um auf der Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung fahren zu können. Das geht in den USA ja nicht. 
 
Was erwarten die Amerikaner auf ihren Führungen?

Normalerweise gibt es eine Liste mit Dingen, die sie in jedem Fall sehen wollen. In Paris den Eiffelturm, in London den Big Ben, und wenn sie nach Deutschland kommen, wollen sie unbedingt eine KZ-Gedenkstätte besuchen, meist Sachsenhausen oder Dachau. Die DDR interessiert die meisten Amerikaner eher weniger, weil sie kaum etwas über sie wissen. Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Schauen Sie mal, wie viele Hollywood-Filme es über die DDR gibt und wie oft Indiana Jones gegen die Nazis gekämpft hat. 
 
Was nehmen US-Amerikaner von ihren Europa-Reisen mit nach Hause?

Ich denke, dass Amerikaner zwar dazu neigen, andere Leute etwas vorschnell zu verurteilen, es gleichzeitig aber auch anerkennen, wenn etwas besser ist als in Amerika, zum Beispiel das öffentliche Verkehrssystem. Genauso offen werden aber auch Dinge kritisiert, beispielsweise der Service hierzulande. Aber dass die USA zum Beispiel dringend ein Multiparteiensystem brauchen, werden Amerikaner wohl nie aus einer Auslandsreise schließen. Man darf nicht vergessen, US-Bürger haben nur wenige freie Tage im Jahr und fühlen sich daher auch im Urlaub unter Zeitdruck – da wird oft nur an der Oberfläche gekratzt.

Die modernen USA sind geschichtlich gesehen ein sehr junges Land. Wie empfinden US-Amerikaner das „alte Europa“ mit seiner vergleichsweise langen Geschichte?

Amerikaner werden von der geschichtsträchtigen Kultur in Europa oft etwas überwältigt, ganz besonders in Deutschland. Leider überdeckt die NS-Zeit in der Wahr-nehmung oft die anderen Epochen deutscher Geschichte, aber wir versuchen den Leuten natürlich nahezubringen, dass dieses Land andere interessante und auch positive Dinge erlebt hat.
 
Wenn Sie für Barack Obama eine Berlin-Tour gestalten müssten, wie sähe die aus?


Der Schwerpunkt würde natürlich auf den Stätten liegen, an denen sich deutsch-amerikanische Geschichte widerspiegelt: Rathaus Schöneberg, Checkpoint Charly und so weiter. Und da ich weiß, dass Obama „Chicken“ mag, würde ich ihn zur Gaststätte „Henne“ bringen, da könnte er den besten Broiler in ganz Deutschland probieren.

Das Interview führte Jörg Frommann



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