Neue Zivilisation

von Barthold C. Witte

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Die „Anthropologie der Globalisierung“ ist kein akademisch-wissenschaftliches Handbuch. Anmerkungen oder Literaturliste? Fehlanzeige. Constantin von Barloewen, der als Kulturanthropologe seit Langem in Paris lebt, hat eine stattliche Zahl seiner Essays in einem Buch versammelt, das Anstöße zum kritischen Nachdenken über Vergangenheit und Gegenwart ebenso vermitteln soll wie zukunftsweisende Ideen zur weltweiten Kulturpolitik. In Zeit und Raum werden dabei beachtliche Distanzen geschildert und überbrückt: von den frühen Hochkulturen bis zur wissenschaftlich-technischen Zivilisation unserer Tage, von Nord- und Südamerika über Europa bis nach Asien.Das ist nicht ungefährlich. Ein allzu weiter Blick über Jahrhunderte und Kontinente verführt leicht dazu, große Linien zu ziehen, ganz gleich, ob die Details dazupassen.

Doch Barloewen entgeht solcher Gefahr, weil er sich stets den Blick für die Mikroebene des Alltags bewahrt hat. Beispiel Lateinamerika: Zwei Kapitel sind dem Subkontinent besonders gewidmet. Während das eine den Versuch unternimmt, anhand der lateinamerikanischen Literatur eine einigende Identität herauszuarbeiten, folgt unmittelbar danach ein bewegender Bericht über Sosua in der Dominikanischen Republik, die einzige jüdische Siedlung im weiten Umkreis, von durch Hitler vertriebenen deutschen Juden gegründet und bis heute bewohnt. Makro- und Mikroperspektive zu verbinden, ist auch sonst Barloewens Ziel, so etwa in dem Essay über Religion und Politik in Nordamerika. Hier gelingt es ihm überdies, so wie in seinem Nachdenken über Lateinamerika, in die nötigen historischen Tiefen vorzustoßen.Barloewens eigentliches Anliegen ist indes der Vergleich der Kulturen.

In einem Essay stellt er die Frage, welche Zukunftserwartung sich aus dem Vergleich der so unterschiedlichen Kulturen des amerikanischen Doppelkontinents ergibt: im Norden der auf Ratio und Empirie gebauten technischen Zivilisation, wie sie sich heute anschickt, unter dem Namen Globalisierung die Welt zu beherrschen, und im Süden von magisch-mythischen Elementen christlicher wie indigener Herkunft geprägter Kultur, die sich der Modernität weithin verweigert. Barloewens Antwort heißt „Kreolisierung“. Gemeint ist damit die Vermischung der überlieferten Kulturen mit der Moderne zu etwas Neuem – keineswegs einer einheitlichen „Weltkultur“, sondern einer neuen geistig-seelischen Gestalt der traditionellen Kulturkreise, die aus einer Balance zwischen Tradition und Modernität ihre Überlebensfähigkeit gewinnen.Dass diese Antwort nicht bloß Utopie ist, sondern bereits lebendige Gegenwart, macht Barloewen an der Literatur deutlich, genauer an denjenigen Autoren, die durch ihre Biografie wie ihre Werke zumindest auf dem Wege zu jener neuen Synthese sind.

Er spricht von einem Aufbruch zu einer neuen Weltliteratur, die das Fremde und das Eigene miteinander verschmilzt, so die Werke von Isaac Bashevis Singer, Vladimir Nabokov, Joseph Conrad schon während des vorigen Jahrhunderts, heute etwa die von Octavio Paz, Salman Rushdie, Kazuo Ishiguro, Hanif Kureishi oder Wole Soyinka. Die Literatur, nicht die Ökonomie als Vorreiterin der neuen Weltgesellschaft – welch sympathische und übrigens zutreffende Behauptung!Diese neue Gesellschaft werde, so Barloewen, nicht uniform sein, sondern in einer Mehrzahl der Modernitäten leben. Nötig sei darum ein „Polylog“ der Zivilisationen, also nicht nur der immer noch eurozentrisch gedachte Dialog der Kulturen, sondern der einer jeder Region mit jeder anderen. „Eine Weltgesellschaft bedarf keinesfalls Einheitsregeln oder einer -kultur, sie braucht aber unabdingbar verbindliche und verbindende Werte, politische Ideale und Zielvorstellungen.“

Damit stellt sich die Frage nach einem universellen Ethos im Sinne Hans Küngs und seiner Freunde, zu denen Barloewen gehört, einem Weltethos, das zunächst nur aus einem Minimalkonsens zwischen den Kulturen bestehen kann, aber zu einem sinnvollen Ganzen entwickelt werden muss.Dieses Ganze wird von Barloewen bereits in dem einführenden Essay beschworen, der den Gang der Weltgeschichte nachzeichnet: von der Zivilisation des Mythos, welcher die frühen Hochkulturen einschließlich der griechisch-römischen Antike prägte, über die Zivilisation des Theos, wie sie besonders im „christlichen Mittelalter“ herrschte, und die heutige Kultur des Logos zur zukünftigen Zivilisation des Holos. Diese holistische, das heisst ganzheitliche Sicht des menschlichen Daseins ist gewiss nicht neu, sondern von Aristoteles bis Hegel immer wieder philosophisch unterbaut worden. Neu ist, dass der Anthropologe von Barloewen anders als viele seiner Vorgänger die friedliche Zukunft der Menschheit nicht in einer naiven Belebung vorzivilisatorischer Kulturen sucht, sondern mit guten Gründen auf eine künftige Synthese zwischen Tradition und Moderne setzt. Kultur im Zeitalter der Globalisierung ist keine Spielwiese für Träumer, sondern ein entscheidender Faktor der Realpolitik.

Anthropologie der Globalisierung. Thesen und Antithesen. Von Constantin von Barloewen. Matthes & Seitz, Berlin, 2007.



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