Gummis im Geheimen

von Kambiz Tavana

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Im Sommer 1984 hörte man im Iran zum ersten Mal von Aids. Ohne wirklichen Zugang zur Weltpresse wusste man zu diesem Zeitpunkt nur, dass es eine in den USA auftretende tödliche Krankheit ist, die aus Afrika stammt. Dann erschien eine Broschüre mit dem Titel "Der schwarze Schleier des Todes für den Großen Satan", herausgebracht vom "Islamic Advertising Office", einer nach der Revolution gegründeten Regierungsinstitution. "Großer Satan" war ein Synonym für die USA und machte neugierig auf den Inhalt. Die Broschüre umriss Aids mit vielen Bildern und wenigen Worten und kam zu dem Schluss, dass die Immunschwächekrankheit eine Bestrafung der gottlosen Amerikaner sei, eine göttliche Intervention des Himmels.

In den späten 1980er Jahren, als türkische und arabische Medien über Aids im Iran zu berichten begannen, dachte man: Wenn so etwas in unserem Land wirklich existiert, müsste es Pläne geben, es zu bekämpfen. Doch die iranischen Medien, die hauptsächlich Regierungsmedien waren, blieben still, da die Ausbreitung der Infektion offiziell geleugnet wurde. Mehr oder weniger existiert diese Haltung bis heute.

Der erste registrierte HIV-Fall im Iran wurde 1987 erkannt. Im September 2004 belief sich die Zahl der registrierten HIV-Infizierten auf 7.510, von denen 95,1 Prozent männlich waren. Gründe dafür sind, dass Männer eher zu Blutkontrollen gehen als Frauen und Prostituierte sich verborgen halten, da Prostitution im Iran illegal ist. Nach WHO-Schätzung gibt es im Iran zwischen 22.000 und 30.000 HIV-Fälle. Verlässliche Statistiken existieren nicht, aber  iranische Experten befürchten, dass es aufgrund der verbreiteten Unkenntnis über HIV möglicherweise schon über 100.000 Positive gibt. Auf solche Schätzungen reagiert das Gesundheitsministerium zögerlich und will sich dazu nicht äußern.

1986 wurden erste Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche in geheimer Gesetzgebung beschlossen. Das Gesundheitsministerium brachte einen Entwurf vor das Parlament, der in vertraulicher Verhandlung genehmigt wurde. Eine der ersten Maßnahmen war ein obligatorischer Bluttest für Heiratswillige. Noch heute kann man ohne die Ergebnisse des Bluttests keinen Antrag auf Hochzeit stellen. Experten stellten zudem Informationsmaterialien über Geburtenkontrolle und Aids-Prävention zusammen, die in Schulen und Universitäten verteilt wurden. Ebenfalls unter dem Deckmantel der Geburtenkontrolle existiert seit 1990 in allen Gesundheitszentren und öffentlichen Kliniken ein Programm zur kostenlosen Abgabe von Kondomen und Verteilung von Informationsmaterial über Aids. Bemühungen um weitreichendere öffentlichkeitswirksame Maßnahmen liefen jedoch ins Leere.

Mit der reformistischen Regierung an der Macht wurden 1998 die Bemühungen intensiviert. Durch Ausstellungen, Plakate, Radiospots und kleine Episoden im Kino informierte man die iranische Bevölkerung über Aids. Es wurde auch versucht, Präventionsspots in das nationale Fernsehprogramm zu integrieren. Das scheiterte jedoch an der Obrigkeit, die streng darauf achtete, religiöse Gefühle nicht zu verletzen.

In den letzten Jahren sind eine Reihe von unabhängigen Organisationen um die Aids-Prävention entstanden. Sie versuchen, eine große Bandbreite von Programmen zu implementieren, die sich besonders an Risikogruppen wie Jugendliche, Drogenkonsumenten und Prostituierte wenden. In den meisten Ländern sind die Infektionsraten bei Gefängnisinsassen deutlich höher als beim Rest der Bevölkerung. Auch im Iran ist Haft, gemäß einer Statistik von UNAIDS vom Dezember 2005, der größte Risikofaktor für eine HIV-Infektion.

Außereheliche sexuelle Aktivitäten werden im Iran sozial und kulturell hart bestraft. Aus Angst, ausgeschlossen und verachtet zu werden, verbergen sich viele, die HIV-positiv sind oder schon an Aids leiden, statt Ärzte aufzusuchen und sich behandeln zu lassen. Zwar nahm der Gebrauch von Kondomen in den vergangenen Jahren stetig zu, aber es gibt hier nur Daten über verheiratete Menschen.

Auf dem Teheraner Basar treffe ich Alireza, einen 29-jährigen Mann, der zusammen mit seinem Vater einen Lederwarenhandel betreibt. Er trägt Gummihandschuhe, wenn er neue Ware aus den USA begutachtet. "Sie töten die Rinder mit Strom, das ist gegen die islamische Regel, deshalb sind diese Taschen unrein. Ich muss vorsichtig sein, wenn ich sie anfasse." Alireza regelt sein Sexleben mithilfe von "Zeitehen", einer Art legaler Sexindustrie innerhalb des Iran, bei der ein Mann gegen Bezahlung mit einer Frau einen Ehevertrag über eine begrenzte Zeit, zwischen 1 und 99 Jahren, eingeht. Auf meine Frage, ob er sich vor HIV schütze, antwortet er: "Ich komme nur mit Frauen zusammen, die mir von verlässlichen Freunden empfohlen werden. Ich verhüte nicht. Ich hasse Kondome. In meinem Glauben gibt es keine genauen Bestimmungen für den Gebrauch von Kondomen und ich will meine Lust nicht durch Gummis schmälern."

Zwei Ursachen für die Ausbreitung von HIV im Iran liegen außerhalb des Landes. Die rasante Zunahme von HIV-Infektionen in den nördlichen Nachbarstaaten, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unter den höchsten HIV-Zuwachsraten der Welt leiden, und der Drogenschmuggel aus Afghanistan durch den Iran mit einem Anstieg von einheimischen Fixern, haben ebenfalls dazu beigetragen, die Seuche zu verbreiten.

Ein Nationales Komitee zum Kampf gegen HIV und Aids, unter Führung des Gesundheitsministers, wurde 1987 eingerichtet. Dieses Komitee erstellt auch heute noch die Leitlinien des nationalen Aids-Programms. Die nationale Strategie setzt vor allem auf Prävention durch die Koordination und Zusammenarbeit vieler Bereiche. Etwa 1,2 Millionen Menschen werden im Iran jedes Jahr auf HIV getestet. Medikamente, die den Ausbruch der Krankheit bei Infizierten verzögern und das Leben verlängern können, werden kostenlos abgegeben. Die Regierung hat eine Telefonberatung begonnen, landesweit 10.000 Broschüren über HIV verteilt und erwägt Informationskampagnen im öffentlichen Raum. Inzwischen gibt es 154 Einrichtungen, in denen man sich freiwillig testen lassen kann und beraten wird, und über 600 Einrichtungen, die nur beraten.

HIV zirkuliert besonders stark unter Menschen, die Drogen injizieren. Mediziner befürchten, dass sich die Infektion in dieser Gruppe noch weiter ausbreitet. 200.000 Fixer gab es 2003 nach einer Schätzung im Iran. Die meisten Drogenkonsumenten, die an einer Teheraner Studie teilnahmen, waren sexuell aktiv, viele kauften oder verkauften Sex, und nur 53 Prozent der sexuell aktiven Drogenkonsumenten hatten jemals ein Kondom benutzt. Trotz ihrer Lückenhaftigkeit weisen die verfügbaren Zahlen darauf hin, dass Prostituierte sich und ihre Klienten einem hohen Infektionsrisiko aussetzen, weil sie nur selten Kondome verwenden. Soziale Normen und religiöse Werte verbieten es Unverheirateten, Bestellungen für Kondome aufzugeben.

Im Jahr 2000 hat die Regierung die erste so genannte Triangular-Klink in der Provinz Kermanschah errichtet, die sich drei wichtigen Aufgaben widmet: der Minimierung von Gesundheitsrisiken innerhalb der Gruppe der Drogenkonsumenten, der Behandlung von Geschlechtskrankheiten und dem Schutz und der Unterstützung für Patienten, die mit dem HI-Virus infiziert oder bereits an Aids erkrankt sind. Hier werden drei Patientengruppen unter ein Klinkdach gebracht, deren Probleme ihrer Natur nach Verhaltensprobleme sind. Die Triangular-Kliniken, von denen es inzwischen landesweit über 60 gibt, verstehen sich deshalb auch als Zentren für die Behandlung von Verhaltenskrankheiten. Sie sind in der Lage, übergreifend zu arbeiten, das heißt Drogenkonsumenten von der Notwendigkeit eines HIV-Tests zu überzeugen oder HIV-Patienten bei der Überwindung ihrer Sucht zu unterstützen. Durch die Zusammenlegung minimiert sich zudem das Risiko der Stigmatisierung einzelner Gruppen. Die Triangular-Kliniken wurden von der Weltgesundheitsorganisation als "best practice" für die Kontrolle und Prävention der HIV-Infektionen im Mittleren Osten und nördlichen Afrika ausgezeichnet.

Haleh ist 39 und eine Prostituierte. Sie wusste fast nichts über das Virus, als sie im Zuge eines Schwangerschaftstests auf HIV getestet wurde – positiv. Jetzt ist sie in Behandlung und gibt anderen die Schuld an ihrem Leid: "Ich bin keine gebildete Person, die das Internet durchsuchen kann. Ich hätte eine Informationssendung im öffentlichen Fernsehen gebraucht, um Bescheid zu wissen."

Noch immer richten sich die meisten Methoden der Prävention an den gebildeten Teil der iranischen Gesellschaft und nicht an die einfachen Menschen. Es gibt Internetseiten wie iranhiv.com, die von jedermann angeschaut werden können, doch bei geschätzten sechs Millionen Internet-Nutzern in einem Land mit 70 Millionen Einwohnern ist das nicht genug. Präventionspolitik im Iran kollidiert auch heute noch mit religiösen Gefühlen und kulturellen Normen. Die Teheraner Stadtverwaltung hat die Aufstellung von Automaten für Spritzen und Kondome angekündigt, findet aber keine Lösung, wo diese hinsollen, da alle Bezirke sich widersetzen, weil sie fürchten, als Stadtteil mit den meisten Süchtigen und Prostituierten zu gelten.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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