Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)

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Foto: Max Lautenschläger


Wählen ist so unübersichtlich. Ob in der Lebensgestaltung, beim Einkaufen oder auf dem Wahlzettel: überall zu viel Auswahl oder das falsche Angebot. Ständig müssen wir uns entscheiden. Das ist anstrengend, das ist Freiheit. Reden wir über Demokratie, das Schwerpunktthema dieses Hefts. Die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt nicht in Demokratien. Im Kongo laufen Menschen drei Tage durch den Dschungel, um zu wählen, erzählt der Wahlbeobachter Tom Høyem.

Was für eine Anstrengung, um eine einzige Entscheidung zu treffen! Und am Ende kommt oft nicht mal Freiheit oder Demokratie oder eine der anderen schönen Selbstverständlichkeiten, mit denen wir leben, heraus. Aber in welcher Verfassung ist die Demokratie heute, und was macht sie aus – in den etablierten demokratischen Ländern, in den jungen Demokratien und dort, wo man nicht von demokratischen Verhältnissen sprechen kann, aber dennoch demokratische Entwicklungen sieht? Für viele Menschen im arabischen Raum, schreibt der irakische Autor Nadim Oda, steht Demokratie für die Ereignisse im Irak. Auf der anderen Seite der Welt, in China, entsteht hingegen eine Art „Einparteien-Demokratie“, wie der chinesische Politologe Zheng Yongnian erklärt.Bei uns, hören wir, sind die Bürger, also wir, demokratiemüde.

Gehen nicht mehr wählen und interessieren uns nicht für Politik, sondern nur noch fürs Einkaufen. Colin Crouch, der das Buch „Postdemokratie“ veröffentlicht hat, schreibt, dass sich Politiker von den Institutionen der Zivilgesellschaft entfernen, weil sie Wähler als ihre „Kunden“ und nicht als Bürger begreifen. Derweil, so Crouch, werden multinationale Konzerne die wichtigsten politischen Akteure: Sie verstehen besser als Regierungen und Bürger, was auf internationaler Ebene geschieht, und gestalten die Globalisierung. Der Einfluss der Bürger? Richtig wählen und richtig einkaufen. Wir haben die Wahl. Der Kunde ist König.



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