Konkret statt selbstrefenziell

Daniel Vernet

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Alle westlichen Länder stehen in ihrer Auswärtigen Kulturpolitik vor ähnlichen Problemen. Auch in diesem Bereich konkurrieren sie mit Schwellenländern, die – wie China mit seinen Konfuzius-Instituten – dabei sind, ihr eigenes internationales Netzwerk an Kulturinstituten zu schaffen. Diese Entwicklung stellt die europäischen Staaten vor eine materielle und finanzielle Herausforderung – und dies zu einem Zeitpunkt, an dem die Mittel immer beschränkter sind. Im Laufe der Konferenz hat Außenminister Steinmeier versprochen, den Spartrend in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik umzukehren. Ob diesen Worten Taten folgen werden, bleibt abzuwarten. Private-Public-Partnerships mögen eine teilweise Antwort auf die Frage sein fest steht jedoch, dass die Bemühungen von Privatunternehmen nicht nur darauf abzielen dürfen, die Löcher der öffentlichen Budgets zu stopfen. Ihre Kooperation muss auch die Definition von Zielen und die Aufgabenteilung einschließen.
Mit der Entwicklung neuer Weltregionen und dem relativen Bevölkerungsrückgang in Europa ist die Versuchung groß, die kulturelle Präsenz in der Alten Welt zu reduzieren und die so frei gewordenen Mittel in entlegenere Gegenden zu verlagern. Das wäre ein Fehler. Kulturpolitik ist unerlässlich zur Annäherung der Völker der Europäischen Union und darüber hinaus zur Verbreitung der Partnersprachen. Das Lernen, Unterrichten und Bejahen der eigenen Sprache ist nicht Ausdruck von Nationalismus, sondern die Voraussetzung eines geeinten Europas. Die Deutschen, die sich aus verständlichen historischen Gründen lange Zeit schwer damit taten, ihre eigene Identität zu bejahen, haben verstanden, dass das Multikulti-Potpourri nicht zur Förderung demokratischer Werte beiträgt, sondern archaische Partikularismen verstärkt. Die Auswärtige Kulturpolitik darf nicht nur Informationen vermitteln, sie muss auch den Dialog zwischen den Kulturen fördern. Jedoch muss man sich davor hüten, den Dialog um seiner selbst willen oder den Dialog über den Dialog zu propagieren. Die Debatten in dieser Publikation bestehen zu Recht auf der Notwendigkeit, einen Dialog zu konkreten Themen und Projekten zu führen.

Aus dem Französischen von Claudia Kotte



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