Die Islam-Industrie

Abdul-Rehman Malik

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Am Flughafen stellte mir der Immigrations-Beamte der Behörde zum „Schutz gegen Terrorismus, Kriminalität und gesellschaftsfeindliches Verhalten“ die Frage: „Was machen Sie beruflich?“. Da ich noch keinen britischen Pass habe, muss ich meine Reisedokumente immer noch abstempeln lassen, mein Status als Einwanderer wird routinemäßig überprüft. Auf Auslandsreisen fragen mich Beamte fast immer nach meiner Anstellung. Als ich kürzlich nach Pakistan einreiste, verschwieg ich, dass ich Journalist bin. Sonst hätte ich erklären müssen, ob ich auch während meines Aufenthalts vorhätte, meinen „Beruf auszuüben“. Ich gab mich als Projektmanager aus. Das klingt unverdächtig und kann alles Mögliche bedeuten.
Als ich jetzt aber vor dem britischen Beamten stand, kam mir ein anderer Gedanke. Ich kam von einer internationalen Konferenz, auf der nicht meine journalistischen Qualifikationen gefragt waren, sondern die Einblicke, die ich über meine Glaubensgemeinschaft vermitteln konnte. Für die Veranstalter war ich schlicht eine Art Glaubens-Profi – ein problematischer und manchmal auch gefährlicher Beruf. „Entschuldigen Sie“, fragte der Mann noch einmal, „ ... Ihr Beruf?“ Er war etwas irritiert, ich hatte wohl einen Moment zu lang mit meiner Antwort gezögert. Am liebsten hätte ich gesagt: „Oh, ich bin Muslim.“
1965 sprach Harvey Cox in seinem Buch „The Secular City“ von einer allgemeinen Tendenz zur „Säkularisierung“ – einer immensen gesellschaftlichen Kraft, welche die institutionalisierte Religion entwurzeln und an die Ränder der Gesellschaft drängen werde. Viele waren von Cox’ einleuchtenden Argumenten begeistert: Die Gleichgültigkeit der weltlichen Stadtkultur gegenüber dem Glauben würde religiösen Diskussionen und der überheblichen Haltung der Kirche jegliche Bedeutung nehmen. In Europa werden Fragen zur Konfession am liebsten auf die Privatsphäre beschränkt. Religion sollte man diskret und leise zusammen mit jenen praktizieren, die demselben „Kult“ angehören. Die großen antiken Glaubensgemeinden sollte man als Totems einer fernen Vergangenheit sehen, einer Zeit, als die Religion noch mächtig war, anders als heute, da sie aufgrund der erbarmungslosen Angriffe durch Vernunft und Moderne bestenfalls um ihr Überleben kämpft.
Zu dumm, dass heute immer mehr europäische Muslime weit mehr in ihrer Religion erkennen als nur eine ritualisierte Pflege überkommener Traditionen. Den Islam praktizieren wir nicht nur freitags oder während des Ramadan. Er ist vielmehr Teil unserer politischen und sozialen Identität, er beeinflusst unser Alltagsverhalten. Er wird nicht nur in der Moschee oder Privatwohnung gelebt – er ist ein öffentliches Bekenntnis, er bringt Gott selbst in die Mitte der Gesellschaft zurück. Für viele junge Muslime, die, gesellschaftlich ausgeschlossen, politisch marginalisiert und diskriminiert, mit Wut auf die Gesellschaft blicken, ist der Islam in ihrem urbanen Umfeld Teil einer Identität des Widerstands und der Gegenkultur geworden. Jedenfalls überzeugt er mehr als die schwachen, teils unbeholfenen Konzepte einer europäischen oder nationalen Identität, die ihnen – dem „Abschaum“, den „Gastarbeitern“ und „Einwanderern der zweiten Generation“ – ohnehin nie wirklich angetragen wurde. Europas durchaus heterogene Muslim-Minderheiten wollen sich nicht von ihrer religiösen Identität verabschieden.
Diese Identität der Muslime – die einander schon durch den gemeinsamen Ort der Emigration und mitunter auch durch die Sprache verbunden sind – bewirkt, dass sie sich überall auf der Welt zu Hause fühlen können. Ihr Glaube ist mobil und dabei ein deutliches Zeichen der Unerschrockenheit. Für viele Muslime, die in der zweiten oder dritten Generation in Europa leben, gibt es keine „alte Heimat“ mehr. Die Erfahrung mit der Kolonisierung, das Gefühl, Teil einer großen Weltkultur zu sein, und die spirituelle Verbundenheit mit der Umma, der Gemeinschaft der Muslime über Staatsgrenzen und Sprachbarrieren hinweg – all das macht Europas muslimische Minderheiten zu einem echten Produkt der Globalisierung.
Mitten in Europas kosmopolitischen Städten behauptet die Religion hartnäckig ihre Stellung, immer beherzter ergreifen Gläubige das Wort. Wir leben in einer post-säkularen Gesellschaft. Die Religion lässt sich nicht so einfach ins Abseits drängen. Und genau das macht die Intelligenzija nervös – Politiker, Journalisten, Intellektuelle und sogar hohe kirchliche Würdenträger.

Die Tragödie des 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“, der folgte, rückten den Islam und Muslime in einer noch nie da gewesenen Weise ins Rampenlicht. Die Bombenanschläge in Madrid und London, die Flut an Verhaftungen von Terrorverdächtigen und schockierende Verbrechen wie der Mord an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh haben eine zunehmend erhitzte Debatte über „Multikulturalismus“, „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ und „Integration“ angestoßen – alles Themen, die schon lange vor dem 11. September 2001 sehr wichtig waren. Jetzt betreffen sie allerdings nicht mehr so sehr den Bereich der Sozialpolitik, sondern eher den der Sicherheitspolitik. Humera Khan von der An-Nisa Society in London, einer der führenden muslimischen Vereinigungen, hat es auf den Punkt gebracht: Erst seit die muslimischen Minderheiten als Bedrohung für ihre Nachbarn gesehen werden, haben sie politische Bedeutung und stehen im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Ansonsten hätten sie ruhig in ihren trostlosen Vororten und Ghettos des sozialen Wohnungsbaus verrotten können – schließlich wussten sie doch ohnehin nichts mit sich anzufangen. Nun aber werden Muslime zunehmend als eine widerspenstige und unberechenbare Minderheit gesehen, eine fünfte Kolonne, deren gefährliche Machenschaften man durchschauen muss. Sie sind ein Problem, das gelöst werden muss.
Und hier kommt die „Islam-Industrie“ ins Spiel: eine Ansammlung von Beratern, Journalisten, politischen Kommentatoren, Aktivisten, Experten, die, gefördert durch Denkfabriken, Universitäten und Stiftungen, erkannt haben, dass sich die gesellschaftspolitischen Prioritäten verschoben haben – und dass es Ruhm zu ernten gibt (und oft auch Geld zu verdienen), wenn man Lösungen für das „Muslim-Problem“ bieten kann. Zahlreiche neue politische Netzwerke befassen sich mit den Muslimen in Europa.
Auch die Nachfrage nach „muslimischen Stimmen“, die eine „muslimische“ Sicht der aktuellen Ereignisse vermitteln, war noch nie so groß wie heute nach Jahrzehnten des Kampfes um Gehör und Beachtung herrscht nun an Aufmerksamkeit plötzlich kein Mangel mehr. Doch die wirkliche Frage ist, mit wem genau gesprochen wird und warum, und mit wem nicht. Ähnlich wie bei den Wörtern „schwarz“ oder „asiatisch“, diesen veralteten Identitätsbegriffen, versteckt sich auch hinter dem Label „muslimisch“, obgleich es auf ein gemeinsames Glaubenssystem und eine eigene Theologie verweist, ein beträchtlicher spiritueller Pluralismus, eine innerislamische Vielfalt. Durch die unvermeidliche Gründung von Dachverbänden wurde der Mythos der Homogenität noch gefördert, was den selbst ernannten Führern sehr gelegen kam. Dabei bilden die Muslime in Großbritannien mit ihren rund 56 Nationalitäten und über 100 Sprachen eine wahrhaft globale Religionsgemeinschaft in einem Land. In manchen anderen europäischen Ländern ist die Lage ähnlich.
Den Regierungen und Medien passt die Politik der Dachverbände gut ins Konzept. Dank der Konzentration auf „führende Vertreter“ der islamischen Gemeinden wird die Mehrheit der muslimischen Stimmen ausgeblendet. Das gilt natürlich vor allem für jene, die ohnehin schon am wenigsten Macht in ihrem eigenen Umfeld haben: Frauen, Jugendliche und ethnische Minderheiten innerhalb der größeren Gemeinden. Gerade diese Gruppen bräuchten unbedingt ihre eigenen frei gewählten Interessenvertretungen und natürlich auch die Möglichkeit, die etablierte Führung abzulehnen. Da die britische Regierung derartige Freiheiten bislang nicht auf eine lebendige muslimische Zivilgesellschaft ausweiten will, ein wirkliches Verständnis und angemessene Verwaltungsformen fehlen, haben Kontrollbestrebungen den Vorrang vor einer Förderung demokratischer Strukturen. Hier kann man den Regierungen Faulheit vorwerfen.

Dabei bräuchten die muslimischen Gemeinden dringende echte zivilgesellschaftliche Strukturen und Räume für einen freien Meinungsaustausch, damit unterschiedliche Ansichten in offenen und ehrlichen Diskussionen diskutiert und legitimiert oder entkräftet werden können. Tatsächlich haben sich aber ein paar Dachverbände und Regierungsstellen zusammengetan, um gemeinsam über die Wahrung einer „akzeptablen“ muslimischen Haltung zu wachen. Parallel dazu ermutigt die Islam-Industrie immer mehr Islam-Unternehmer, sich an der Lösung des Problems zu beteiligen.
Es geht mir hier nicht darum, derartigen Bestrebungen pauschal mangelnde Kompetenz vorzuwerfen. Viele von ihnen sind durchaus fähig, erfahren und haben etwas zu den aktuellen Diskussionen beizutragen. In Großbritannien verfügen Denkfabriken wie Demos, Policy Exchange und die Fabian Society über beträchtliche Ressourcen, führen umfassende Studien über muslimische Gemeinden durch und beleben die öffentliche Debatte. In den USA und Europa sponsern Stiftungen wie Carnegie, Rockefeller, Ford und Brookings mit Millionenbeträgen einen Karneval der Konferenzen mit Treffen und Gesprächsrunden auf „höchster Ebene“. Um dem nicht nachzustehen, stiftet der saudische Prinz Alwaleed Bin Talal Forschungszentren, die sich auf den Islam beziehungsweise Muslime in den USA konzentrieren.
Die Islam-Unternehmer bilden eine bunte Truppe. Ayaan Hirsi Ali etwa hat ihre Karriere mit ziemlich zweifelhaften – und viel diskutierten – Zeugnissen gemacht. Sie, die sich selbst abwechselnd als „Muslimin“ und dann wieder als „Ungläubige“ bezeichnet, hat nun einen Platz am neokonservativen American Enterprise Institute gefunden. Dadurch entfernt sie sich noch weiter von der Basis, zu der sie ohnehin schon lange den Kontakt verloren hatte. Ihr geht es vor allem um Karriere. Ähnliches gilt für Salman Rushdie.
Auf dem Marktplatz der Ideen sollten alle Meinungen gehört, unterschiedlichste Sichtweisen diskutiert und beurteilt werden, akzeptiert – oder verworfen. Manche Meinungen sind anderen gegenüber allerdings schon deshalb im Vorteil, weil sie in einer Sprache vorgetragen werden, die nicht-religiösen Zuhörern besser liegt. Einerseits bedauern liberale Kommentatoren das Fehlen inoffizieller, kreativer Positionen aus den muslimischen Gemeinden. Andererseits werden wirklich religiös geprägte Wissenschaftler nur selten zu den Konferenzen eingeladen, die überall zwischen London, Lissabon und Moskau stattfinden. Gerade die Sprache der Religion, die in den muslimischen Gemeinden großes Gewicht hat, stößt bei derartigen Treffen, von Ausnahmen abgesehen, auf wenig Resonanz.

Die Frage der der Authentizität, Legitimität und Autorität ist eines der zentralen Probleme der Islam-Industrie. Der Aktionismus von Islam-Experten und Politmanagern bedeutet noch lange nicht, dass die Regierung, Medien und Politiker Kontakt zur muslimischen Basis hätten, oder dass sie von den Anliegen, Gefühlen und Problemen der muslimischen Gemeinden wüssten. Eine Vielzahl an schlauen Rednern ist noch kein Zeichen dafür, dass die muslimischen Gemeinschaften ein besonderes Vertrauen in ihre Führung hätten. Je näher die aktuelle Islam-Industrie der Regierung zu sein scheint, desto misstrauischer wird der „Durchschnittsmuslim“. Vorschläge, am Islam selbst herumzubasteln, wie sie aktuell vom viel gelobten „Secular Islam Summit“, also auch vonseiten säkularer Muslime kamen, haben die muslimische Basis noch nervöser gemacht. Kein gläubiger Mensch möchte, dass seine Religion von einigen schlecht informierten Leuten verpfuscht wird. Muslime nehmen ihren Glauben sehr ernst und sehen die Leute, denen es ihrer Meinung nach nicht zusteht, diesen zu interpretieren, sehr kritisch.
Zugleich ist selbst bei Mitgliedern der Islam-Industrie zunehmend ein gewisser Muslim-Verdruss zu beobachten. So klagte ein deutscher Konferenzteilnehmer kürzlich: „Heute will jeder etwas zur Islam-Frage beitragen oder zum Dialog mit der muslimischen Welt. Da steckt jetzt viel Geld drin, aber es ist einfach so ermüdend.“ Gerade im Hinblick auf Themen wie sozialer Zusammenhalt, multikulturelle und multireligiöse Realität wäre es verständnisfördernd, wenn die Analysten gelegentlich ihr bequemes Umfeld der Forschungsinstitute und Konferenzsäle verlassen würden. Es wird Zeit, die beträchtlichen Ressourcen des ehrenamtlichen Engagements und der Gemeindearbeit zu evaluieren und effizient einzusetzen, statt sich immer wieder auf Politmanager zu verlassen. Die nächste Vollversammlung der Islam-Industrie sollte im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois stattfinden oder in Berlin-Kreuzberg. Da könnte man auch gleich ein paar sogenannte Extremisten mit an den Tisch holen, die sich laut und widerständig äußern und somit zumindest einiges von der Frustration der muslimischen Basis vermitteln. Mag sein, dass einige Universitätsmitarbeiter und Berater erst einmal zusammenzucken und sich winden würden aber es käme wenigstens mal eine echte Diskussion zustande. Wir brauchen wahrhaft demokratische Dialoge zwischen der Basis und der politischen Klasse. Wir könnten neue, aufregende Methoden entwickeln, um politische Lösungen für komplexe Probleme zu finden. Dass sich so viele zum Thema äußern, ist gar nicht unbedingt das Problem. Je mehr Stimmen, desto besser. Das Problem besteht eher darin, dass wir nur wenig aus unseren eigenen Erfahrungen gelernt haben und – wichtiger noch – kaum etwas aus anderen politischen Feldern wie der Debatte über Ethnien beziehungsweise Rassismus. Im Verlauf der Debatte haben sich mit öffentlicher Unterstützung Interessenverbände gebildet, denen es inzwischen allerdings sehr um den eigenen Fortbestand geht.
Muslimische Gemeinschaften suchen eher nach mehr überzeugenden Führungspersönlichkeiten, innovativen Ideen und Visionen als nach derartigen Interessenvertretungen. Sie wollen Möglichkeiten finden, sich sinnvoll für die Gesellschaft und ihre Glaubensgemeinschaft zu engagieren. Sie wollen gegen die allgegenwärtige Asymmetrie der Macht aufbegehren und ein wenig mitbestimmen wie jeder andere Bürger auch. Wenn die Islam-Industrie hier nichts zu bieten hat, wird es den aktuellen Anforderungen nicht gerecht.
Im Zentrum der Debatte um die „Professionalisierung“ der Religion und die Islam-Industrie steht für mich nach wie vor die Frage nach dem Wesen einer religiös geprägten Identität diese Diskussion betrifft primär gläubige Menschen. Letztendlich geht es bei der Religion eben nicht um eine politische Identität, sondern darum, wie man ein Leben im Bewusstsein des Göttlichen führen kann, im Einklang mit hohen moralischen Werten und ethischen Standards. Schließlich sagte schon der Prophet Mohammed, er sei nur gekommen, um „guten Charakter zu vervollkommnen“. Die Religion beeinflusst unser Alltagsverhalten, unsere persönlichen Entscheidungen. Lässt man diese Grundlagen einer religiös geprägten Identität außer Acht, wird man europäische Muslime nicht verstehen. Für die Muslime selbst ist entscheidend, dass sie sich ihrer Identität bewusst werden, sich nach konfessionellen Richtlinien organisieren und sich nicht zu einem Interessenverband unter anderen machen lassen.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker

Aus dem Englischen von Loel Zwecker



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