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Slavoj Žižek

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Tagtäglich werden wir von der liberalen Presse mit der Vorstellung bombardiert, die größte Gefahr unserer Zeit bestehe im intoleranten (ethnischen, religiösen, sexistischen ...) Fundamentalismus und dessen Bekämpfung sei nur mittels einer konsequent eingenommenen multikulturalistischen Haltung Erfolg versprechend. Ist eine solche Vorstellung aber tatsächlich so selbstverständlich? Was, wenn die vorherrschende Form der multikulturellen Toleranz gar nicht so unschuldig wäre, wie sie sich gibt, insoweit sie nämlich die Entpolitisierung der Ökonomie stillschweigend akzeptiert hat?

Diese vorherrschende Form des Multikulturalismus beruht auf der Idee, dass wir in einer postideologischen Welt leben, in der wir die alten, zu Uneinigkeit führenden Kämpfe zwischen Links und Rechts weit hinter uns gelassen haben und in der nun die wichtigen Schlachten diejenigen seien, die um die Anerkennung der unterschiedlichen Life-Styles gefochten werden – was, wenn dieser entpolitisierte Multikulturalismus die Ideologie des derzeitigen globalen Kapitalismus wäre? Deshalb ist es heute vielleicht notwendig, eine starke Dosis Intoleranz zu verabreichen, nämlich genau zum Zweck einer politischen, Uneinigkeit schaffenden Leidenschaft möglicherweise ist die Zeit gekommen, den herrschenden multikulturalistischen Ansatz von Links her zu kritisieren und ein Plädoyer für eine erneuerte Politisierung der Ökonomie zu halten.

In der Post-Politik wird der Konflikt der globalen ideologischen Entwürfe, die sich in unterschiedlichen Parteien verkörpern, die um die Macht kämpfen, durch die Kollaboration aufgeklärter Technokraten (Ökonomen, Spezialisten der öffentlichen Meinung ...) mit liberalen Multikulturalisten ersetzt über den Prozess der Aushandlung der Interessen wird ein Kompromiss in der Gestalt eines mehr oder weniger allgemeinen Konsenses erreicht. Post-Politik betont folglich die Notwendigkeit, die alten ideologischen Trennlinien hinter sich zu lassen und sich den neuen Problemen zu stellen, bewaffnet mit dem notwendigen Expertenwissen und freier Beratschlagung, welche die konkreten Bedürfnisse und Forderungen der Menschen in Betracht ziehen. Die beste Formel für dieses Paradox der Post-Politik stellt möglicherweise Tony Blairs Charakterisierung der New Labour als „radikaler Mitte“ dar: In den alten Zeiten der „ideologisch“ politischen Lager war die Bezeichnung „radikal“ entweder für die extreme Linke oder für die extreme Rechte reserviert. Das Zentrum war definitionsgemäß gemäßigt: gemessen an den alten Standards ist der Begriff „radikale Mitte“ ein ebensolcher Unsinn, wie „radikale Mäßigung“.

All das Gerede über Ausländer, die uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen oder über die Bedrohung, die sie für unser westliches Wertesystem darstellen, sollte uns nicht täuschen: bei näherer Betrachtung wird schnell klar, dass es eher eine Art überflüssige sekundäre Rationalisierung darstellt. Die Antwort, die wir schließlich und endlich immer von einem Skinhead bekommen werden, lautet, dass er sich eben gut fühle, wenn er Ausländer verprügelt, dass deren bloße Anwesenheit ihn störe.

Was passiert, wenn wir unseren Hass auf irgendeinen Repräsentanten des (offiziell tolerierten) Anderen richten, ist, kurz gesagt, nichts anderes als der Mechanismus der Sublimation im Reinzustand. Die allumfassende Natur der postpolitischen konkreten Universalität, [...] diese multikulturalistische Vision und Praxis einer „Einheit im Unterschied“ (alle sind gleich, alle sind verschieden) lässt, als einzige Art und Weise einen Unterschied zu markieren, die protosublimatorische Geste der Erhöhung des kontingenten Anderen (sei es in puncto Rasse, Geschlecht, Religion ...) in die „absolute Andersheit“ eines unmöglichen Dings in der Gestalt äußerster Bedrohung unserer Identität zu – ein Ding, das vernichtet werden muss, wenn wir überleben wollen.

Das postpolitische liberale Establishment erkennt die Lücke zwischen der bloß formalen Gleichheit und ihrer Aktualisierung/Implementierung nicht nur vollständig an, es erkennt auch die ausschließende Logik der „falschen“ ideologischen Allgemeinheit an es bekämpft sie sogar, indem sie ein ausgedehntes rechtlich-psychologisch-soziologisches Netzwerk von Maßstäben aufzieht, angefangen bei der Identifizierung der spezifischen Probleme einer jeden Gruppe oder Untergruppe (es geht nicht allein um Homosexuelle, sondern um afroamerikanische Lesbierinnen, afroamerikanische lesbische Mütter, afroamerikanische arbeitslose lesbische Mütter ...) bis hin zu einer Aufstellung eines ganzen Maßnahmenkatalogs („unterstützende Aktivitäten“ und so fort), um das Unrecht wiedergutzumachen.

Was ein solches tolerantes Vorgehen ausschließt, ist die eigentliche Geste der Politisierung: obwohl die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, eine afroamerikanische arbeitslose lesbische Mutter zu sein, bis in die kleinsten Details adäquat katalogisiert werden, „spürt“ die Betroffene nichtsdestoweniger, dass gerade an dieser Bemühung, ihrer spezifischen Zwangslage Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, etwas „faul“ und für sie „frustrierend“ ist – dadurch wird ihr nämlich die Möglichkeit genommen, dasjenige, was bei ihr „falsch“ läuft „metaphorisch“ zu erhöhen und dadurch zu einem Platzhalter für das zu machen, was als allgemein „Falsches“ Geltung besäße. Die einzige Art und Weise, diese Allgemeinheit zu artikulieren – die Tatsache, dass ich gerade nicht bloß das spezifische Individuum bin, das einer Anzahl von spezifischen Ungerechtigkeiten ausgesetzt ist – besteht dann im scheinbaren Gegenteil, im gänzlich „irrationalen“ Ausbruch von Gewalt.

Auf der einen Seite impliziert der sogenannte „Fundamentalismus“, dessen basale Formel die der Identität der eigenen Gruppe ist, den Ausschluss des bedrohlichen Anderen: Frankreich den Franzosen (wider die algerischen Einwanderer), Amerika den Amerikanern (wider die Invasion der Hispanics), Slowenien den Slowenen (wider die überhandnehmende Anwesenheit derer „aus dem Süden“, den Emigranten aus den exjugoslawischen Republiken)... [...] Auf der anderen Seite steht die postmoderne multikulturalistische „Identitätspolitik“, die auf die tolerante Koexistenz von ewig sich wandelnden „hybriden“ Life-Style-Gruppen setzt, die in endlose Untergruppen aufgespaltet werden (hispanische Frauen in den USA, schwarze Schwule, weiße männliche AIDS-Patienten, lesbische Mütter ...).

Dieses immer weitere Aufblühen von Gruppen und Untergruppen mit ihren hybriden und flüssigen, wechselnden Identitäten, eine jede auf ihrem Recht, ihr spezifisches Leben führen zu dürfen und/oder ihre spezifische Kultur auszuleben beharrend – eine solche unablässige Diversifikation ist nur möglich und denkbar vor dem Hintergrund der kapitalistischen Globalisierung. Auf diese Weise affiziert die kapitalistische Globalisierung unser Gefühl für ethnische und andere Formen der Gemeinschaftszugehörigkeit: die einzige Verbindlichkeit zwischen diesen multiplen Gruppen ist die Verbindlichkeit des Kapitals selbst, immer bereit, die spezifischen Forderungen jeder Gruppe und Untergruppe zu befriedigen (schwuler Tourismus, Hispano-Music ...).

Darüber hinaus ist die Opposition zwischen Fundamentalismus und postmoderner pluralistischer Identitätspolitik nichts anderes als ein Schwindel und verheimlicht bloß ihre tiefer liegende Solidarität [...]: ein Multikulturalist kann ohne Schwierigkeiten selbst die „fundamentalistischste“ ethnische Identität attraktiv finden, insoweit sie nämlich die Identität des angeblich authentischen Anderen ist (zum Beispiel in den USA die tribale Identität der Ureinwohner) und eine fundamentalistische Gruppe kann in ihrem gesellschaftlichen Funktionieren ohne Schwierigkeiten die postmodernen Strategien der Identitätspolitik übernehmen, sich selbst als bedrohte Minderheit darstellen, die einfach nur darum kämpft, ihre besondere Lebensart und ihre kulturelle Identität zu erhalten. Die Trennlinie zwischen multikulturalistischer Identitätspolitik und dem Fundamentalismus ist folglich bloß formal oft beruht sie einzig und allein auf der andersgearteten Perspektive, von der aus ein Beobachter eine Bewegung betrachtet, die sich für die Aufrechterhaltung ihrer Gruppenidentität einsetzt.

Natürlich ist die ideale Ideologie für einen solchen Kapitalismus der Multikulturalismus, jene Einstellung, die von einer Art leerem globalem Standpunkt aus jede Lokalkultur so behandelt, wie der Kolonist seine Kolonisierten behandelt – als „Eingeborene“, deren Sitten genau studiert werden müssen und die zu „respektieren“ sind. Das heißt, dass das Verhältnis zwischen traditionellem imperialistischen Kolonialismus und globaler kapitalistischer Selbstkolonisierung exakt dasselbe Verhältnis darstellt wie das zwischen westlichem Kulturimperialismus und Multikulturalismus: in gleicher Weise wie der globale Kapitalismus das Paradox einer Kolonisierung ohne kolonisierende nationalstaatliche Metropole beinhaltet, beinhaltet der Multikulturalismus den gönnerhaften eurozentristischen Abstand und/oder Respekt gegenüber lokalen Kulturen, die nicht aus der eigenen Partikularkultur stammen.

Mit anderen Worten ist Multikulturalismus also eine verleugnete, verkehrte, selbstreferentielle Form des Rassismus, ein „Rassismus, der Abstand hält“ – er ,,respektiert“ die Identität des Anderen, begreift das Andere als eine in sich geschlossene „authentische“ Gemeinschaft, zu der er, der Multikulturalist, einen Abstand einnimmt, was seine privilegierte universelle Position belegt. Multikulturalismus ist ein Rassismus, der seine eigene Position von jeglichem positivem Inhalt freigemacht hat (der Multikulturalist ist kein unmittelbarer Rassist, er erlegt dem Anderen nicht die partikularen Werte seiner eigenen Kultur auf), trotzdem bleibt aber diese Position die eines privilegierten leeren Platzes der Universalität, von dem aus man in der Lage ist, die anderen partikularen Kulturen zu bewerten (oder zu entwerten) – der multikulturalistische Respekt vor der Besonderheit des Anderen ist nichts anderes als die Behauptung der eigenen Überlegenheit.

Der Schluss, der daraus gezogen werden muss, lautet, dass das Problem des Multikulturalismus (der hybriden Koexistenz von diversen kulturellen Lebenswelten), das sich uns heute auferlegt, die Erscheinungsform des Gegenteils ist, nämlich der massiven Präsenz des Kapitalismus als globalem Weltsystem: er bezeugt die beispiellose Homogenisierung der heutigen Welt. Tatsächlich ist es so, da es uns der Horizont der gesellschaftlichen Imagination nicht mehr erlaubt, die Vorstellung einer eventuellen Abdankung des Kapitalismus aufrechtzuerhalten – da, wie man auch sagen könnte, jetzt jeder stillschweigend akzeptiert hat, that capitalism is here to stay –, als ob die kritische Energie in ihrem Kampf für die kulturellen Differenzen nun ein Ersatzventil gefunden hat, das die basale Homogenität des kapitalistischen Weltsystems intakt lässt. Der Preis, den man für genau diese Entpolitisierung der Politik entrichten muß, ist der, daß die Domäne der Politik selbst auf gewisse Art und Weise entpolitisiert wird. Der eigentliche politische Kampf wird in einen Kulturkampf um die Anerkennung von Marginalidentitäten und für die Toleranz gegenüber den Unterschieden umgewandelt. Es verwundert deshalb nicht, dass die Toleranz liberaler Multikulturalisten im Teufelskreis gefangen ist, zugleich zu viel und zu wenig der Besonderheit der Kultur des Anderen zuzugestehen.

Die Lektion aus all dem, die anlässlich der Reaktion des Westens gegenüber dem bosnischen Krieg wieder Aktualität erlangt hat, ist folglich, dass es keine Möglichkeit gibt zu vermeiden, parteiisch zu sein, da jeder neutrale Ansatz schon beinhaltet, sich auf eine Seite geschlagen zu haben (im Falle des bosnischen Krieges hatte das „ausgewogene“ Gerede über den balkanisch-ethnischen „Stammeskrieg“ schon den serbischen Standpunkt übernommen). Humanistische liberale Gleichbehandlung kann leicht ins Gegenteil kippen oder sich mit ihm decken und dann tatsächlich sogar noch die gewaltsamsten „ethnischen Säuberungen“ tolerieren. Kurz: der Linke verletzt nicht einfach nur die unparteiische Neutralität des Liberalen was er aufzeigt ist, dass es so etwas wie Neutralität gar nicht gibt.

Die große Neuigkeit im heutigen postpolitischen Zeitalter des „Endes der Ideologie“ ist die radikale Entpolitisierung der Sphäre der Politik: das Verfahren der Wirtschaft (die Notwendigkeit, Sozialausgaben zu kürzen und so weiter) wird einfach als eine Einsicht in irgendeinen objektiven Stand der Dinge betrachtet. Solange jedoch diese fundamentale Entpolitisierung des ökonomischen Bereichs akzeptiert wird, wird all das Gerede über aktive Bürgermitbestimmung, über öffentliche Diskussionen, die zu verantwortungsvollen gemeinsam getroffenen Entscheidungen führen und so weiter, auf die „kulturell“ limitierten Anliegen der religiösen, sexuellen, ethnischen und anderer Lebensformunterschiede begrenzt bleiben, ohne tatsächlich auf eine Ebene vorzudringen, auf der langfristig wirksame Entscheidungen getroffen werden könnten, die uns alle angehen.

Der einzige Weg, eine Gesellschaft herbeizuführen, in der risikoreiche basale Entscheidungen aus einer öffentlich geführten Debatte aller Betroffenen herrühren, besteht kurz gesagt in einer Art radikaler Limitierung der Freiheit des Kapitals, in der Unterordnung des Produktionsprozesses unter soziale Kontrolle, was einer radikalen Repolitisierung der Ökonomie gleichkommt. [...] All das an allen Ecken lauernde Gerede über neue Formen der Politik bezieht sich auf partikulare Angelegenheiten (Rechte der Schwulen, Ökologie, ethnische Minderheiten...), all diese unaufhörliche Aktivität flüssiger, sich verwandelnder Identitäten, der Herstellung von vielgestaltigen ad-hoc-Koalitionen und so fort, hat etwas Unechtes an sich und gleicht letztlich dem Zwangsneurotiker, der unaufhörlich daherredet und auch sonst fürchterlich aktiv ist, gerade um zu vermeiden, dass etwas – etwas, das wirklich zählt – nicht gestört wird, und weiter hübsch stillhält. Anstatt also die neuen Freiheiten und Verantwortlichkeiten zu bejubeln, die uns eine „zweite Moderne“ beschert hat, ist es viel wichtiger, sich auf dasjenige zu konzentrieren, was in dieser ganzen globalen Verflüssigung und Reflexivität dasselbe bleibt, was diesem Im-Fluss-Befindlichen als eigentlicher Antriebsmotor dient: die unerbittliche Logik des Kapitals.

Wir sollten folglich die alte marxistische Kritik der „Verdinglichung“ wieder geltend machen, da heute die Betonung der entpolitisierten „objektiven“ ökonomischen Logik gegen die angeblich „überholten“ Formen der ideologischen Leidenschaften selbst die vorherrschende ideologische Form vorlegt, da die Ideologie immer selbstreferentiell bleibt, das heißt, sich immer durch die Distanznahme zu einem Anderen definiert, das sie als „ideologisch“ abweist und denunziert. Aus genau diesem Grund, das heißt, weil die entpolitisierte Ökonomie die verleugnete „fundamentale Fantasie“ der postmodernen Politik ist, würde ein eigentlicher politischer Akt notwendigerweise die Repolitisierung der Ökonomie zur Folge haben.

Deutsche Übersetzung Andreas Leopold Hofbauer



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