Der große Diktator

Hans-Peter Kunisch

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Charlie, der Tramp, ist eine der liebenswürdigsten Figuren der Filmgeschichte, konsensfähig bis in alle Ewigkeit, denkt man. Bis Abbas Khider ihn in seinem zweiten Roman „Die Orangen des Präsidenten“ auftauchen lässt. Dort bringt „Chaplin“ den Ich-Erzähler zum Lachen – und rettet ihn damit wohl vor Schlimmerem. Denn der, der den Erzähler an Charlie erinnert, ist Gefängniswärter im Irak: „Er war sehr klein, nur knapp über einen Meter groß, schien mir, und trug einen lustigen Zweifingerschnurrbart. Er hatte einen Offiziersstab bei sich, mit dem er gerne um uns herumtanzte und immer wieder auf uns einstach und -schlug. Wenn er seine Gefangenen verprügelte, biss er sich mit spitzen Zähnen vor Lust auf seine wulstige Zunge.“ Gerade liegt der Ich-Erzähler am Boden, „wimmernd vor Schmerz“, erschüttert vor dieser Verwandlung des hilflosen Tramp in einen teuflischen Giftzwerg. Doch der ist erschöpft, macht Pause. Der Ich-Erzähler nimmt kurz die Hände vom Kopf. Chaplin „schwitzte und noch immer hielt er seine Zunge zwischen den Zähnen“, auf einmal erinnert er zu deutlich an sein Vorbild. Der Erzähler muss lachen, kann nicht mehr aufhören. Alle sind perplex. Der Erzähler ist ein Verrückter, dem man am Ende nichts mehr antun kann.

Diese großartig geschriebene Passage macht Abbas Khider zum Ausgangspunkt seines zweiten Romans. Ein Jahr danach erinnert sich das Ich an Chaplin in einem Flüchtlingslager an der irakisch-kuweitischen Grenze, mitten in der Wüste: „Flüchtlingslager sind der langweiligste Ort der Welt“, und gerade deshalb will der Erzähler nichts vergessen, „sonst schafft die Langeweile, was all die grauenvollen Abenteuer der letzten Jahre nicht vollbracht haben: mir endgültig den Verstand zu rauben“. Das Erinnern ist ein Erzählen. Das Ich ist eine klassische Herausgeberfigur, die Mahdi Hammas’ „wahre Geschichte ‚Der Taubenzüchter‘“ einleitet. Wie in Khiders Erstling „Der falsche Inder“ entfaltet sich der eigentliche Text innerhalb einer Rahmenerzählung. Aber man sollte sich nicht täuschen. Das ist so ziemlich das Einzige, was die beiden Bücher verbindet. Denn was „Der falsche Inder“ außergewöhnlich machte, das war die erstaunliche emotionale Distanz zur erzählten Geschichte. Immerhin: Man hatte es als Leser mit einem ganz offensichtlich mit dem Autor in vielen Aspekten verwandten Ich-Erzähler zu tun, der über Jahre hinweg illegal in mehreren nicht einfachen afrikanischen und europäischen Ländern gelebt hatte. Und trotzdem hatte er sich eine lässige Leichtigkeit bewahrt, die ihn einen souveränen Schelmenroman erzählen ließ und ihn noch bis in bayerische Asylantenheime vor tiefer-em Leiden bewahrt hat.

War der Vater in „Der falsche Inder“ ein klassischer Macho-Angeber, ein Saddam-Anhänger, der den eigenen Sohn verriet, hat dieses neue Ich einen Vater, der sich an der Front auf einer Anhöhe eine Zigarette anzündet und unfreiwillig den Heldentod eines Märtyrers stirbt – wofür die Mutter vom Staat einen Renault und ein Grundstück erhält. Das formal Spielerische seines ersten Romans hat Khider beibehalten und transformiert. In „Die Orangen des Präsidenten“ geht es beim Erzählen chronologisch vor und zurück. Doch die Beweglichkeit, die sich dadurch einstellt, färbt nicht auf die Stimmung des Buches ab. „Die Orangen des Präsidenten“ ist ein ernstes Buch. Es werden mehrere Geschichten nach- und teils auch nebeneinander erzählt, meist spielen sie im Gefängnis und im Krieg. Es scheint, als ob Khider in den einzelnen Passagen Menschen aus seiner Erinnerung porträtiert und ihnen ein literarisches Denkmal setzen will: für Sami etwa, den Ersatzvater und Taubenzüchter, und für Shruq Fridon, der sich nach drei Monaten Gefängnis umbringt. Schon die Geschichte hinter dem gut gewählten Titel ist bezeichnend für den neuen Geist dieses Buches. Wie jedes Jahr hoffen die Gefängnisinsassen vor Saddams Geburtstag auf eine Amnestie. Doch diesmal bringt der Jubeltag wenig. Statt Freiheit erhält jeder eine saftige Orange.

Die Orangen des Präsidenten. Von Abbas Khider. Edition Nautilus, Hamburg, 2011.



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