Der französische Kosmos

Abdourahman Waberi

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


„Wenn ein Spanier (Jorge Semprún, füge ich als Beispiel hinzu), ein Tscheche (Milan Kundera), ein Engländer (jemand von der Größe eines Theodore Zeldin) oder ein Grieche (Vassilis Alexakis) auf Französisch spricht oder schreibt, nennt man ihn einen Kosmopoliten“, erzählt der algerische Schriftsteller Abdelkader Djemaï, der seit den 1990er-Jahren in der Gegend von Paris lebt, gerne auf seinen Vorträgen, die er meistens vor einem französischsprachigen Publikum hält. „Wenn es sich jedoch um einen Algerier (etwa Djemaï selbst) oder einen Senegalesen (Boubacar Diop) handelt, sprechen alle von einem Immigranten!“
Ich denke, in dieser Anekdote drückt sich das Stigma aus, mit dem Afrika und mit dem Kontinent auch seine Autoren belegt sind. Doch auch wenn Georg Wilhelm Friedrich Hegel anderer Meinung war, Afrika ist keineswegs ein geschichtsloser Kontinent. Ganz im Gegenteil, Afrika ist ein Ort wichtiger his-torischer Ereignisse der Menschheitsgeschichte, in dem viele Kulturen und Königtümer entstanden. Die dunkle Zeit Afrikas, die in gewisser Hinsicht auch heute noch fortdauert, ist die Folge mindestens zweier Einschnitte von zuvor nicht da gewesener Heftigkeit: dem Sklavenhandel und der Entkolonialisierung. Diese beiden Ereignisse von außergewöhnlicher Tragweite haben die afrikanischen Völker bis auf das Blut ausgesaugt und über Jahrhunderte in ihrer Entwicklung gehemmt. Wenn wir, die afrikanischen Künstler diese Vergangenheit in Erinnerung rufen, dann geht es darum, die bewegte und schmerzhafte Geschichte des Kontinents in die richtige Perspektive zu rücken. Es geht um einen anderen Zugang zu Afrika, darum, Afrika diametral zur Literatur des europäischen Kolonialismus zu setzen.
Natürlich sind viele Schriftsteller Afrikas geprägt von der Auseinandersetzung mit Kolonialisierung und Dekolonialisierung, sowohl in Bezug auf politische Unabhängigkeit als auch auf die kulturelle Identität. Der Schriftsteller und Honorarprofessor Albert Memmi wurde zu einem der ersten Übersetzer der Komplexität und psychischen Ungewissheit des kolonialen Kontextes. Memmi wurde als französischer Jude während der Kolonialzeit in Tunesien geboren. Sein erstes Werk von 1957 ist auch heute noch brandaktuell. Seine klaren Analysen, die das komplexe Verhältnis zwischen Kolonisten und Kolonisierten beleuchten, dienten einer ganzen Generation von Schriftstellern zur Legitimierung ihrer Emanzipationsbestrebungen. Doch sind seine Analysen nicht ohne Fehler. Memmi hatte vorausgesagt, dass nach der Erlangung der Unabhängigkeit in den 50er-Jahren die (nord)afrikanische Literatur in französischer Sprache verschwinden würde. Fünf Jahrzehnte nach der gewaltigen Entkolonialisierungswelle hat sich seine Vorhersage als falsch erwiesen. Außer dem algerischen Schriftsteller Malek Haddad sind nur sehr wenige Autoren dem von Memmi vorgezeichneten Weg gefolgt. Denn der sprachliche Status der Schriftsteller aus den entkolonialisierten Gebieten ist keinesfalls selbstverständlich. Die politische Unabhängigkeit muss nicht unbedingt mit einer sprachlichen Loslösung von der ehemaligen Kolonialmacht einhergehen.
Doch Afrika hat viele Sprachen. Die afrikanischen Schriftsteller sind Erben eines Kontinents, auf dem sich freiwillig oder erzwungenermaßen verschiedenste historische, politische und religiöse Schichten miteinander verflechten. Sie sind aufgewachsen in einem linguistischen und kulturellen Mahlstrom. Das Meer der- Sprachenvielfalt, in dem fast alle gro-ßen afrikanischen Metropolen (Kinshasa, Johannesburg, Lagos und andere) baden, würde wohl mehr als einem europäischen Schriftsteller den Boden unter den Füßen wegziehen.
In Afrika setzt sich oft eine Sprache als lokale Hauptsprache durch, aufgrund ihrer Geschmeidigkeit und Vielseitigkeit, ihrer Funktionalität oder der Anzahl der Sprecher – so etwa das Lingala in der Gegend von Kinshasa oder das Wolof im überwiegenden Teil des Senegals. Die Nicht-Muttersprachler passen sich dem mit mehr oder weniger Enthusiasmus und Energie an. Die Verhältnisse sind jedoch zu komplex, als dass man sie verkürzt und schematisch darstellen könnte.
„Jede Sprache besitzt eine eigene Rationalität, eine eigene Identität und eine eigene Art, Dinge anzugehen, eigene Metaphern, eine eigene männliche und weibliche Form. Jede Sprache transportiert die Lebensart ihrer Sprecher, ihr kulturelles Universum“, betonte der Dichter Mahmoud Darwish, der schon in seiner eigenen Person das Schicksal der Palästinenser symbolisierte, die im ewigen Konflikt des Nahen Ostens ihr Land verloren haben. Dabei ist es das He-bräische, die Sprache der Besetzer, die den Palästinensern in der Schule aufgezwungen wurde, das ihm den Zugang zur Weltliteratur ermöglichte. Durch die israelischen Übersetzungen hatte er Zugang zu den griechischen Tragödien, den russischen Klassikern und zeitgenössischen Autoren wie -Federico García Lorca, Paul Éluard oder Pablo Neruda. Die Sprache der Besetzer birgt deshalb ungeahnte Privilegien. Die französische Sprache ist für mich ein Raum der Kreation, aber auch der Übersetzung. Alles in allem ist es eine ironische Situation für die Schriftsteller aus den Ländern des Südens, egal ob sie im Ursprungsland oder im Exil leben. Schlimmer, die Situation spottet jeglicher Vernunft und der schönen, von Johann Gottfried von Herder oder Ernest Renan gepriesenen Maxime (eine Sprache, ein Land, eine Nation). Und wenn eine der sichersten Methoden, ganz man selbst zu werden, darin bestehen würde, jemand anderer zu werden?

„… diese Verzweiflung kennt nicht ihresgleichen
zu zähmen, mit Worten aus Frankreich
dieses mein Herz aus dem Senegal“
Léon Laleau

Dieser Vers des haitianischen Dichters ist als eine Verdichtung des Schmerzes verstanden worden, entsprungen aus dem starken Schuldgefühl des französischsprachigen Schriftstellers, der hin- und hergerissen war zwischen der Sehnsucht nach der Sprache seiner Väter und einem Wunsch nach Pragmatismus und/oder Modernismus. Schließlich ist die Sprache des Vaters zugegebenermaßen nicht immer das geeignete Werkzeug, um die Welt des Sohnes auszudrücken. Doch sind Pauschalisierungen der afrikanischen Literatur schwierig.
Zunächst müsste man vor allem von den afrikanischen Literaturen im Plural sprechen. Diese Literaturen teilen nicht dasselbe Schicksal. Es hängt davon ab, ob sie nun in afrikanischer Sprache oder europäischer Sprache verfasst sind, ob sie in Afrika oder außerhalb Afrikas veröffentlicht werden. Die Landschaft ist ebenso reich an Kontrasten wie die Länder, die Regionen, die Epochen. Beispiele für diejenigen, die im Großen und Ganzen einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt haben, sind die Nobelpreisträger Wole Soyinka, Naguib Mahfouz, Nadine Gordimer und J. M. Coetzee.
Wenn man in diesem zersprungenen und vielgestaltigen Feld die Schriftsteller und Künstler einmal näher betrachtet, die die französische Sprache zu ihrem Haupthandwerkszeug gemacht haben, wird man dort alle nur denkbaren Positionen und Haltungen finden. Man muss einmal hinhören, was diese Schriftsteller über ihr Verhältnis zur französischen Sprache sagen. Aber: Von welcher französischen Sprache sprechen wir eigentlich? Gibt es überhaupt nur eine französische Sprache, von Montreal bis zur Insel Mauritius, von Papeete bis nach Paris?
Vielmehr gibt es wohl viele Arten des Französischen und viele Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung durch das Französische. Die Sprache als Ausdruck der Geschichte des Autors, der Herkunft und des Lebenswegs. Die Verwendung der Sprache zur Reproduktion des Selbst. So schreibt der aus Tunesien stammende Dichter Hédi Bouraoui: „Ich möchte ein Französisch schreiben, das die Farben der Kultur trägt, die einen Teil meines Weges ausmachen.“ Die Rolle des Französischen als Kosmos, in dem sich Kulturen sammeln, betont Kossi Efoui, Schriftsteller und Dramaturg togoischen Ursprungs: „Für mich ist Französisch die Sprache, in der ich andere Kulturen entdeckt habe, weil es ein Raum der Übersetzung ist.“
Man kann unmöglich eine klare Schlussfolgerung ziehen. Die Wahl der Schriftsprache hängt nicht allein von der Bereitwilligkeit des Schreibenden ab. Diese Frage betrifft eine ganze Gesellschaft und verwandelt sich zuweilen in nationales Schicksal.

Aus dem Französischen von Annalena Heber



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