„Künstler müssen sich mehr beteiligen“

von Karl-Erik Norrman

Körper (Ausgabe II/2010)


Sie haben 2001 die Initiative zur Gründung des Europäischen Kulturparlaments ergriffen. Warum brauchen wir so etwas?

Der Musiker Yehudi Menuhin hat einmal gesagt: Die Künstler brauchen ein Parlament! Leider hatte ich nie die Gelegenheit, zu erfahren, was genau er damit meinte. Aber wir haben es so interpretiert: Die Künstler müssen aktiver werden im europäischen Diskurs. Künstler zu sein, bedeutet auch, kosmopolitischer zu denken. Kultur zu schaffen, ist eine grenzüberschreitende Aktivität. Wir versuchen, mehr Verständnis zu ermöglichen, indem wir Meinungen austauschen und Netzwerke bilden. Es ist gut für die europäische Seele, dass Künstler zusammenkommen.

Ist die „europäische Seele“ nicht nur ein künstliches Konstrukt?

Nein. Wenn ich das denken würde, hätte ich das Kulturparlament nicht gegründet. Da ist eher die Europäische Union künstlich als die europäische Seele.

Wie kommt ein Künstler ins Kulturparlament?

Jeder Künstler sollte in seinem Bereich bedeutend oder zumindest sehr vielversprechend sein. Zweitens muss jeder Englisch beherrschen, weil wir leider nicht alle europäischen Sprachen dolmetschen können. Drittens muss man kommunikativ sein. Die Kerngruppe wurde von den Senatoren, der europäischen Idee verpflichteten Persönlichkeiten, nominiert, zu denen auch ich gehöre. Auch Parlamentsmitglieder dürfen neue Mitglieder nominieren – allerdings keine aus dem eigenen Land.

Wo und wie oft tagt das Kulturparlament?

Unsere erste Sitzung fand 2002 in Brügge statt, der damaligen Kulturhauptstadt. Wir hatten fast 40 Künstler aus 23 Ländern eingeladen. Heute haben wir rund 150 Mitglieder, darunter etwa den ukrainischen Schriftsteller Juri Andruchowytsch oder die spanische Autorin Rosa Montero. Jedes Jahr treffen wir uns an einem anderen Ort. Oft in den Kulturhauptstädten, die eine wunderbare Initiative sind. Alle Kunstsparten sind vertreten, vom Tanz über die Literatur bis zur bildenden Kunst.

Sie sprechen von einem Parlament, aber die EU-Bürger dürfen nicht mitwählen. Das klingt nicht sehr demokratisch.

Dass wir unser Forum ein Parlament nennen, ist natürlich eine Provokation. Weil die Mitglieder nominiert werden, ist es kein Parlament im eigentlichen Sinne. Wir sind eine Netzwerkorganisation, ein gemeinnütziger Verein. Aber unsere Arbeit ähnelt der eines Parlaments. Wir diskutieren und erarbeiten fast jedes Jahr eine Resolution, etwa zum Erhalt des Kulturerbes in Bosnien-Herzegowina. Diese geben wir an die Presse weiter oder an relevante Stellen in Europa. Insofern sind wir auch eine Lobbygruppe.

Wie transparent machen Sie, was bei Ihren Sitzungen passiert?

Wer will, kann alles erfahren. Unsere Sitzungen sind öffentlich, jeder kann teilnehmen. Man kann sich nicht äußern, darf aber mithören. Auch unsere Webseite www.kulturparlament.com fasst die wesentlichen Ergebnisse zusammen. 
 
Im Europäischen Kulturparlament sitzen auch Künstler aus Armenien, Russland oder der Türkei.

Die Europäische Union reicht nicht als Definition für Europa. Wir orientieren uns am Europarat. Er hat heute 47 Mitglieder und reicht vom Kaspischen Meer bis zum Atlantik. Norwegen und die Schweiz zum Beispiel sind ja auch keine EU-Mitglieder, aber definitiv europäisch. In der Musik, Literatur und Kunst waren Grenzen nie vorhanden. Für Tschaikowsky war es selbstverständlich, auch in Paris oder Berlin zu arbeiten. 
 
Wie finanziert sich das Kulturparlament?

Da habe ich eine paradoxe Antwort. Obwohl es ein europäisches Projekt ist, beruht die Finanzierung zum großen Teil auf Lokalpatriotismus. Die Gastgeberstadt übernimmt den Hauptanteil. Ansonsten unterstützen uns auch Stiftungen. Die finanzielle Unabhängigkeit schadet ja nicht. Wir können sagen, was wir wollen, und sind nicht etwa der Pudel der EU-Kommission. 
 
Was möchten Sie mit dem Parlament erreichen?

Wir möchten eine respektierte Stimme im europäischen Diskurs sein. Alle Mitglieder organisieren Pressetreffen in ihren Ländern oder schreiben Artikel. Es formieren sich auch Gruppen, die Projekte durchführen. In Europa gibt es die Tradition, Kultur durch den öffentlichen Sektor zu unterstützen, das muss verteidigt werden. Es gibt heutzutage ein Hollywood-Syndrom. Man konzentriert sich auf das Äußerliche. Ich liebe schöne Architektur, aber manchmal baut man prächtige Opernhäuser und für das Programm fehlt der Etat.

Sie waren früher Opernsänger, sind also selbst Künstler. Was bedeutet Europa für Sie?

Europa steht für Demokratie, Menschenrechte und Vielfalt. In der globalisierten Welt können sich kleine Länder schwer behaupten, wenn es um die großen Fragen geht. Europa ist am stärksten, wenn es mit einer Stimme spricht. Sehen Sie meinen Schal vom Fußballclub AS Rom? Ich bin Stockholmer, Rom-Fan und wohne in Berlin. Das ist für mich Europa.

Das Interview führte Carmen Eller



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