„Ohne Bildung können wir nichts bewegen“

ein Interview mit Hachim Haddouti

Körper (Ausgabe II/2010)


Sie haben eine Institution gegründet, die Wissen aus Deutschland nach Marokko transferieren soll. Wie funktioniert das?

Der Transfer geht in beide Richtungen. Deutsche Fachkräfte stellen ihr Wissen in Marokko zur Verfügung und lernen von ihren Kollegen dort auch. Es geht darum, Know-how in verschiedenen Bereichen – Medizin, IT, erneuerbare Energien, Automobilbranche, Bildungs-, Sozial- oder Kulturprojekte – Kollegen in Marokko vorzustellen. Es werden etwa Vorlesungen in Universitäten oder Trainings für Studenten angeboten, bei denen man ihnen neue Technologien, die in deutschen Unternehmen eingesetzt werden, erklärt.

Dieses Know-how ist also Wissen, das Marokkaner in Deutschland erworben haben?

Richtig. Die Mitglieder unseres Kompetenznetzwerks sind meistens Alumni deutscher Universitäten, die eine exzellente Ausbildung hier genossen haben und dieses Wissen gerne zur Verfügung stellen möchten. Sie wollen an einer positiven Entwicklung Marokkos mitarbeiten und einen Beitrag dazu leisten.
 
Wollen Sie auch einen Kontakt in die frühere Heimat herstellen, der sonst vielleicht gar nicht mehr vorhanden ist?

Ja. Der Know-how-Transfer ist das eine. Ein weiteres Ziel ist, die Integration marokkanischstämmiger Bürger in Deutschland zu fördern. Und drittens wollen wir auch den Dialog zwischen den Kulturen intensivieren. Deutsch-Marokkaner, die hier geboren sind, haben Marokko oft nur wenig kennengelernt. Wir versuchen, ihnen das Land aus einer neuen Perspektive vorzustellen.

Deshalb haben wir jetzt zum Beispiel ein Projekt mit dem marokkanischen Ministerium für die Diaspora aufgestellt: Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren, die jetzt gerade in der Ausbildung oder an Universitäten sind, wollen wir in einem Austauschprogramm zusammenbringen. Wir wollen sie für Marokko begeistern. Eine Woche werden sie in einem Entwicklungsprojekt mitarbeiten und dann eine Woche Marokko und seine Kultur kennenlernen.


Bei der ersten „Herbst-Universität“, die Sie im November 2009 in Fès veranstaltet haben, wurde die enorme Vielfalt Ihrer Projekte deutlich. Besteht da nicht die Gefahr, sich zu verzetteln, wenn man sowohl Kultur- und Bildungsprogramme als auch Wirtschafts-und Entwicklungshilfeprojekte unterstützen möchte?

Die Frage stellen wir uns auch. Wir haben uns natürlich Schwerpunkte gesetzt, das sind Bildung, Medizin, erneuerbare Energien und die Automobilindustrie. Aber was wir tun, hängt auch viel von der Begeisterung der Leute ab, die es umsetzen wollen. Wenn einer unserer 460 Experten ein tolles Projekt in einem Bereich außerhalb unserer Schwerpunkte umsetzen will, unterstützen wir dies.
 
Haben Sie ein Lieblingsprojekt?

Das Projekt IT-Karawane liegt mir am Herzen, weil Bildung in Zeiten internationaler Vernetzung zur entscheidenden Ressource für globale Wettbewerbsfähigkeit wird, aber auch für die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Ohne Bildung können wir in Marokko nichts bewegen. Die IT-Karawane soll Schüler für Wissenschaft sensibilisieren. Zum Beispiel, indem man zeigt, dass man mit Informatik nicht nur programmieren, sondern auch Musik komponieren kann oder Mode designen. Wir haben bisher ein Pilotprojekt in fünf Städten und fünf Schulen durchgeführt und dort sind unsere Themen sehr gut angekommen. 2010 wollen wir die Karawane flächendeckend auf ganz Marokko ausweiten. 
 
Sie arbeiten sehr eng mit den offiziellen Stellen in Marokko, aber auch in Deutschland, zusammen.

Das ist richtig.

Die Schirmherrschaft der Herbst-Universität hatte König Mohammed VI übernommen, der deutsche Botschafter war auch da. Was versprechen Sie sich von diesen Kontakten zur Politik für Ihre Arbeit? Haben Sie auch überlegt, Ihre Projekte ohne staatliche Hilfe zu organisieren?

Man muss ein bisschen auf die Geschichte unseres Netzwerkes schauen. Viele von uns sind ja nicht erst seit 2007 in Projekten dieser Art tätig. Ihre Kooperationen in Marokko haben sie individuell organisiert, ohne die Unterstützung marokkanischer Institutionen. Die Hilfe offizieller Stellen macht aber vieles leichter. Ein Beispiel: Wir haben im letzten Sommer eine Schule im Süden Marokkos gekauft, einen Schulbus organisiert und mit der Fähre übergesetzt. Wenn wir ohne die Hilfe der Botschaft die Verzollung des Busses hätten durchführen müssen, hätte das Monate gedauert.

Merken wir allerdings, dass die offiziellen Stellen andere Interessen als wir haben, dann sind wir auch in der Lage, ohne sie zu arbeiten. Marokko hat sich in den letzten zehn Jahren gewandelt. Ich kann nicht sagen, dass es zu 100 Prozent ein demokratisches Land ist, aber man sieht in allen Bereichen Entwicklungen. Wir arbeiten auch mit deutschen Institutionen zusammen. Der erste Kontakt war die frühere Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Ohne ihren Ehrenvorsitz in unserem Verein hätten wir vieles nicht erreicht.

Das Interview führte Jenny Friedrich-Freksa
 



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