Warum wir uns schämen

Phil Mollon

Körper (Ausgabe II/2010)


Wir sind alle anfällig für Scham und Verlegenheit, dieses Potenzial besteht, wann immer und wo immer Menschen interagieren. Scham entsteht in den Lücken und bei den Fehlschlägen menschlicher Kommunikation, wenn unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen. Jede peinliche Situation ist mit enttäuschten Erwartungen zwischen zwei Personen verbunden. Verlegenheit ist eine unmittelbare Schockreaktion auf Missverständnisse und Fehlwahrnehmungen, die in einer sozialen Situation erfahren werden. Scham ist ein länger anhaltender Schmerz, der aus der Erinnerung an den Ort der Verlegenheit erwächst. 


Dass wir mit Scham und Verlegenheit auf Kommunikationsstörungen und enttäuschte Erwartungen reagieren, ist ein fest programmierter Grundzug des menschlichen Gehirns. Diese Reaktion tritt schon bei Babys in der präverbalen Entwicklung auf, wie die Still-face-Experimente zeigen. Dabei wurden Mütter gebeten, Augenkontakt zu ihren Babys aufzunehmen, jedoch nicht zu lächeln oder durch andere Gesichtsmimik zu reagieren. Die Babys reagierten mit Verzweiflung und wandten ihren Blick auf eine Art ab, die ein Vorläufer der Scham von Erwachsenen zu sein scheint. 


Einige der Bereiche des Ich, die am ehesten vom sozialen Diskurs ausgeschlossen werden, sind die der Sexualität – und Sexualität ist seit jeher aufs Engste mit Scham verbunden gewesen. Im Deutschen heißt der Genitalbereich „die Scham“, man spricht von „Schamberg“, „Schamhaaren“ und „Schamlippen“. Aus irgendeinem Grund gelten die Genitalien universell als privat, sie dürfen nicht öffentlich zur Schau gestellt oder erwähnt werden. Warum ist das so?


Eine meiner Patientinnen, Jeanette, berichtete, wie sie im Alter von sieben Jahren lernte, zu masturbieren und sich einen Orgasmus zu verschaffen, und wie sie sich in den darauffolgenden Jahren regelmäßig diesem hingegeben habe, hinterher jedoch immer ein Gefühl von Scham verspürt habe. Dass sie sich ihrem Körper zur Lusterregung zuwandte, lag zum Teil daran, dass sie sich einsam fühlte und mangelnde emotionale Zuwendung erfuhr – ihre alleinerziehende Mutter war zumeist beschäftigt und oft betrunken. Als sie 14 war, wurde Jeannette in der Schule eines Tages das Sexuelle an ihren Handlungen klar, und sie wurde von heftigen Schamgefühlen und der furchtbaren Angst ergriffen, dass andere ihr Geheimnis herausfinden könnten. Sie ging sofort nach Hause, um ihrer Mutter davon zu berichten diese reagierte beunruhigt und ablehnend. In der Folge entwickelte Jeanette hemmende soziale Ängste, die auf der Furcht basierten, dass in Gesprächen das Wort „Masturbation“ fallen und sie rot werden könnte. Jeanettes Schamgefühle als Erwachsene kreisten nicht nur um das Masturbieren in der Kindheit, sondern auch um ihr Selbstbild als jemand, der ein abnormes Interesse an Sex hat. 


Eltern mischen sich oft in die Autonomie des Kindes ein, wenn es um seine Erkundung der körperlichen Sexualität geht. Beulah Kramer Amsterdam und Morton Levitt sagen, dass die negative Reaktion von Eltern, die ängstlich oder missbilligend schauen, wenn das Kind seine Genitalien erkundet, die häufigste Ursache für peinliche, betretene Gehemmtheit bei den Kindern ist. Die beiden Forscher behaupten, dass die Missbilligung der kindlichen autoerotischen Erkundung durch die Mutter eine der ersten narzisstischen Verletzungen sein könnte, die das Kind erfährt. Ihrer Ansicht nach wird der Traum des Kindes von seiner Perfektion auf diese Weise zerstört und die Quelle des Vergnügens – seine Körperempfindungen – rufen nun Scham hervor. Man könnte sagen, dass das Kind in jenem Moment lernt, dass nicht alle Erfahrungen und Begierden im gemeinsamen oder sozialen Diskurs erlaubt sind. Im Ich tritt eine Spaltung auf zwischen dem, was im Diskurs erlaubt ist, und dem, was nicht erlaubt ist, und Letzteres ist mit Scham verbunden. 


Sexualität ist die paradigmatische Eigenschaft, die aus dem Diskurs verbannt werden muss. Sie ist meiner Ansicht nach für das Kind grundsätzlich verstörend – auch deswegen, weil sie für das Kind keinen Sinn macht. In der Sexualität steckt etwas Mysteriöses, das das Kind undeutlich wahrnimmt, aber nicht versteht. Das Kind mag körperliche Erregung wahrnehmen, sie als lustvoll und verwirrend erleben, doch diese kann oft in Gesprächen mit Eltern oder anderen Kindern nur schwer beschrieben werden. In unserer heutigen Gesellschaft beobachten Kinder selten, wie Tiere sich paaren oder ein Junges gebären. Daher lässt sich die Frage „Woher kommen Babys?“ nicht so leicht auf eine Weise beantworten, die das Kind zufriedenstellt. Das große Rätsel der Sexualität und der Neugier, die damit einhergeht, wird als beschämend empfunden.


Wir können dies einer anderen lustvollen körperlichen Aktivität gegenüberstellen, die öffentlich und sozial ist: dem Essen. Das Kind sieht Erwachsene essen und weiß, dass es im Wesentlichen die gleiche Tätigkeit ist, die es selbst tagtäglich ausübt. Essen und der Wunsch zu essen können öffentlich, explizit und ohne Scham benannt werden. Ginge ein Mann auf eine Frau zu und sagte „Hallo, möchtest du vögeln?“, dann wäre dies keine besonders erfolgreiche Art und Weise, Intimität herzustellen – wohingegen „Hallo, möchtest du mit mir essen gehen?“ wahrscheinlich zu einer positiven Reaktion führen wird. Obwohl dies im Kontext unserer kulturellen Erfahrung und Erwartungen vollkommen klar ist, möchte ich behaupten, dass der Grund für diesen Gegensatz zwischen oralen und genitalen Aktivitäten nicht unmittelbar ersichtlich ist. Warum wird das orale Verlangen eher sozial akzeptiert und anerkannt? Es ist nicht peinlich zu sagen „Ich habe richtig Hunger – ich muss unbedingt etwas essen!“ – dagegen muss man ein bestimmtes Maß an Intimität mit einer Person hergestellt haben, um zu sagen „Ich will dich vögeln“.


Sexuelle Freiheit wird häufig als Aushöhlung kultureller Leistungen betrachtet und daher von Religionen und ideologischen politischen Gruppen verurteilt. Diejenigen, die die bestehende Kultur zu Fall bringen wollen, werden an sexuelle Freiheit appellieren. Doch ein Zusammenbruch von Kultur und Gesellschaft führt immer zu Vergewaltigung. Der sexuelle Missbrauch von Kindern gilt zu Recht als Bedrohung von Kultur und Zivilisation. Davon erzählt schon die Geschichte von Adam und Eva. Das Feigenblatt steht stellvertretend für Kultur. Die Geburt der Kultur begann mit der Scham angesichts von Sexualität und der Entstehung einer verbalen Bedeckung. Anstatt Sexualität oder sexuelle Handlungen direkt zur Schau zu stellen, begannen die Menschen, stellvertretend für Sex Töne und Bilder zu benutzen, die auf Sex anspielten, aber als solche kein Sex waren. Dies war die Geburtsstunde der Sprache. Die Entstehung von Sprache und Kultur bedeutete ebenfalls, dass die Menschen nicht nur einen physischen Körper besitzen, sondern auch ein sprachliches Ich – ein Ich, das sich aus den Bildern und Rollen zusammensetzt, die auf dem Markt der kulturellen Angebote verfügbar sind. Bei unserer Geburt erhalten wir einen Klang, ein Wort und man erklärt uns, dass wir dieses sind. Später bauen wir auf dieser ersten sprachlichen Identität viele Bilder und Rollen auf, die uns die Kultur zur Verfügung stellt – und dann glauben wir, dass wir dieses falsche Ich sind. Alle Menschen sind falsche Ichs – die verbale Verkleidung, die unsere essenzielle Leere versteckt. 


Die Kleidung unseres Körpers wärmt und schützt uns nicht nur, sie hat auch eine sprachliche Funktion: Sie signalisiert Rang und Status auf dem Markt kultureller Angebote. Bei Folter besteht ein Teil der Erniedrigung darin, dem Menschen seine Kleidung, seine leibhaftige und sprachliche Bekleidung – und seine sprachliche Identität zu nehmen. Er wird auf einen biologischen Prozess reduziert. Jemanden bloßzustellen bedeutet ihn nichtig zu machen – ihn nicht zum Leben der Gruppe und nicht zum menschlichen Diskurs zuzulassen. Wir empfinden genauso viel Scham, wenn wir verbal bloßgestellt und unserer semiotischen Bekleidung beraubt werden, wie wenn man uns unsere leibhaftige Kleidung nimmt – wenn man uns außerhalb der von anderen anerkannten Rolle und Identität betrachtet, wenn man uns mit verbal heruntergelassenen Hosen ertappt. Scham ist mit all dem verbunden, was außerhalb des Diskurses liegt, worüber wir nicht sprechen können. Menschen mit Sozialphobie erleben vielleicht ihr ganzes Ich als beschämend – vor allem deshalb, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes keinen Zugang zum Diskurs finden. 


Ich werde nun noch ein bisschen mehr über die Gründe spekulieren, warum Sexualität Menschen Angst macht – wie sie, wenn man sich ihr auf zu direkte und unmittelbare Weise nähert, mit einem Abstieg aus der symbolischen Welt droht sowie mit dem Verlust aller Orientierungen in der sozial konstruierten Welt. Mir scheint, dass die nackte Sexualität mit ihrem biologischen Imperativ im Wesentlichen das ist, was uns zu dieser angsterregenden Jouissance hinzieht – wie Lacan das Genießen der unmittelbaren Befriedigung durch die Sexualität nannte. Deshalb müssen wir diese auch mit so vielen Feigenblättern behängen, sie mit Schichten von Signifikanten bedecken. Freud hat meiner Ansicht nach zu Recht Sexualität als grundlegend für die Probleme des Geistes in Bezug auf den Körper betrachtet. Und meiner Ansicht nach neigen wir ebenfalls dazu, von Formen der Sexualität schockiert zu sein, die normalerweise als pervers gelten, eben weil sie uns an unsere universelle Angst vor der Sexualität erinnern, die jenseits des Symbolischen liegt, hinter dem Feigenblatt.
 

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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