Unter tropischer Sonne

von Michael Levitin

Körper (Ausgabe II/2010)


Einige Tage nach meiner Ankunft in Puerto Escondido an der Südwestküste von Mexiko, das von einem Fischerdorf zum Surfer-Mekka wurde, hielt mich auf meinem Rückweg vom Strand ein alter Schamane mit dickem Bauch und schlechten Zähnen auf. Er fragte mich, woran ich leiden würde. Ein bisschen überrascht erzählte ich ihm von den Säuren aus meinem Magen, die mir zu schaffen machten. Der Schamane nahm seinen weißen Leinensack von den Schultern und zog daraus eine Handvoll funkelnder rötlicher Hölzer hervor. „Kochen Sie diese Baumrinde in Wasser und trinken Sie das zwei Monate lang jeden Tag“, sagte er. „Dann werden Sie wieder gesund.“

Wahrscheinlich war es weniger das magentafarbene und erdig schmeckende Gebräu, von dem ich nun jeden Morgen einen Liter trank, als vielmehr die klimatische Veränderung – von einem nordeuropäischen Winter zu einem sonnendurchfluteten Strandleben im Süden – die in meinem Körper plötzlich eine Reihe von Veränderungen in Gang setzte. Zunächst bräunte sich meine Haut und wurde – einmal abgesehen von der durch die brennend heiße Sonne hervorgerufenen Kolonie pickelartiger Beulen, die meine Unterarme bevölkerten – im feuchten tropischen Klima zarter. Dieses Abwerfen der alten „nördlichen“ Haut zugunsten einer „südlichen“ ist eine Art Metapher für all die anderen Veränderungen. Auch mein Haar, das nun ständig mit Salz, Sand und Sonne in Berührung kam, begann zu glänzen. Und das war erst der Anfang.

Ich begann weniger zu essen und mehr Sport zu treiben. Nach einigen Tagen regelmäßigen Schwimmens und Joggens fühlte ich, wie sich die Muskeln auf meinem Rücken, auf meinen Armen und meinem Bauch spannten und meine Energie sich bündelte. Ich atmete tiefer und langsamer. Die Hitze erdrückte mich nicht. Nichts ist angenehmer als Luft, die so warm ist wie dein Körper. Meine Haltung verbesserte sich und auch meine Verdauung. Meine Bewegungen wurden fließender, ich ging bewusster und spürte stärker die Verbindung zwischen meinen Füßen und dem Boden.

Ununterbrochen gab ich mich den Elementen hin, der sengenden Sonne, dem reinigenden Wasser, dem klaren Licht. Es machte mich zu einem gesünderen und natürlicheren Lebewesen und ich genoss es, mich auf das zu konzentrieren, was ich bin: mein Körper. Ich stellte fest, dass ich mir mehr Zeit nahm, ihn wertzuschätzen und, auch auf die Gefahr hin, jetzt eitel zu klingen, in gewisser Weise zu bewundern. Vielleicht übertreibe ich. Möglicherweise hat der Tee des Schamanen Veränderungen in meiner Psyche herbeigeführt, derer ich mir nicht bewusst bin.

Es gibt aber auch eine rationale Erklärung dafür, warum sich das Körperbewusstsein verändert, wenn man von Norden nach Süden reist – wenn also ein Nordmensch, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Südmensch wird. Im Norden verbarrikadieren wir uns die Hälfte des Jahres in unseren Kleidern, in Berlin, wo ich zu Hause bin, sogar zwei Drittel. Im Winter bewegt sich der Nordmensch weniger. Er wird blass, verliert an Form, lebt ungesund und hat weniger Sex. Der Körper schaltet auf Rückzug. Es scheint, als ob die Nordmenschen sich jedes Jahr Ende Oktober voneinander verabschieden, um sich im Mai wieder zu treffen.

Im Süden dagegen tragen wir weniger und dünnere Kleidung, wir zeigen uns selbst und anderen mehr Haut. Brust, Schultern, Bäuche, Hüften, Oberschenkel – die sinnlichen Komponenten des menschlichen Organismus, die im Norden so viele Monate verborgen bleiben – sind befreiter. Damit will ich aber nicht sagen, dass man den Verstand hinter sich lässt. Nach dem Verständnis der alten Griechen stärkt der gesunde Körper den Geist und umgekehrt. Das warme, sonnige Klima ermöglicht es mir, mich besser zu konzentrieren. Ein kanadischer Drehbuchautor namens Dave, der aus dem kalten grauen Winter von Montreal geflüchtet war, um sein Manuskript in Mexiko fertigzustellen, sagte zu mir: „Jeden Tag, wenn du aus dem Haus gehst, scheint dir die Sonne ins Gesicht. Es ist warm und praktisch unmöglich, schlechte Laune zu bekommen. Das hilft indirekt auch meiner Arbeit.“

Andererseits stellte ich fest: Das zu angenehme Leben drohte mich faul werden zu lassen. Denn wenn die Sonne ewig scheint und die Natur einen ruft, wenn immer eine sanfte Brise bläst und weder der Stress noch der harte Wettbewerb des Stadtlebens im Norden an die Tür hämmern, welchen Sinn hat es dann noch, sich am Schreibtisch abzuarbeiten? Im Süden genießt mein Körper immer so etwas wie einen späten Frühling – oder zumindest die Illusion davon.

Inzwischen zweifle ich allerdings an der gesundheitsfördernden Wirkung der Tropen. Beim Verzehr eines Thunfischs habe ich mir einen Parasiten eingefangen – und gegen den ist auch der Schamane machtlos.

Aus dem Englischen von Carmen Eller



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