Eine Niere als Mitgift

von Claus Leggewie

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Obwohl die Wirtschaftskrise global ist, verengt sie bei vielen wieder den Blick auf die eigene Nation. „Sauve qui peut“ – rette sich, wer kann – ist das Motto eines Protektionismus, der nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell wirkt. Es ist erstaunlich, wie provinziell wir trotz aller globalen Veränderungen immer noch denken, wie eurozentrisch Politik und öffentliche Meinung argumentieren, wie fern der Rest der Welt den meisten deutschen Weltreisenden geblieben ist.

Sogar die Definition von und die Debatte über „Globalisierung“ sind von der Annahme geprägt, es gebe einen archimedischen Punkt der Betrachtung – und der liege in Mitteleu­ropa. Die beiden Herausgeber des Bandes „Vom Imperialismus zum Empire. Nicht-westliche Perspektiven auf Globalisierung“, die Zürcher Ethnologin Shalini Randeria und der Berliner Afrikanist Andreas Eckert, möchten diese Illusion zerstören. Die nicht-westliche Welt ist nicht nur ein Spiegel westlich bestimmter Globalisierung, sie ist – bei aller Asymmetrie der materiellen und Macht-Ressourcen – immer schon ein Mitspieler. Die „Entdecker“ seit dem 16. Jahrhundert haben immer noch nicht ganz realisiert, dass sie von ihren kolonialen Subjekten stets mitentdeckt wurden.

Der Gesamteindruck des Sammelbands legt nahe, nicht länger schwammig von Globalisierung, sondern wieder kritisch von Imperialismus zu sprechen. Der alte, im politischen Tageskampf missbrauchte und verwässerte Terminus wird nicht in langatmigen Definitionen aufgerufen, Herausgeber und Autoren nehmen vielmehr an dem neuen Klassiker (und Überwinder) der Imperialismustheorie Maß, dem Kultbuch „Empire“ von Michael Hardt und Antonio Negri aus dem Jahr 2000. Diese stellten die These auf, globale Herrschaft werde nicht mehr von zentralen Akteuren ausgeübt, und nährten die Hoffnung, eine nicht mehr im herkömmlichen Sinne klassenkämpferische, gleichwohl wirkungsmächtige „Multitude“ könne dem Empire die Stirn bieten.

Die hier versammelten Beiträge stammen von hierzulande weitgehend unbekannten Autoren, die uns leider nicht näher vorgestellt werden. Die Eröffnung der nicht-westlichen Perspektiven leisten die beiden US-amerikanischen Afrika-Historiker Frederick Cooper und Kevin C. Dunn mit zwei Beiträgen zur historischen und aktuellen Verwebung Afrikas in die globale kapitalistische Entwicklung – eines Kontinents, der in der Globalisierungsliteratur meist zu kurz kommt. Historie wie Gegenwart Afrikas durchbrechen gewohnte sozial- und kultur­wissenschaftliche Denkmuster, zu denen so konventionelle Weisheiten zählen wie Staat, Markt und Nation. Insofern ist nicht nur der Status der „Dritten Welt“ postkolonial, auch unsere eigene Weltsicht gehört entkolonialisiert.

Um die stets ambivalente Rolle des Nationalstaates in transnationalen Netzwerkstrukturen geht es in den folgenden, auf den ersten Blick sehr disparat wirkenden Beiträgen, die, immer gegen den Strich gebürstet und durch kenntnisreiche Fallstudien belegt, den Internationalen Währungsfonds als „modernen Priester“ (Teivo Teivanen, Professor für Politikwissenschaft in Helsinki und Lima), die Antikorruptionskampagnen (Ivan Krastev, Direktor des Centre for Liberal Strategies in Sofia) und die United States Agency for International Development in Ägypten (Timothy Mitchell, Professor of Middle Eastern Studies an der Columbia University) als Vollstrecker des neoliberalen Washington-Konsenses entlarven. Shalini Randeria und Robert Wade (LSE Professor of Political Economy and Development) haben sich in die Komplexität grenzüberschreitender Rechtsregime eingearbeitet und demonstrieren, inwieweit zunehmende Verrechtlichung für die armen Länder keineswegs Rechtssicherheit bringt, sondern ein unübersichtliches Geflecht von staatlichen, supranationalen und nicht-staatlichen Akteuren, die im Bereich des geistigen Eigentums und des Patentrechts höchst komplizierte Allianzen erzwingen. Der Staat ist dabei keineswegs verschwunden, aber er bietet auch nicht den Halt an Souveränität und Schutz, den ihm die Lehrbücher des Staats- und Völkerrechts normalerweise zubilligen.

Das Ergebnis formulieren die Herausgeber: „Obwohl soziale Bewegungen und lokale NGO’s den Staat häufig als potenziell starken Verbündeten gegen externe Akteure sehen, erfahren sie den Staat zuweilen auch als starres Hindernis. Und obgleich sie staatliche Souveränität in vielen Fällen zu unterminieren helfen, rufen sie nach einem starken Staat als Bollwerk gegen die Kräfte der Globalisierung. (…) Die gegenwärtige Transnationalisierung von Staat und Recht, welche den rechtlichen und politischen Raum nachhaltig verändert hat, offenbart eine komplexe Mischung alter und neuer Formen von Souveränität, welche die Diagnose von Hardt und Negri relativiert.“

Besonders hervorzuheben sind die beiden abschließenden Fallstudien zur globalen Biopolitik, und zwar über den Welthandel mit menschlichen Organen und über sogenannte „therapeutische Bürgerschaft“, die einen düsteren, aber auch kämpferischen Ausblick geben: Die in Berkeley tätige Medizinanthropologin Nancy Scheper-Hughes gehört einer internationalen Task Force an, die sich mit Irregularitäten und Regulierungsnotwendigkeiten beim kommerziellen Handel mit Organen für Transplantationen vor allem im Nord-Süd-Verhältnis befasst. Missbräuche beim Nierenverkauf standen hier auf der Tagesordnung, mit einem Kollegen hat sich die Autorin in die Untiefen des globalen Netzwerkes der Transplantationschirurgie hineinbegeben, das sich von Leichenhallen bis zu den Dialyse-Zentren erstreckt. „Wegen ihrer mythischen Aufladung, ihrer Heimlichkeit, ihrer Straflosigkeit und ihres Exotismus ist die Transplantationschirurgie mit keinem anderen Forschungsfeld vergleichbar. Der Handel mit Organen ist weit verbreitet, lukrativ, in den meisten Ländern ausdrücklich illegal und gemäß den Prinzipien aller medizinischen Vereinigungen unethisch. Er muss deshalb im Geheimen stattfinden. Mancherorts führen die Beziehungen des Organhandels von den höchsten Sphären der biomedizinischen Praxis zu den tiefsten Abgründen der Kriminalwelt.“

Ein brasilianischer Familienvater hat den globalen Deal nüchtern so charakterisiert, dass er bereit sei, jedes „überflüssige“ Organ seiner Familie zu verkaufen, das andernorts Leben retten könne, um sein eigenes Überleben zu sichern. In Indien ist der Verkauf der Niere als Mittel zur Finanzierung der Mitgift einer zweiten Tochter üblich geworden, von China aus sind Organe hingerichteter Gefangener in alle Welt gegangen. Zwangsläufig macht sich in diesem lukrativen Sektor illegaler Handel breit, auf Organmärkten blüht Korruption und es entstehen sogar Terminbörsen für Organe von Verstorbenen. Dagegen greifen weder utilitäre Vertragskonstruktionen, da die Organspender kaum frei entscheiden können, noch Regulierungsregime, da Gesundheitssysteme (nicht nur im Süden!) diese kaum leisten können.

Die Konsequenz: „Unter solchen Bedingungen werden die verwundbarsten Bürger mit jenen Mitteln dagegen ankämpfen, die ihnen zur Verfügung stehen – Klatsch, Gerüchte, urbane Legenden und Widerstand gegen moderne Gesetze. So agieren und reagieren sie angesichts des Ausnahmezustandes, den sie in diesen Zeiten wirtschaftlicher und demokratischer Reorganisation erleben. Sie drücken ihr Bewusstsein der sozialen Ausgrenzung aus. Sie artikulieren ihre eigenen ethischen und politischen Kategorien, und sie wehren sich gegen einen staatlichen Anspruch, ihre Körper als Ersatzteillager einfordern zu können. Während für Transplantationsspezialisten ein Organ nur ein Ding ist, eine Ware, die es zu verwerten gilt, bedeutet ein Organ für die Mehrheit der Menschen etwas ganz anderes – es ist ein lebendiger, belebter und vergeistigter Teil ihres Selbst, den sie gerne mit sich nehmen wollen, wenn sie sterben.“

Der in Montreal und im afrikanischen Feld tätige Mediziner Nguyen eröffnet ähnlich erschreckende Einblicke in die Asymmetrie der weltweiten Versorgung mit AIDS-Medikamenten, kommt aber zu viel optimistischeren Schlussfolgerungen: „Die zunehmende Verfügbarkeit von Medikamenten wird einen Multiplikatoreffekt haben, weil die Stimmen der Menschen mit HIV nicht mehr durch Krankheit zum Schweigen gebracht werden. In dem Maß, wie ihre Körper gesünder werden, wird ihre geeinte Stimme in der Masse lauter. Zwischen einer globalen therapeutischen Ökonomie, den lokalen Taktiken zur Mobilisierung von Ressourcen und den biopolitischen Prozessen, durch die humanitäre Interventionen besondere Subjektivitäten produzieren, besteht ebenjenes Spannungsfeld, in dem die – wie ich es genannt habe – ‚therapeutische Bürgerschaft‘ emporkommt: eine Form staatenloser Bürgerschaft, die auf der Grundlage des eigenen biomedizinischen Zustands Forderungen an eine globale Ordnung richtet und Verantwortlichkeiten im Kontext lokaler Moralökonomien formuliert (…) Sie bildet einen Sammelpunkt für transnationalen Aktivismus in einer neoliberalen Welt, in der Forderungen aufgrund einer Erkrankung größeres Gewicht haben als solche, die auf Armut, Ungerechtigkeit oder struktureller Gewalt beruhen“.

Der Band bringt nicht die im Titel vielleicht zu vermutende Systematisierung der neueren Globalisierungs- und Imperialismustheorie, wirft aber im besten Sinne verunsichernde Schlaglichter auf eine transnationale Weltgesellschaft, in der Ungleichheit und kulturelle Differenz eher zunehmen. Gerade in der Darstellung der politisch-rechtlichen Verhältnisse, die oft so barbarisch und unüberwindlich erscheinen, liegen auch Möglichkeiten von Resistenz in den Semiperipherien, die nicht zuletzt auf ihrer kulturell begründeten Renitenz beruhen. Dass der Band vermutlich nicht genügend Resonanz finden wird, liegt nicht zuletzt an dem immer noch sehr hermetischen Jargon der postkolonialen Studien, der durch Übersetzung nicht besser wird. Wer sich dennoch an ein schwieriges Lesevergnügen heranwagen möchte, dem sei der Band ausdrücklich empfohlen.

Vom Imperialismus zum Empire. Nicht-westliche Perspektiven auf Globalisierung. Hrsg. von Andreas Eckert und Shalini Randeria. Suhrkamp, Frankfurt, 2009.



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