Planschen mit dem Nachbarn

Anke Hoffmann

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Die Millionenmetropole Tokio steht als hyper­urbanes Zentrum für kreative Trends und Moden, für weltbekannte Künstler und Architekten und für repräsentative Ausstellungshäuser. Was es jedoch nicht gibt, sind Freiräume für junge Künstler und öffentliche Kunst. Sie existieren in ganz Japan kaum, da alle Räume privatisiert und kommerziell genutzt werden. So findet man Kunst nicht kommerzieller Zusammenhänge eher abseits des Wegs. Zum Beispiel in Toride, 40 Minuten von Tokio entfernt, einer typisch gesichtslosen Pendlerstadt mit 109.000 Einwohnern, einer Kirin-Brauerei, einer Nudelfabrik, Kaufhäusern und einem Campus der Nationalen Universität der Künste Tokio, kurz Geidai. Hier hat der Kunstprofessor Yoshiaki Watanabe ein Kunstfestival ins Leben gerufen: das Toride Art Projekt (TAP). Es findet einmal jährlich im November statt und wird von der Geidai und der Stadt Toride gefördert. TAP ist eine im Stadtgebiet angelegte Ausstellung aus Arbeiten von Geidai-Kunststudenten und freien Künstlern. 2008 feierte es sein zehnjähriges Jubiläum unter dem Titel „Fully Equipped with Electricity/Gas/Water/Art“ in einer überholt wirkenden Wohnsiedlung, genannt Ino, aus dem Jahr 1969. Hellgraue vierstöckige Wohnhäuser mit kleinteiligen Drei-Zimmer-Wohnungen, dazwischen Spiel- und Sportplätze, dahinter große Lagerhallen. Hier gab es nicht nur leere Wohnungen, sondern aufgrund der Konkurrenz durch Einkaufszentren auch ungenutzte Ladenflächen, die die Künstler in offene Ateliers und Ausstellungsflächen verwandeln konnten.


 Toride ist seit einigen Jahren von einer stetigen Schrumpfung gekennzeichnet, viele Menschen sind Rentner, der Zuzug neuer Bewohner stagniert und der Leerstand, auch in modernen Apartmenthäusern, steigt. Mit der Initiative des TAP haben sich die Interessen der Universität mit denen der Stadtverwaltung getroffen: eine öffentlichkeitswirksame Kulturförderung und Imagepflege für Toride mit der Möglichkeit zu verbinden, Studenten Räume für künstlerisches Arbeiten in einer realen Lebenswirklichkeit und mit direktem Kontakt zu Anwohnern und Besuchern anzubieten. „Oft diskutieren wir darüber, ob es besser ist, freie und experimentellere Arbeiten zu zeigen, um eine größere überregionale Aufmerksamkeit zu erreichen, oder leicht verständliche Arbeiten, um das lokale Publikum anzusprechen“, berichtet Initiator und Projektleiter Yoshiaki Watanabe. Der Erfolg des Projekts bestätigt seinen Ansatz: Viele Besucher kommen jährlich aus Tokio und Umgebung, zahlreiche Bewerbungen folgten der nationalen Ausschreibung und seit dem letzten Jahr gibt es eine Kooperation mit dem koreanischen Schwesterprojekt SAP. Einer der SAP-Künstler war Daily aus Seoul, dessen Arbeit „Stage Ino“ Teil der Kunst im öffentlichen Raum war, die zusammen mit den Apartment-Installationen als Ausstellungsparcours durch das Wohngebiet angelegt waren. Der Künstler hatte während seines Aufenthalts die Bewohner um alte Holzmöbel gebeten, aus denen er eine 15 m² große Bühne baute, auf der, seiner Einladung folgend, regelmäßig Hobbymusiker aus dem Viertel Musik spielten. Auf direkte Begegnung und Kommunikation waren fast alle Arbeiten ausgerichtet – die szenischen Installationen der Studenten in den mit Tatami ausgelegten leeren Wohnungen oder die Bauten im Außenraum der Siedlung: Neben einer zweistöckigen Festbühne auf dem Sportplatz und der „Stage Ino“ war das zum Onsen, zu einem heißen Bad, umgebaute Kinderschwimmbecken von Kenyu Oku und Yusuke Suzuki die beliebteste Arbeit. Familien, Anwohner, Künstler und Besucher nutzten sie von früh bis spät als Picknickplatz, Leseecke oder einfach als Treffpunkt zum Reden und Aufwärmen in kühlen Novembertagen.


 Wie lange Toride noch „Fully Equipped with Electricity/Gas/Water/Art“ sein wird, scheint derzeit unklar. Auch in Japan liegt der Trugschluss nahe, dass man in Krisenzeiten am einfachsten an der Kultur spart.
 



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