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von Parag Khanna

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Der bekannte Ökonom Paul Collier konnte schon immer gut mit Wörtern umgehen, und so wurde er Teil jener entwicklungspolitischen Avantgarde – unter ihnen auch Jeffrey Sachs und William Easterly –, die auch außerhalb akademischer Kreise eine breite Leserschaft gefunden hat. Mit Schlagworten wie „Gier gegen Groll“ und „Diamonds are a guerilla’s best friend“ hat Collier die komplexen Herausforderungen ziviler Konflikte, Kriegsökonomien und Armutsfallen für Laien zugänglich gemacht und das Interesse geweckt, die Kernfragen der internationalen politischen Ökonomie neu zu formulieren.

„Die unterste Milliarde“ ist Colliers umfassende Untersuchung der komplexen Probleme, mit denen er sich im Laufe seines Lebens beschäftigt hat. Während seiner Tätigkeiten für die Weltbank saß Collier am Knotenpunkt der Debatten über Entwicklungshilfe, und anders als unapologetische Befürworter von Fördermitteln verweist er darauf, dass Entwicklungshilfe allein in vielen Staaten, in denen sich Armut und Konflikte paaren, gescheitert ist. Diese Länder, so Collier, leben in einer Welt von Bürgerkrieg, Seuchen und Ignoranz – wie im 14. Jahrhundert. Einerseits hängt also vor allem die geografische Lage mit der endemischen Armut afrikanischer Mikrostaaten zusammen, andererseits ist das Entwicklungsgeschäft von Hilfsorganisationen mit schicken Büros in Brasilien und China, aber keinem einzigen Vertreter in der Zentralafrikanischen Republik keine große Hilfe. Und der Entwicklungshilferummel von Rockstars und Prominenten mag zwar für Aufmerksamkeit sorgen, er verfolgt jedoch keine übergreifenden Ziele.

Collier ist allerdings kein geografischer Determinist. Vielmehr tritt er für eine zentrale ökonomische Wahrheit ein, gemäß der sich Kultur und Institutionen entwickeln werden, sobald nur die Wirtschaft in Schwung kommt. Um den Ausweg aus dem Ressourcenfluch zu finden, müsse man Ressourcen von ihrer Rolle als Zündstoff für Konflikte entbinden und sie für nachhaltige Entwicklung nutzen.

Collier beschreitet zwei Gebiete, die von reinen Entwicklungsökonomen oft nicht genügend beachtet werden: regionale Integration und militärische Intervention. Er zeigt auf, dass der Friedenserhalt nach Konflikten eine unerlässliche Vorraussetzung ist, um aus dem Teufelskreis von Ressourcenstreit, Abschöpfung und Gewalt auszubrechen. Collier wäre, das spürt man, entschiedeneren Interventionen nicht abgeneigt, um aussichtsreicheres Wachstum nach Konflikten herbeizuführen. Auch verweist er auf die Notwendigkeit proaktiver regionaler Integration, um die vernichtenden Grenzen politischer Geografie in Afrika zu verändern. Allerdings leide Afrika noch immer darunter, dass mehr Kapital den Kontinent verlasse als in ihn hineinströme.

Governance-Experten dürften Colliers Diskussion regionaler Integration aufschlussreich finden, genauso Unternehmer und progressive Führer in Afrika. Sie wissen, dass, obwohl die Arbeitskosten in Afrika heute niedriger als in China sind, der Kontinent von Asien aus der globalen Produktion ausgeschlossen wurde – und diese verpasste Chance hat interner Protektionismus nur noch verschlimmert. Hier wird die Geschichte interessant, denn Collier glaubt, dass Afrika unter diesen Umständen nach wie vor Protektionismus braucht – jedoch von Asien, um so Zeit zu gewinnen und ähnliche Produktions-Ballungsräume zu schaffen. Der Westen kann dazu durch Maßnahmen wie das US-amerikanische Gesetz zur Förderung von Wachstum und Chancen in Afrika, das Exporte aus Afrika um das Zehnfache gesteigert hat, beitragen.

Angesichts der wachsenden Investitionen, die von EU-Ländern und insbesondere von China seit Kurzem in Afrika getätigt werden, werden viele Leser vermutlich wünschen, Collier hätte die Konkurrenz unter Hilfsmodellen angesprochen. Afrikanische Führer wie der senegalesische Präsident haben mit Beschimpfungen auf die rigiden Agrarsubventionen der OECD-Länder und ihre teuren, jedoch nutzlosen Projekte reagiert, denn sie lieferten Infrastruktur nicht so rasch und so günstig wie die Chinesen. Anstatt sich über Chinas plötzliches Erscheinen auf der Bühne bestürzt und kritisch zu äußern, sollte der Westen vielleicht eher von Chinas schneller Akzeptanz als Entwicklungspartner für Afrika lernen. Viele Afrikaner gehören zur Milliarde der ärmsten Menschen weltweit. Doch mit der richtigen Konstellation externen Wettbewerbs und interner Wettbewerbsfähigkeit könnte das Glück am unteren Ende der menschlichen Pyramide noch freigesetzt werden.

Die unterste Milliarde. Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann. Von Paul Collier. C.H. Beck, München, 2008.
aus dem englischen von Claudia Kotte



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