Selbstgemacht

Adrienne Goehler

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Anders als in seinen früheren Werken, die die schmerzvollen Anpassungsprozesse und Entwertungen von Individuen durch den sich ständig verschärfenden Kapitalismus aufzeigen, ist „Handwerk“, das neue Buch – und das erste einer Trilogie – Richard Sennetts über materielle Kultur. Der Band ist ein Loblied auf das, was uns zur Neuentdeckung zur Verfügung steht: das tätige Leben. 


 Damit knüpft Sennett an die Überlegungen seiner Lehrerin Hannah Arendt zu Arbeit, Herstellen und Handeln an und führt ihre leicht elitäre Konzeption einer zweckfreien Öffentlichkeit fort. In seinem Essay über die Kulturgeschichte des Handwerks, der zugleich eine Geschichte der in sich ruhenden Aktivität ist, denkt Sennett Arendts kategorische Einteilung menschlicher Tätigkeiten in drei Sphären des Lebens als einen Ringkampf weiter, und er gewinnt diesen Kampf, indem er Verbindungen und Durchlässigkeit herstellt zwischen dem privat Notwendigen, dem öffentlich Wirklichen und dem gesellschaftlich Möglichen. Diese Verbindung schafft das Handwerk, das sich in herstellendem Handeln vollzieht, in etwas, das gestaltet und verändert und seinen Sinn in sich selbst trägt. Sennett traut dem handwerklich arbeitenden Menschen, dem Animal laborans, etwas zu, was bei Arendt dem Homo faber, dem nicht mehr bloß Notwendigkeiten der Natur verrichtenden, sondern über sie urteilenden Menschen, vorbehalten war.


 Aus „Handwerk“ spricht der Wunsch, es möge begriffen werden, dass das Getrennte, Segregierte zwischen Hand- und Kopfarbeit aufgehoben und mit der Natur in Beziehung gesetzt werden muss. Es schimmert ein anhaltender Schrecken durch, wenn Sennett daran erinnert, dass die Natur „eine Million Jahre benötigte, um die fossilen Brennstoffe zu erzeugen, die wir in einem einzigen Jahr verbrauchen“. 


 Man spürt seine Sehnsucht nach Sinn, nach Versöhnung, nach einer guten Botschaft. Und so ist „Handwerk“ ein Appell, sich die Zeit zu nehmen, die eine Arbeit, „die um ihrer selbst willen gut gemacht“ ist, benötigt. Es ist auch ein Aufruf, sich auf die Dauer eines Prozesses zu konzentrieren, den jede Arbeit darstellt, und den Mut zu haben, sich mit dem Risiko des eigenen Scheiterns auseinanderzusetzen. Wer sich dem eigenen Tun gegenüber innerlich verpflichtet fühlt, erzeugt Befriedigung. Gegen die Oberfläche der kapitalistischen Kultur der Unverbindlichkeit ist dieses Buch ein leiser Aufruf zur Revolte gegen den entkräftenden Sog der unbegrenzten Ökonomisierung des Lebens und für den Triumph einer Tätigkeit, die in der Lage ist, Erfüllung in ihrer Ausübung selbst zu finden, ohne einem reinen Selbstzweck zu dienen. „Handwerk“ wendet sich kulturellen Fertigkeiten zu, die intellektuelle und praktische Fähigkeiten verbinden und der tätigen Arbeit Motivation und Konzentration gestatten, die körperliche Praxis mit Fantasie verknüpfen und den Menschen mit der Materialität der Natur in Kontakt zu treten erlauben. Es ist weit weg von Hochmut und fordert nicht einfach Veränderung. Das Buch ermuntert zu veränderter Betrachtung, die ein anderes Handeln begründet und ein Herstellen-Wollen provoziert, das das Tätige im Menschen anspricht. 


 Die Entfaltung von Fertigkeiten der Hände, der Augen, der Sinne ganz oben auf die Liste des gesellschaftlich Notwendigen zu setzen, kann nicht überflüssig finden, wer all die verstörenden Berichte über unsere Schulen kennt, die eben durch ihre bulimische Struktur – möglichst viel Wissen in den körperlosen Kopf reinstopfen und gleich wieder auskotzen – jene Fähigkeiten zum Verschwinden bringen, die in jedem Menschen angelegt sind: „eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen“. Es geht um Eigeninitiative, die Hingabe und die Lust an der Wiederholung, wie wir sie im Spiel der Kinder finden. 


 Überhaupt, das Spiel, der Homo ludens. Ihn befreit Sennett vom Dachboden, auf den ihn die Anthropologen nach den 1970er-Jahren gesperrt hatten, und ruft die Erkenntnisse ins Gedächtnis, die ja auch die Neurobiologen inzwischen entdeckt haben: Immer auf Zweckerfüllung und Nützlichkeit des Tuns getrimmt zu werden, kaserniert die Neugierde, die Fähigkeit zu beobachten und zu schlussfolgern und beeinträchtigt das Denkvermögen. Das Handwerk nährt sich aus dem erprobenden, Neues erkundenden Charakter des Spiels, das Grenzen wissentlich überschreitet und damit das Bewusstsein konzentriert. Es schafft in der Hingabe und dem immer auch übenden Charakter des Tuns selbst Fantasie, Erfindungsgabe und Möglichkeiten der Emanzipation. Nicht das Problemlösen steht im Mittelpunkt des handwerklichen Tuns, sondern das Umgehen mit Problemen, das Nachdenken und Nicht-weiter-Wissen, das kontinuierliche Von-allen-Seiten-Betrachten, das plötzlich zu neuen Entdeckungen führt, weil wir dem Gegenstand spielerisch Raum gegeben haben – und weil wir ihm Zeit gegeben haben. 


 Handwerkliches Arbeiten als etwas zu betrachten, das sich selbst in Freiheit generiert, macht Sennett nicht nur an alten Berufen fest, in denen geschlechterkonform Männer töpfern und Frauen kochen, sondern auch an der kollektiven Arbeit an der freien Software Linux oder an der Erstellung der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Hier hätte man sich noch gewünscht, er hätte auch Bereiche wie Design, Mode oder Film mit hinzugenommen, in denen meist Teams an gemeinsamen Aufgaben arbeiten und das tun, was Hephaistos, der Schutzgott des Handwerks, als zivilisations-schöpfend betrachtet: das gemeinschaftliche Entwickeln.


 Hier taucht doch wieder ein Gedanke Arendts auf, der im Herstellen das Hybride sieht, doch Sennett widmet es dem Schöpferischen mehr als dem Problematischen: In der fast selbstvergessenen Versunkenheit der koordinierenden Arbeit von Gedanken und Händen entstehen Gemeinsamkeiten, die zu Kooperationen, zu sozialen Verbindungen führen. Das allerdings bleibt nicht mehr als angedacht. Auf die hoffnungsvoll stimmende Frage: „Was könnte die Erfahrung körperlicher Koordination für die soziale Kooperation bedeuten?“, bleibt Sennett eine klare Antwort schuldig.


 Und Sennetts etwas naserümpfende, dem Gestus des intellektuellen Tadels verpflichtete (durchwegs männliche) Kritiker (Handwerk! Wie verstaubt! Wie romantisierend!) hätten weniger Angriffsfläche, wenn Sennett die Gemeinsamkeiten des handwerklichen Schaffens mit dem der Künste und Wissenschaften expliziter verknüpft und damit ins Heute geholt hätte. 
 Spätestens seit Andy Warhols Factory in den 1960er-Jahren ist das Atelier als Arbeitsort als kreativer Inkubator in die öffentliche Wahrnehmung vorgedrungen. Allerdings hat es noch einmal vier Jahrzehnte gedauert, bis die kreativen Tätigkeiten ins ökonomische und politische Blickfeld gerückt sind und ihre Art zu arbeiten als modellhaft für die Entwicklung neuer Arbeitsformen galten: Das Atelier des Künstlers und die Laboratorien der Universitäten dienen als Vorbilder einer selbst strukturierten Freiheit, die Unabhängigkeit und Eigenständigkeit gegen Abhängigkeit und ohnehin nicht mehr gewährte Sicherheit ins Spiel bringt.


 Das „neue“ Denken besteht also darin, es wieder mit der Hand, der Manufaktur und dem Handeln zu verknüpfen und das Atelier und die Werkstatt als Lernorte zu begreifen. Alle, der Dirigent und der Töpfer, die Laborantin und die Programmiererin, aber auch diejenigen, die Kinder erziehen und versorgen: sie alle üben und proben nicht nur ihr Tun, sondern darin ganz wesentlich auch sich selbst, und erfahren das, was Sennett erst zum Schluss seines Buches benennt: die eigene Zufriedenheit mit dem Getanen, den Stolz auf die eigene Arbeit. 


 Da spricht er über die Handwerker so, wie Richard Florida über die „Kreativen“ oder Holm Friebe und Sascha Lobo über die „Digitale Bohème“, die als Arbeitsort noch das Café hinzunimmt. Sie alle fliehen vor der herkömmlich standardisierten, spezialisierten und zwangsrhythmisierten Arbeit. Sie tun mehr als andere das, was sie wirklich wollen, und sie alle streben nach Qualität in ihrem Tun. Und schon liegt nicht Staub, sondern frischer Tau über Sennetts Beobachtungen. Handwerker finden sich auch in einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin, wonach überall dort, wo neue Arbeitsplätze entstehen, diese zunehmend künstlerisch geprägt sind. Der Zuschnitt dieser neuen Arbeitsplätze sei in stärkerem Maße projekt- und teamorientiert, zunehmend in Netzwerke und weniger in Betriebe integriert, eher in Werkstätten und Ateliers, mit vielfältigen und wechselnden Arbeitsaufgaben, schwankender Entlohnung oder Vergütung und kombiniert mit anderen Einkommensquellen oder unbezahlter Eigenarbeit. Das Fazit der Studie: „Die Arbeitsplätze der Zukunft liegen im kreativen Bereich.“ 


 Sennett macht unmissverständlich Aufgabe und Feld deutlich, die nach diesem verbundenen schöpferischen Wissen verlangen: „Im Bereich der natürlichen Ressourcen wie auch des Klimawandels stehen wir vor einer physischen Krise. Wenn wir sie überwinden wollen, müssen wir andere Dinge herstellen als bisher und sie auf andere Weise nutzen. Wir werden lernen müssen, Häuser anders zu bauen, das Verkehrswesen umzugestalten und Rituale zu entwickeln, die uns an den sparsamen Umgang mit den natürlichen Ressourcen gewöhnen. Wir werden gute Umwelthandwerker werden müssen.“ Drei elementare Fähigkeiten des Handwerklichen gilt es zu erlernen: zu fragen, zu lokalisieren, und zu öffnen – und damit der Gestaltungskraft Raum zu geben. 


 Das alles klingt ein bisschen nach „Jeder Mensch ist ein Handwerker“ und erinnert auch wegen des nahe liegenden Missverständnisses an jenen paradigmatischen Satz von Joseph Beuys, „Jeder Mensch ist ein Künstler“, den er präzisiert hat, denn er meint „... eben gerade nicht, jeder Mensch ist ein Maler, jeder Mensch ist ein Architekt, jeder Mensch ist ein Tänzer, sondern jeder Mensch ist ein sozialer Künstler.“ Er meint das In-Erscheinung-Treten einer Kunst, an der alle Menschen teilhaben, als Moment einer individuellen wie politischen Gestaltungskraft. Beuys hat sich immer auf den Menschen als Teil einer emanzipierten, künstlerisch-kreativ bestimmten Gemeinschaft bezogen, der die eigenen Geschicke selbst in die Hand nimmt: „Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität.“

 
 Arbeit wird vor diesem Hintergrund eine vom Menschen in Freiheit und Selbstbestimmung in Angriff genommene Gestaltungsaufgabe, eine „Soziale Plastik“. In Sennetts Sinne meint dies die „Entedelung“ der Kunst durch ihre Nutzbarkeit als gesellschaftliches Verflüssigungsmoment. Der ehrliche Ziegel und der künstliche Stuck machen so einander durchlässig. 
 
 
 
 

Handwerk. Von Richard Sennett. Berlin Verlag, Berlin, 2008.



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