Der richtige Umgang

Ute Hempelmann

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Das einzig „typisch Türkische“ an Erkan Kahraman ist die Art, wie er seinen Tee umrührt: geräuschvoll. Aber natürlich ist das ein Klischee. Sein Kollege Nadir Attar ist blond und blauäugig und zur Hälfte Syrer. Beide sind Anfang 20 und Berufssoldaten. Neben der militärischen Ausbildung bekommt der angehende Führungsnachwuchs der Bundeswehr auch eine akademische. An der Bundeswehr-Universität in Hamburg studieren Kahraman und Attar Politikwissenschaft. Ein Auslandseinsatz rückt für sie in greifbare Nähe. Darum haben beide die Frage, ob sie als deutsche Soldaten muslimischen Glaubens in einem Kampfeinsatz notfalls auf Muslime schießen würden, für sich mit „Ja“ beantwortet.


 In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Struktur der Bundeswehr verändert. Waren in den 1960er-Jahren rund 90 Prozent aller Soldaten Christen, sind es heute nur noch die Hälfte. Nach Schätzungen dienen in der Bundeswehr mittlerweile rund 1.000 Soldaten muslimischen Glaubens und circa 200 Juden. Wenn Generäle versichern, dass die Bundeswehr über mehr interkulturelle Kompetenz verfüge als manch global arbeitender Konzern, dann ist das keine Koketterie. Die Bundeswehr arbeitet ebenso weltweit und braucht geeigneten Nachwuchs für ihre Einsätze. 
 Speziell jenseits deutscher Grenzen ist interkulturelles Wissen mehr als eine nette Zugabe. Diese Erkenntnis gibt es seit einiger Zeit auf höchster Ebene. Sie schlägt sich in der „Zentralen Dienstvorschrift 10/1“ nieder: „Der richtige Umgang mit Menschen, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, die interkulturelle Kompetenz, erhöht die Handlungs- und Verhaltenssicherheit der Soldatinnen und Soldaten und sichert die Akzeptanz von Minderheiten in der Bundeswehr. Im Auslandseinsatz ist die interkulturelle Kompetenz zudem eine wesentliche Voraussetzung für die Auftragserfüllung und den Eigenschutz.“


 Die Bundeswehr ist einer der größten Ausbilder in Deutschland. Sie braucht die Migranten – in Zukunft mehr denn je, wie ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung zeigt. Was sie als Arbeitgeber bietet, ist außergewöhnlich. Wo sonst ist Sozialverhalten dienstlich verordnet? Siehe Paragraf 12 des Soldatengesetzes: „Der Zusammenhalt der Bundeswehr beruht wesentlich auf Kameradschaft. Sie verpflichtet alle Soldaten, die Würde, die Ehre und die Rechte des Kameraden zu achten und ihm in Not und Gefahr beizustehen. Das schließt gegenseitige Anerkennung, Rücksicht und Achtung fremder Anschauungen ein.“


 Nadit Attar sagt zum Thema Ausländerfeindlichkeit: „Wenn’s mal blöde Sprüche gibt, steht man am besten drüber.“ Will heißen: Wird in der Truppe unkameradschaftlich gegen Paragraf 12 verstoßen, antwortet man darauf mit einem Verhalten gemäß Paragraf 12. 


 Für Wehrdienstleistende gehört interkulturelle Kompetenz als Lehrstoff seit 2006 zur Grundausbildung, füllt bislang allerdings im besten Fall ein paar Stunden. Mehr erfahren Berufssoldaten. Deren Ausbildung muss gründlicher sein, denn sie sind potenzielle Botschafter im Ausland. Erwartet wird nicht takt- sondern tadelloses Verhalten. Der „lebenskundliche Unterricht“ veranschaulicht das. In einem Modul geht es um Wertkonflikte. Die Lektionen haben zum Ziel, Werte bewusst zu machen und Verhaltenssicherheit zu trainieren. Wie verhalte ich mich, wenn mein Kamerad in Afghanistan auf offener Straße mit einer verschleierten Frau fliret? Wo endet Freundlichkeit, wo beginnt Fehlverhalten? Im Unterricht wird nur erklärt, dass man mit einer verschleierten Frau nicht flirten soll. Aber auch diese Information ist für manche schon sehr hilfreich. Von der Einhaltung religiöser Vorschriften sind Andersgläubige nicht ausgenommen. Vergleichbare kulturelle Fettnäpfchen gibt es überall. 


 Je näher der Einsatz rückt, desto detaillierter wird die Wissensvermittlung. Spezifisch landeskundliche Informationen bekommen Soldaten in einsatzvorbereitenden Kursen. Weitere Angebote macht die Hochschule der Bundeswehr in Hamburg. Studenten und angehende Offiziere können „interkulturelle Kommunikation“ bei Latifa Kühn, einer deutschen Muslimin afghanischer Herkunft, belegen. Die Kursinhalte sind vielfältig: Basiswissen der Soziologie und Psychologie („Ist Angst ein universelles Gefühl?“), Grundkenntnisse über den Islam, Mentalität und Sozialstruktur der Bevölkerung. Die Wissensvermittlung erfolgt auch praktisch: Bei einer Exkursion ins afghanische Museum können Studenten unter anderem einen muslimischen Gebetsteppich begutachten und werden mit der religiösen Praxis des Islam vertraut gemacht. Solche „sinnlichen Lektionen“ finden besonders Seminarteilnehmer deutscher Herkunft erhellend. Beweisen sie doch, dass „Muslime vielfältiger sind, als manche Politiker oder Medien vermuten lassen“, sagt einer. 


 An alldem lässt sich das Ausmaß des psychischen Spagats erahnen, den Soldaten in ihrer Ausbildung und im Auslandseinsatz machen. Einerseits wird ihre kulturelle Sensibilität trainiert, andererseits ihre Fertigkeit im Umgang mit der Waffe. „Das ist die Herausforderung heutiger Einsätze“, sagt Elmar Wiesendahl, Professor und Leiter des Fachbereichs für Sozialwissenschaften an der Führungsakademie, der höchsten Ausbildungseinrichtung der Bundeswehr, an der Staatsoffiziere, also auch zukünftige Generäle, ausgebildet werden. Soldaten müssten sich kontrollieren und eine „gewisse Robustheit zeigen“, erläutert Wiesendahl. „Mit reinem Hegemonialverhalten kann der Einsatz nur scheitern.“ Die Gratwanderung zwischen Empathie auf der einen sowie Kampfbereitschaft auf der anderen Seite manifestiert sich auch in der Wahl der Mittel in Krisenregionen. Wenn Fronten nicht mehr aus Nationalität, Kultur oder Religion bestehen, sondern aus Extremismus und Radikalismus, kann niemand mehr Freund und Feind auf den ersten Blick ausmachen. 


 An der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg diskutieren Seminarteilnehmer militärische und sicherheitspolitische Fragen. Im Schnitt werden täglich 500 Stabsoffiziere aus- und fortgebildet, davon 100 ausländische Militärvertreter, auch aus islamischen Ländern. 


 Vor einigen Jahren hätte das niemand mit „interkulturellem Dialog“ betitelt, ohne Heiterkeitsausbrüche zu ernten. Heute löst es nicht mal ein Schmunzeln aus. Das Umdenken ist Bestandteil des Transformationsprozesses von der Übungs- zur Einsatzarmee. Diese sammelt im Ausland plötzlich ganz konkrete, praktische Erfahrungen, aus denen die Bundeswehr ihre Schlüsse gezogen hat. Dementsprechend wird an der Führungsakademie ein Curriculum für interkulturelle Kompetenz entwickelt. Die Generalstabslehrgänge sind zum Teil international besetzt. Der interkulturelle Lehrstoff fließt ein in Seminare für Führungskräfte oder steht im Zentrum eines Lehrgangs, der Gewalt und ihre spezifischen Ausprägungen in Kulturen dieser Welt beleuchtet: von den Maoris bis zur deutschen Kriegsheldenverehrung samt Folgen. 


 Faktisch basiert auch jedes Militärbündnis auf interkulturellem Dialog. Im ISAF-Einsatz in Afghanistan sind 37 Nationen mit mehr als 40.000 Soldaten aktiv. Wer weiß schon, wie viele Missverständnisse es gibt? Wie viel Verwunderung der Anblick einer deutschen Soldatin bei Bündnispartnern auslöst, einem Aserbaidschaner zum Beispiel? Es ist zu vermuten, dass auch in der NATO über Mentalitäten debattiert wird. Warum das Führungsverhalten deutscher Militärs anders ist, als das der Engländer oder Franzosen. Bei den Deutschen müsse man wegen jeder Kleinigkeit Rückmeldung geben, heißt es. Oder: Ein Deutscher gebe das Ziel vor, lasse den Weg aber offen. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis auch die NATO Kurse zum „Diversity Management“ einführt. 
 
 



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