„Wollen Sie Personenschutz?”

von Lale Gül

Schwarz-Weiß-Denken (Ausgabe II/2022)

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Die niederländische Autorin Lale Gül. Foto: Robin Utrecht / picture alliance


„Wollen Sie auch Personenschutz?“, fragte der Polizeibeamte. „Bin mir nicht sicher, ob Sie Anspruch darauf haben, aber Sie können es versuchen, ich nehme es in die Anzeige mit auf.“ Zum dritten Mal in dieser Woche war ich auf der Wache. Der Beamte hatte sämtliche Screenshots, die ich per E-Mail an die Behörden verschickt hatte, ausgedruckt und in eine mit meinem Namen und einer Fallnummer versehene Mappe gelegt. Alle Drohungen, die nicht ausdrücklich davon handelten, mich umzubringen, zu erschießen oder mir die Kehle durchzuschneiden, sondern Sätze wie „Schaufel dir schon mal dein eigenes Grab“ oder „Ich kann es kaum abwarten dir über den Weg zu laufen“ enthielten, trennte er nun fein säuberlich von den strafrechtlich relevanten Fällen. Einige der Dokumente – etwa jene Briefe, die Fotos von Gewehren enthielten – erschreckten ihn dabei offenbar. Denn jedes Mal, wenn er die Mappe erneut durchging, machte er ein beunruhigteres und verdutzteres Gesicht.

Alles fing am 10. Februar 2021 an. Mein Debütroman „Ich werde leben“ kam einem Paukenschlag gleich. Der Roman handelt von einem muslimischen Mädchen, das zwischen einer islamisch konservativen und einer freien niederländischen Welt aufwächst. Da sie sich von der freien Welt angezogen fühlt, muss sie ständig lügen und führt somit ein Doppelleben. Währenddessen beginnt sie die religiösen Regeln immer mehr zu hinterfragen und findet diese oft lächerlich. Die Veröffentlichung dieser Geschichte sorgte nicht nur innerhalb der muslimischen Community, sondern in den ganzen Niederlanden und selbst international für Aufsehen. Ich prangte auf dem Cover des Wochenmagazins „Le Point“, man konnte mein Konterfei in ganz Paris auf Plakaten sehen. Sarah Jessica Parker schickte mir auf Instagram eine Nachricht, nachdem ich von der „New York Times“ interviewt worden war. Selbst türkische Medien behandelten mein Buch ausführlich, und es erreichten mich Anfragen aus der arabischen Welt: ob ich in Dubai im Fernsehen sprechen wolle und „Al Jazeera“ eine Doku über mich drehen dürfe. Natürlich lehnte ich ab, ich habe keine Lust auf noch mehr wutentbrannte Kommentare aus dem Nahen Osten. Die Übersetzungsrechte an meinem Buch habe ich an zehn Länder verkauft, jedoch an keines außerhalb Europas.

Inzwischen stehe ich in den Niederlanden seit gut einem Jahr auf der Bestsellerliste. Erst kürzlich war ich in der holländischen Stadt Sassenheim, aus Sicherheitsgründen natürlich unangekündigt, und signierte Buch um Buch, während der zuständige Polizist seine Runden um die Buchhandlung drehte. Plötzlich stürmt eine Frau um die fünfzig auf mich zu – um mir zu erzählen, sie habe mein Buch gelesen und erkenne alles, wirklich alles wieder. Schließlich habe sie zwölf Jahre in meinem Viertel gewohnt, ganz in der Nähe der Kirche. „Nachbarn hatte ich, die haben ihrer Tochter nichts erlaubt, die durfte auf keine Party und hatte immer Stress. Die Brüder konnten tun, was sie wollten! Wegen meiner Kinder bin ich da weg.“

„Ich sollte überzeugend darlegen, weshalb ich eine Morddrohung als Drohung empfand und wie diese mein Leben beeinflusst hat.”

Gelegentlich unterbreche ich das Signieren, trinke einen Schluck Kaffee und werfe einen Blick auf mein Handy, auf die Benachrichtigungen von Instagram, Facebook und Twitter. Es sind Tausende, die meisten enthalten Lob und Beistand, es sind Nachrichten, auf die ich irgendwann reagieren muss. Ich habe ein schlechtes Gewissen, die Leute warten zu lassen, aber es sind einfach zu viele. „Du kannst immer bei mir wohnen, wenn du in Not bist, ich habe noch ein Zimmer unterm Dach in Nijmegen“, schreibt eine Frau, eine von unzähligen ähnlich lautenden Nachrichten. Abgelöst werden diese Worte jedoch von Nachrichten wie „Ändere bloß deinen Namen, widerliche Fotze, Schande für alle Türken, wage es ja nicht, den Namen unseres Glaubens noch ein einziges Mal in dein Hurenmaul zu nehmen.“ Ich blockiere einige Leute, lege das Handy weg und nehme den Stift wieder in die Hand.

Genau vor einem Jahr bekam ich eine E-Mail der niederländischen Opferhilfe. Wegen des baldigen Gerichtsverfahrens gegen einen der Männer, die mich bedrohen – er saß zu diesem Zeitpunkt bereits seit sieben Monaten im Gefängnis –, müsse ich den immateriellen Schaden, der mir durch Drohungen in Form von Fotos von Schusswaffen bereitet worden sei, bitte genauer dokumentieren. Ich sollte überzeugend darlegen, weshalb ich eine Morddrohung als Drohung empfand und wie diese mein Leben beeinflusst hat. Alles wurde aufgeschrieben und ans Innenministerium geschickt. Auf dieser Grundlage würde dann über eine mögliche Pfändung des Besitzes des Täters entschieden, sagte man mir, und darüber, ob er bis zur Verhandlung in Gewahrsam bleiben muss. Selbst die Taxikosten, die mir aufgrund des Falls entstanden seien, würde ich dann womöglich erstattet bekommen.

„Was Van Doorn von Gegnern des Islam hält, ist allseits bekannt: Sie müssen vernichtet werden.”

„Dir ist doch wohl klar, dass du einzig und allein für bestimmte Zwecke benutzt wirst? Muslime werden sowieso schon marginalisiert, du verschlimmerst unser Stigma noch“, teilt mir ein Kommilitone mit. Der niederländische Schriftsteller Abdelkader Benali twittert derweil, mein Buch sei furchtbar schlecht, nichts als heiße Luft, nicht überzeugend. Er hege große Zweifel an meiner Glaubwürdigkeit und meinen Absichten, es sei gesellschaftlich nicht relevant und meine widerspenstige Haltung zeige lediglich, dass „das wirkliche Problem vielleicht ein anderes ist“. Dieser Mann, der nach eigenen Bekundungen Anzeige erstatten will, sollte jemand etwas Beleidigendes über den Islam oder die Marokkaner sagen, hält es für gesellschaftlich irrelevant, wenn eine Kollegin, eine Schriftstellerin, bedroht wird.

Laut Jamal Ouariachi, einem anderen Schriftsteller, muss ich, ob ich nun will oder nicht, Verantwortung übernehmen, dafür Sorge tragen, kein verzerrtes Bild der muslimischen Community zu zeichnen. Der flämische Philosoph Maarten Boudry verteidigt mich jedoch: „Lale bekommt den Hass ab, aber trotzdem ist die Community das Opfer und sie trägt ›Verantwortung‹? Sieht so Unterstützung aus?“ Warda el Kaddouri, Literaturkritikerin bei der Wochenzeitschrift  „De Groene Amsterdammer“, schreibt auf Facebook, mein Buch sei extrem schlecht geschrieben und darüber hinaus rechtsextrem und rassistisch. Sie habe den ganzen Tag geweint, da augenscheinlich die ganzen Niederlande genau so etwas lesen wollen. Als ich ein Foto von ihrem Facebook-Post mache und ihn auf Twitter veröffentliche, werfen mir einige vor, ich würde Menschen vorführen, unter ihnen auch Benali.

Die niederländische Partei „Denk“ veröffentlicht in einer türkischen Zeitung eine Anzeige mit einem Foto von mir und dem Text: „Sie möchten Islamhasser aufhalten? Wählen Sie Denk“. Der Journalist Kemal Rijken schreibt derweil in „Hp/De Tijd“, dass er sich über die ganze Debatte ärgere, da sie in erster Linie Meinungsmachern, meinem Verleger und rechten Politikern nütze. Gleichzeitig erstattet Arnoud van Doorn von der islamischen Partij van de Eenheid aus Den Haag Anzeige gegen mich, da ich ihn auf Twitter als räudigen Hund bezeichnet habe, nachdem er mich eine Feindin der Muslime genannt hatte. Was Van Doorn von Gegnern des Islam hält, ist allseits bekannt: Sie müssen vernichtet werden. Wegen ähnlicher Äußerungen wurde bereits gegen ihn ermittelt.

„Seitdem weiß ich, dass ich meine Wahrheit nicht aus Gefälligkeit begraben muss.”

Der Historiker Nuri Kurnaz schreibt in der Zeitung „Volksrant“, dass in der medialen Berichterstattung über mein Buch Diversität ausgeblendet werde, muslimische Eltern als Unterdrücker abgestempelt würden und diese sich daher zu Recht angegriffen fühlten. Der ehemalige GroenLinks-Politiker und Kolumnist Zihni Özdil twittert über mein Buch: „Toll geschrieben, leider ein bisschen brav, denn die Realität der türkischen Parallelgesellschaft ist noch viel schlimmer als das, was sie aufgeschrieben hat. Hoffentlich traut sie sich in folgenden Büchern mehr.“

Unterstützung auf Twitter kommt von Marieke Hoog-wout, Redakteurin von „Vrij Links“: „Aufgewachsen in den 1970er-/80er-/90er- Jahren, habe ich miterlebt, wie die Linke das orthodox-christliche Diktat stets bekämpft hat. Kampf, Spott, Satire – alles war erlaubt und wurde auch gemacht. In der Literatur: Reve, ’t Hart und Wolkers, fast bis zur Ermüdung wurde in nahezu jedem Buch entweder ein Kirchenältester aus dem Haus geworfen oder ein Pastor beschimpft. Kein Film ohne dröhnendes Gottverdammt. Life of Brian, Popie Jopie, Jesus führt (in der Version von Robert Long), aber jetzt soll Lale, eine Amsterdamerin, Niederländerin, eine junge Frau, ›doch ein bisschen mehr auf ihren Ton achten‹ oder „schon auch ihre Verantwortung einsehen“. Es ist derart abscheulich, derart feige. Selber alle Freiheiten haben, aber von anderen, jüngeren Menschen in ein und demselben Land fordern, das ihnen widerfahrene Unrecht ein wenig milder anzukreiden, sich ein wenig verbindlicher zu geben, ›an die Gesprächsatmosphäre‹ zu denken? Ich. Kann. Es. Nicht. Fassen.“

Vor Kurzem war ich in einer Buchhandlung in Rotterdam, wo sie, wie anderswo auch, mein Buch tonnenweise nachordern. Ich habe den Buchhändler gefragt, warum es so gut laufe. „Sehr viele Jugendliche mit Migrationshintergrund, die wir hier sonst nie sehen, kommen extra, um nach deinem Buch zu fragen“, sagte er. In meinem Posteingang konnte ich häufig lesen: „Sonst lese ich nie, kann mich nicht konzentrieren, aber dein Buch hatte ich an einem Tag durch. Wann kommt das nächste?“ Seitdem weiß ich, dass ich meine Wahrheit nicht aus Gefälligkeit begraben muss.  

Aus dem Niederländischen von Dania Schüürmann



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