Eine Imbissbude vor Gibraltar

von Nick Hannes

Schwarz-Weiß-Denken (Ausgabe II/2022)

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Foto: Nick Hannes


Dieser Tag, ein Höhepunkt der andalusischen Festkultur, beginnt traditionell mit einer Messe. Im Anschluss zieht eine farbenfrohe Prozession in Richtung der Festwiese, wo dann bis zum nächsten Morgen gefeiert wird. La Línea ist die letzte spanische Stadt vor der Grenze zu Gibraltar, dem Ort an dem trutzigen Felsen, der 1704 während des spanischen Erbfolgekrieges in die Hände der Briten fiel. Seitdem ist die nur 6,5 Quadratkilometer große Halbinsel britisches „Überseegebiet“.

Aber am Domingo Rociero scheint auch vergessen, dass es wegen Gibraltar immer wieder zu Spannungen zwischen Spanien und dem Vereinigten Königreich kommt. Grenzstädte sind lebhaft, und La Línea ist keine Ausnahme. Das Leben hier ist chaotischer und lauter als auf der anderen, der britischen Seite, wo selbst der temperamentvolle Levante es kaum schafft, den Union Jack in Bewegung zu versetzen. In La Línea schlägt am Domingo Rociero eine unwiderstehliche Lebensfreude die ganze Stadt in ihren Bann. Selten habe ich Menschen so ausgelassen tanzen und trinken sehen wie in den Festzelten von La Línea. Nirgendwo schallt der Flamenco so laut wie in den wimmeligen Casetas, den Festständen. Sie können ihn nicht überhört haben, auf dem stillen Felsen dort drüben, auf der anderen Seite der Grenze.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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