Das Tal der Ahnungslosen

von Sangeeta Lama

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


In Nepal gibt es 3.252 Gletscher und 2.315 Gletscherseen. Nach Erkenntnissen des UN-Umweltprogramms (UNEP) und des Internationalen Zentrums für integrierte Gebirgsentwicklung (ICIMOD) sind 26 der Seen potenziell gefährdet. Sechs von ihnen stehen vor dem Ausbruch, weil die über ihnen liegenden Gebirgsgletscher nach Erkenntnissen des Ministeriums für Hydrologie und Meteorologie in Kathmandu kontinuierlich um 10 bis 70 Meter pro Jahr abschmelzen. Von den gefährdeten Seen liegen 13 im Sagarmatha-Nationalpark. Dort befindet sich der höchste Berg der Welt, der Mount Everest, und dort lebt die Volksgruppe der Sherpa.

Da die Menschen im Sagarmatha-Gebiet in hohem Maße auf den Tourismus angewiesen sind – etwa 17.000 Trekker und Bergsteiger besuchen es jedes Jahr –, würde ein Gletscherseeausbruch die Lebensgrundlage der Bevölkerung hart treffen. Pemba Dorjee Sherpa, viermaliger und schnellster Besteiger des Mount Everest weiß das: „Vor einigen Jahren sagte mir Sir Edmund Hillary, dass zur Zeit seiner Everest-Besteigung im Jahr 1953 Schnee und Eis noch bis zum Basislager reichten, heute enden sie fünf Meilen oberhalb. Der Everest ist dabei, seine natürliche Schönheit zu verlieren, meine Lebensgrundlage. Wenn wir sie verlieren, stehen unsere Kinder vor dem Nichts.“

Für die Sherpa, nach deren Glauben die Berge Göttinnen und Götter sind, haben die Gletscherseen nicht nur eine touristische, sondern auch eine religiöse Bedeutung. Nie besteigen sie einen Berg des Himalaja, ohne zuvor im Basislager oder in einem buddhistischen Kloster mit einem Ritual von den Göttern oder Göttinnen Vergebung zu erbitten. Wer einmal die Fluten erlebt hat, die ein Gletscherseeausbruch in dieser Region auslöst, wird die Angst vor einer Wiederholung dieser Katastrophe nicht wieder los. Die Menschen in den Dörfern unterhalb der gefährdeten Seen leben in Sorge, können aber keinen Zusammenhang zwischen den Gletscherseeausbrüchen und dem Klimawandel herstellen.

Dennoch sind die Auswirkungen des Klimawandels deutlich zu erkennen: Die Temperatur im Land ist in den letzten dreißig Jahren um je 1,8 Grad Celsius gestiegen. In den letzten Jahren waren neblige Winter, heißere Sommermonate und häufige Bergrutsche zu verzeichnen. Der Tsho-Rolpa-Gletschersee hatte 1950 eine Oberfläche von 0,23 Quadratkilometern, heute von 1,7 Quadratkilometern. Der See liegt in 4.580 Metern Höhe im Rolwaling-Tal im Dolakha-Distrikt nördlich der Hauptstadt Kathmandu, rund 32 Kilometer südwestlich des Mount Everest. Bereits in der Vergangenheit warnte das UNEP, der See könne ausbrechen – dies würde womöglich in einem Gebiet von 100 Kilometern Länge flussabwärts Schaden anrichten. Eine Flutwelle von rund 56 Millionen Kubikmetern würde 6.000 Menschenleben, zahlreiche Dörfer, Weideland, Brücken, Wege, Straßen und auch die Baustelle eines 60-Megawatt-Wasserkraftwerks gefährden.

Im Dorf Melung im Dolakha-Distrikt leben die Bäuerin Kalpana Katuwal und ihre Familie von Weideland. Vor etwa neun Jahren haben sie, wie auch viele andere Dorfbewohner, ihr Dorf für einen Monat verlassen, als sie hörten, ein Ausbruch des Sees stünde bevor. „Mittlerweile wissen wir, dass Maßnahmen getroffen wurden, um die Ausbrüche des Gletschersees in den Griff zu bekommen“, sagt Kalpana. Unmittelbar nach der Warnung der UNEP rief das Ministerium für Hydrologie und Meteorologie mit Unterstützung eines niederländischen Instituts das „Tsho Rolpa Risk Reduction Project“ ins Leben. Dabei wurden große Wassermengen abgelassen und der Wasserspiegel um drei Meter gesenkt. In den Dörfern unterhalb des Tsho Rolpa wurden 19 Warnstationen eingerichtet. „Das Alarmsystem funktioniert aber nicht“, sagt Kalpana, „weil Sonnenkollektoren und Batterien gestohlen wurden.“

Im Januar 2007 berichtete der japanische Bergsteiger und Forscher Ken Noguchi nach seinem dreiwöchigen Aufenthalt in der Sagarmatha- und Dolakha-Region von der Gefahr, die dort vom auf 5.010 Metern gelegenen Imja-See ausgeht. Bräche er aus, würde das Dorf Lukla und damit der wichtigste Zugang zum Sagarmatha-Gebiet binnen einer Stunde fortgespült werden. Noguchi forderte die nepalesische Regierung, die Zivilgesellschaft und die Medien auf, gemeinsam die internationale Gemeinschaft wachzurütteln und um Hilfe zu bitten, damit man die notwendigen Maßnahmen treffen und die Situation in den Griff bekommen kann.

Nepal trägt nahezu nichts – 0,025 Prozent – zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei. Die Leitlinien zum Klimawandel, die die nepalesische Regierung entworfen hat, wurden bisher nicht umgesetzt – das Ministerium für Hydrologie und Meteorologie verweist auf mangelnde Ressourcen und fehlendes Fachwissen. Um die einzigartigen Landschaften und Kulturen zu retten, müssen reiche und arme Länder stärker Hand in Hand arbeiten.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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