Ich bin dafür, dass wir den Veganismus neu denken

von Barbara Miranda

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

  • Foto: Javier Zayas Photography / Getty Images

    Foto: Javier Zayas Photography / Getty Images


Menschen entscheiden sich aus den unterschiedlichsten Gründen für eine vegane Lebensweise: wegen der Tiere, der Gesundheit oder der Umwelt. Ich gehöre zu letzteren. Vor sechs Jahren sah ich einen Dokumentarfilm über den direkten Zusammenhang zwischen Fleischproduktion und Klimawandel. Von da an war der Veganismus für mich die Lösung für die großen Probleme unserer Welt.

„Alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren so weit wie möglich und praktisch durchführbar zu vermeiden“: Diese Definition des Veganismus, wie sie die 1944 in England gegründete Vegan Society gibt, wurde zu meinem Mantra. Sie machte Sinn – nicht nur für mich, sondern auch für andere. Fast achtzig Jahre nach der Entstehung der Vegan Society ist der Veganismus nicht mehr nur unter Tierschützern weit verbreitet, sondern wird selbst von den großen Lebensmittelkonzernen der Welt vermarktet. Das Versprechen an die Konsumierenden: „Wir verkaufen euch Produkte, die euer Leben verändern, Tiere retten und sogar den Planeten vor der Klimakrise bewahren werden.“ 

In Brasilien, meiner Heimat, sind die Auswirkungen der Fleischproduktion verheerend. Die Agrarindustrie dringt auf indigenes Land vor, holzt das Amazonasgebiet ab und brennt Savannen für Sojaplantagen ab, die benötigt werden, um die Nachfrage nach Viehfutter zu stillen. Derweil sind mehr als vierzig Prozent der brasilianischen Bevölkerung von Ernährungsunsicherheit und Hunger betroffen.

„Man muss sich auch über die Verfügbarkeit gesunder Ernährung Gedanken machen“

Kann der Veganismus all diese Probleme lösen? Ein Teil von mir will das bejahen. Was passiert aber, wenn Menschen gar keine Wahlmöglichkeit haben, was sie essen? Ist der Diskurs über den Veganismus nur die halbe Wahrheit und zwar nur für eine Hälfte der Welt, den Westen?

Es gibt auch andere Perspektiven, zum Beispiel die der Aktivistin Caroline Costa, die in den Außenbezirken von Rio de Janeiro lebt. Sie blickt mit anderen Augen auf die Tierrechtsbewegung: aus der Sicht des globalen Südens. So entsteht aus der Begegnung mit lokalen Widerstandsbewegungen ein anderer Veganismus. Dieser versucht, Praktiken und Kulturen aufzuwerten, die seit jeher die Vielfalt pflanzlicher Nahrungsmittel nutzen und ihre Ernährungssouveränität fördern. Das ist bei den ursprünglichen Völkern Südamerikas und Afrikas der Fall. Die indigenen Kulturen werden aber durch einen kontinuierlichen Kolonisierungsprozess ausgelöscht, der mit der Ankunft der Europäer in ihren Gebieten begann und heute durch die kulturelle Kolonisierung fortgesetzt wird. Diese propagiert hochverarbeitete Lebensmittel und einen auf ungezügelten Konsum ausgerichteten Lebensstil. 

Im Gegenzug kommen aber auch die vielfältigen Missstände bei der Herstellung von Lebensmitteln tierischen und pflanzlichen Ursprungs ans Licht, wie etwa der übermäßige Einsatz von Agrargiften, die nicht nur das Leben der Verbraucher, sondern auch das der Feldarbeiter schädigen. Das alles bestätigt den Gedanken, dass Veganismus nur einer der vielen Kämpfe für soziale Gerechtigkeit ist. Man muss sich auch über die Verfügbarkeit gesunder Ernährung Gedanken machen: So gibt es etwa überall in den USA Lebensmittelwüsten, also Gebiete, in denen die Bevölkerung keine oder nur wenige gesunde, frische und erschwingliche Lebensmitteln kaufen kann; und auch in Europa herrschen in der Fleischindustrie furchtbare Zustände und schlimme Bedingungen für die Arbeitskräfte, die oft aus Osteuropa stammen. Die Autorin Amie Breeze Harper sagt: „Woher die Lebensmittel kommen, wie sie auf die Märkte gelangen und was in den Lebensmitteln enthalten ist, die wir essen, ist genauso wichtig wie der Zugang zu Wohnraum, Gesundheit, Arbeit und Wahlen.“

Ich bin zwar der Meinung, dass alle Tiere Respekt und Mitgefühl verdienen, aber ich glaube nicht, dass die Entscheidung, vegane Produkte zu konsumieren, nicht menschliche Tiere vor der Ausbeutung retten wird. Solange wir nach schnellen Formeln für komplexe Lösungen suchen, ohne die Verbindung zu anderen Formen der Unterdrückung, wie Machismo und Rassismus, herzustellen, werden wir immer noch in der Logik des Kapitalismus feststecken, die besagt, dass alles verkauft werden kann, einschließlich Leben, egal ob es sich dabei um tierisch-menschliche oder pflanzliche Leben handelt.

Aus dem Portugiesischen von Timo Berger



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