Das Beben

von Tope Folarin

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

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Erdbeben hinterlassen auch sichtbare Folgen – wie diesen Riss in einer Washingtoner Straße. Foto: John G. Mabanglo / AFP via Getty Images


Zehn Jahre ist es nun schon her: Ich saß auf meiner Couch und blätterte gerade in einem Roman, als ich eine Bewegung unter mir wahrnahm. Im ersten Augenblick dachte ich, ich hätte versehentlich das Sofa verschoben; dabei hatte ich mich gar nicht bewegt. Für einige Sekunden, die mir unwirklich lang vorkamen, schwirrten mir lauter mögliche Erklärungen durch den Kopf, warum sich die Welt um mich herum bewegte. Und plötzlich traf mich die Erkenntnis, als sei mir die Antwort direkt aus dem Himmel ins Gehirn gesickert: Das muss ein Erdbeben sein. „Erdbeben“ – das Wort bauschte sich vor mir auf, aber so richtig erfassen konnte ich es nicht. Es passte einfach nicht zu meinem Alltag. Ich wohne in Washington, D. C. Erdbeben gibt es vielleicht im Mittleren Westen oder in Kalifornien – auf jeden Fall anderswo. Und ich hatte schon viel darüber gelesen; erlebt hatte ich noch keines.

Während die Welt weiter schwankte, liefen meine Gedanken auf Hochtouren. Das hier passiert wirklich, jetzt gerade, und ich muss irgendetwas dagegen unternehmen, und zwar sofort. Ich kramte in meinem Gedächtnis nach Verhaltens-tipps aus meiner Kindheit, aus Büchern, die ich gelesen hatte, aus allen möglichen Quellen. Sollte ich mich unter dem Tisch verstecken? In der Badewanne zusammenkauern? Einen Moment lang lief ich stolpernd umher – und dann hörte es auch schon auf. Unwillkürlich fragte ich mich: War das gerade tatsächlich passiert? Aus dem Hausflur hörte ich aufgeregte Stimmen, die eindeutig dafür sprachen. Ich trat vor meine Tür und begegnete dem Blick meiner Nachbarn, deren Mienen genau zu meiner Gefühlslage passten. War es vorbei? Oder war das erst der Anfang?

Danach prasselten von allen Seiten Informationen auf mich ein: Aus den Nachrichten erfuhr ich, dass es sich um ein relativ starkes Beben gehandelt hatte, 5,8 auf der Richterskala, das stärkste Erdbeben in unserer Gegend seit einhundert Jahren. Mit Nachbeben war zu rechnen. Auf meinem Laptop sah ich Videos, in denen Lebensmittelregale ins Wanken gerieten und die Waren zu Boden fielen. In den sozialen Medien wurde über große Risse in Gebäudewänden berichtet, und Menschen erzählten mit zittriger Stimme, was sie zum Zeitpunkt der ersten Erdstöße gerade gemacht hatten. Doch das Offensichtliche sprach niemand an, vielleicht, weil es so naheliegend war: Tief im Erdinneren war etwas erwacht. Etwas, das uns übelwollte und von dem wir annehmen mussten, dass es uns das Leben unendlich viel schwerer machen oder gar unserem Leben ein Ende setzen könnte. Im Fall der Fälle würden wir nicht die geringste Ahnung haben, wie wir es dazu bewegen könnten, sich wieder schlafen zu legen.

„Dank Hollywood verfügen wir über Erinnerungen an alle erdenklichen Formen von Unheil, das sich bislang zwar noch nicht ereignet hat, aber unweigerlich eines Tages eintreten wird“

Es ist nicht so, dass wir für Katastrophen nicht gerüstet wären. Dank Hollywood verfügen wir über Erinnerungen an alle erdenklichen Formen von Unheil, das sich bislang zwar noch nicht ereignet hat, aber unweigerlich eines Tages eintreten wird. Sollten die Russen oder Terroristen oder die Chinesen oder Marsmenschen beschließen, unsere Stadt zu zerstören, wüssten wir genau, wie das bis auf die Grundmauern abgebrannte Weiße Haus aussehen und mit welchem Geräusch das Washington Monument in sich zusammenstürzen würde: mit einem beinahe metallischen Knirschen. Bisher waren wir allerdings immer davon ausgegangen, dass das Unheil von oben kommen würde; mit der Möglichkeit einer Apokalypse von unten hatten wir nicht gerechnet.

Doch das Erdbeben hatte tatsächlich stattgefunden, und wahrscheinlich würde noch mehr geschehen. Nun hatten wir neue Ängste, die zu den alten hinzukamen. In den Stunden nach dem Beben recherchierte ich nach Schutzmaßnahmen, bis ich mir sicher war, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Dann wartete ich ab. Und wartete. Wir hörten von Nachbeben in benachbarten Städten, aber in D. C. spürten wir nichts davon. Unsere Ängste verblassten, und alles Mögliche trat an ihre Stelle. Politische Diskussionen. Der neueste Quatsch in der Lieblings-Reality-TV-Show. Ein neues Popalbum, Klatsch und Tratsch aus der Nachbarschaft, das Liebesleben einiger Promis. Ein paar Tage nach dem Erdbeben fand ich mich auf einer Dinnerparty bei Freunden wieder, wir erzählten uns bei einem Glas Wein Geschichten, und es wurde viel gelacht. Das Erdbeben kam nicht zur Sprache.

Wir sind ein ausgesprochen visuelles Volk, das in einer ausgesprochen visuellen Zeit lebt. Es fällt uns schwer, auf Gefahren gefasst zu sein, die wir nicht sehen können. Aber wir haben keine Wahl – wir leben auch in einer Zeit, in der einige unsichtbare Bedrohungen ins Blickfeld rücken. Wir ertragen bereits seit fast zwei Jahren eine globale Pandemie. Viele von uns haben sich mit der Tatsache arrangiert, dass gleich um die Ecke ein wie auch immer gearteter Umweltkollaps auf uns wartet. Die Erdstöße erinnern uns daran, dass es zu alledem auch noch die Möglichkeit gibt, dass der Boden unter unseren Füßen ohne Vorwarnung ins Wanken gerät. Im Augenblick ist unser Leben dank Abstandsregeln, Maskenpflicht und Dauerdesinfektion beschwerlich und beunruhigend. Und trotzdem kann es gut sein, dass wir gerade die letzten Momente einer Ära erleben, die unsere Nachfahren sehnsuchtsvoll „die Guten Zeiten“ nennen werden.

„Ein klarer Blick auf unsere möglichen Aussichten zeigt deutlich, dass sich unser Leben in wenigen Jahren dramatisch verändern wird, ganz gleich, was wir jetzt tun und wie schnell wir auf die vielfältigen bevorstehenden Bedrohungen reagieren“

Welche Verantwortung haben wir gegenüber der Zukunft? Ein klarer Blick auf unsere möglichen Aussichten zeigt deutlich, dass sich unser Leben in wenigen Jahren dramatisch verändern wird, ganz gleich, was wir jetzt tun und wie schnell wir auf die vielfältigen bevorstehenden Bedrohungen reagieren. Gerne wird darüber geklagt, dass wir dieser Zukunft allzu lässig entgegenblicken; dass wir trotz allem, was wir über die Bedrohungen wissen, weiter so leben wie gewohnt und tun, was wir immer getan haben – einkaufen, uns mit Fernsehen zudröhnen und auf Partys gehen. Wir müssten unser Leben von Grund auf umkrempeln, heißt es. Wir müssten unermüdlich daran arbeiten, eine andere, hoffnungsvollere Zukunft zu schaffen.

Ich schließe mich dieser Ansicht an. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass wir genießen sollten, was wir haben, solange wir es noch haben. Wenn sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sollten, dann ist es unsere Pflicht unserem heutigen und zukünftigen Selbst gegenüber, dass wir Erinnerungen an das heutige Leben erschaffen. Erinnerungen, die uns in den finsteren Zeiten, auf die wir zusteuern, Kraft geben und unsere Träume mit Leben füllen können.

Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass zahlreiche weitere, unbekannte Bedrohungen nur auf den perfekten Moment warten, um aus dem Schatten hervorzukriechen und uns das Leben schwer zu machen, sei es aus der Luft, aus dem Wasser oder, ja, auch aus dem Untergrund. Wir werden unsere Erinnerungen brauchen, um uns zu vergegenwärtigen, wie die Dinge waren und wie sie wieder sein könnten. Damit wir auch in den schwersten Zeiten stark bleiben. 

„Wie schnell es uns gelang, von Tragödie auf Normalität umzuschalten“

Wenn ich an das Erdbeben zurückdenke, dann erinnere ich mich nicht so sehr an den Schreck und die Angst, die ich verspürte. Ich denke viel mehr daran, wie schnell meine Freunde und Familienmitglieder sich erholt haben und wie schnell wir unser gewohntes Leben wieder aufgenommen haben. Wie schnell es uns gelang, von Tragödie auf Normalität umzuschalten. Die Rahmenbedingungen werden beim nächsten Mal andere sein, und es wird mit Sicherheit nicht leicht, aber diese Art der Widerstandskraft werden wir in Zukunft dringend brauchen.

Mein Rat an Sie, liebe Leserin und lieber Leser, lautet deshalb: Wenn Sie tagsüber gegen die fossile Brennstoffindustrie demonstrieren oder sich in die Details von Umweltgesetzesentwürfen einarbeiten, dann schauen Sie abends so viele Filme, wie Sie nur können. Vergnügen Sie sich auf Straßenfesten, gehen Sie auf Konzerte. Und besuchen Sie so viele Partys wir möglich. Die Menschheit ist auf Sie und Ihre Erinnerungen angewiesen.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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