Eine Hütte aus Holz

von Joar Nango

Selbermachen (Ausgabe IV/2021)

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Die Samen bauen ihre traditionellen Hütten, die Goahtis, aus dem Material, was vor Ort zu finden ist. Foto: imago / alimdi


Goahtis, die traditionellen Behausungen der Samen hier im Norden von Skandinavien, haben eine lange Geschichte: Das älteste bislang gefundene Goahti ist mindestens 4.000 Jahre alt. Diese Hütten sind der Landschaft angepasst, sie sind gut isoliert und trotzen dem rauen Klima.

Das Material für ein Goahti ist die Landschaft selbst. Man baut die Hütte aus dem Material, das man vor Ort findet. Die Grundkonstruktion besteht aus Holz, in der Regel Birkenholz. Dann fügt man eine weitere Schicht aus leichtem, dünnerem Holz hinzu. So entsteht ein halb geschlossener Raum. Dann legt man außen Schichten von Birkenrinde als Schutz vor Regen und Feuchtigkeit darauf. Und dann eine dicke Schicht Grasnarben. Das sind die drei grundlegenden Materialien, darüber hinaus kann man Details wie Fenster und Türen anfertigen und einbauen. Das hängt davon ab, was man gerade zur Hand hat.

Die Hütten werden auch heute noch gebaut, nur nicht mehr so oft. Und sie sind viel einfacher in ihrer Konstruktion: Heutzutage würde man ein Fenster vorfertigen oder ein ausrangiertes Fenster nehmen, das man irgendwo günstig bekommt. Außerdem verwendet man heute oft Plastikplane anstelle der Birkenrinde. Das Entrinden der Bäume ist sehr teuer und zeitaufwendig, deshalb wird das heute nicht mehr so oft gemacht. Mein Onkel hat vor nicht allzu langer Zeit eine solche Hütte an dem See gebaut, wo unsere Familie im Sommer oft angeln geht: Die Grundkonstruktion bestand aus Brettern und einer Plastikplane, von außen bedeckte er sie mit Grasnarben und baute eine alte, ausrangierte Tür von seinem Nachbarn ein. Das ist die Kernphilosophie des Goahti: dass man sie aus dem baut, was vor Ort vorhanden ist. Es ist eine improvisierte Struktur, ein Architekturstil, der von dem Ort abhängt, den man für den Bau gewählt hat. 

„Viele Leute sind eher daran interessiert, die ganz authentische, prähistorische Art und Weise beizubehalten, Dinge zu tun. Ich finde es viel interessanter, Tradition als etwas zu betrachten, das sich in Bezug auf Materialität und Bauweise immer wieder verändert“

Als Wärmequelle dient oft eine Feuerstelle in der Mitte der Hütte. Um die Wärme zu erhalten und im Raum zu verteilen, ist dieser rund. Traditionell befindet sich die Feuerstelle auf dem Boden und der Rauch zieht über ein Loch im Dach ab. Man kann auch einen Ofen hineinstellen und einen Schornstein bauen. Ich habe sogar Goahtis aus den 1970er-Jahren mit einer Ölheizung gesehen.

Traditionell befindet sich die Feuerstelle in der Mitte. Aber wenn ein Ofen oder eine Ölheizung installiert wird, kann man den Ofen auch verschieben und näher an die Wand stellen. Damit verändert man die ganze ursprüngliche Struktur der Hütte, und das gefällt mir so daran: Wenn man über Traditionen spricht, sind viele Leute eher daran interessiert, die ganz authentische, prähistorische Art und Weise beizubehalten, Dinge zu tun. Ich finde es viel interessanter, Tradition als etwas zu betrachten, das sich in Bezug auf Materialität und Bauweise immer wieder verändert. Dann geht es vielmehr darum, wie man baut, um die Philosophie dahinter.

Ein Goahti zu bauen, dauert normalerweise mehrere Wochen. Das hängt davon ab, zu wie vielen man das macht. Mehrere Arbeitsschritte nehmen sehr viel Zeit in Anspruch: Zum einen muss das ganze Holz gefällt und entrindet werden, das ist die traditionelle Methode, und zum anderen muss man die Grasnarben schichten. Das ist beides eine sehr schwere Arbeit. Aber wenn viele Leute mithelfen, geht es natürlich schneller. Außerdem finden die einzelnen Arbeitsschritte traditionell zu verschiedenen Zeiten im Jahr statt. Das Entrinden macht man im Hochsommer, das Bauen danach im Herbst, aber das ist eigentlich zu jeder Jahreszeit möglich. 

„Nomaden sind Meister darin, das Gewicht ihrer Behausungen möglichst gering zu halten. Sie nehmen einen bestimmten Teil der Bauten von Ort zu Ort mit und lassen den anderen Teil der Architektur zurück: Die samischen Rentierzüchter folgen den Herden im Winter in die Berge und im Sommer in die Küstengebiete“

Architekten wie mir fehlt oft das Wissen über Materialien und über den Umgang mit Werkzeugen, also die eher physische Dimension der Arbeit. Deshalb habe ich mir viel Zeit dafür genommen, das Bauen von Goahtis zu erlernen. Drei habe ich bisher gebaut. Beim ersten Mal  haben wir mit mehreren Leuten einen Experten gebeten, uns das Bauen zu zeigen. Es war sehr interessant, auf diese Weise die traditionelle Verwendung von Materialien kennenzulernen. Ich bin kein besonders geschickter Handwerker, aber ich arbeite gern mit Leuten zusammen, die wissen, wie man baut. Das zweite habe ich dann allein mit Freunden in Schweden gebaut, und ein drittes auf einer Insel außerhalb von Tromsø, wo ich wohne. Ich arbeite immer noch daran, seit fünf Jahren. Wer weiß, ob es je fertig wird! 

Das Wissen in der Architektur über die Kultur des Bauens und die besondere Art, den Raum zu begreifen, sollten wir nutzen, um die Debatte über samische Architektur zu erweitern. Als Student war ich sehr überrascht, dass es ein so geringes Bewusstsein für samische Architektur gab. Es wurde sehr wenig geforscht und sehr wenig darüber gesprochen. Auf die samische Kultur wird immer noch sehr folkloristisch und museal geblickt. Ich interessierte mich auch für die Geschichte, aber vor allem für die zeitgenössische Architektur. Und ich denke heute mehr denn je, dass eine Debatte über samische und indigene Identität und Kultur aus einer zeitgenössischen Perspektive notwendig ist. 

In der samischen Kultur finde ich das Konzept des Nomadentums interessant, vor allem in Bezug auf Nachhaltigkeit. Es bietet neue Denkansätze über Ressourcen und Materialismus,  über Recycling und die Wiederverwendung von Dingen. Nomaden sind Meister darin, das Gewicht ihrer Behausungen möglichst gering zu halten. Sie nehmen einen bestimmten Teil der Bauten von Ort zu Ort mit und lassen den anderen Teil der Architektur zurück: Die samischen Rentierzüchter folgen den Herden im Winter in die Berge und im Sommer in die Küstengebiete. Die Rentierherden ziehen jedes Jahr entlang der gleichen Route. Im Sommer bleiben sie einige Monate im selben Weidegebiet. Dort bauen sie traditionell die Goahtis, die bis zu vierzig Jahre halten. Im Winter ziehen die nomadischen Samen weiter umher und leben in Zelten aus Stoff, aus einer ähnlichen Struktur wie die Goahtis, aber leichter und mobiler. Darauf baut die Philosophie der Samen: Die Landschaft und das vorhandene Material ist Voraussetzung für das Produkt, das sie bauen. Ich versuche, diese samische Tradition in meiner Arbeit als Künstler und Architekt in einen moderneren Kontext zu übertragen. Auch, wenn ich nicht zwischen den Bergen und der Küste hin und herziehe, sondern eher zwischen verschiedenen Städten.  

Protokolliert und aus dem Englischen übersetzt von Leonie Düngefeld



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