Plattenbauten und schwebende Säulen

von Grzegorz Piątek

Das neue Polen (Ausgabe III/2021)

  • Kulturpalast in Warschau. Foto: Dagmar Schwelle/LAIF

  • Spodek in Kattowitz. Foto: Velishchuk/iStock

  • Siedlung am Grunwaldplatz in Breslau. Foto: Terence Waeland/Alma/Mauritius Images

  • Kirche der Himmelfahrt des Herrn in Warschau. Foto: Imago Images

  • Philharmonie in Stettin. Foto: Peter Hirth/LAIF


1. Kulturpalast in Warschau

Inmitten der Ruinen Warschaus wuchs dieses mächtige Bauwerk Anfang der 1950er Jahre empor. An Höhe übertraf es in ganz Europa einzig die Moskauer Lomonossow-Universität, errichtet nach dem Entwurf desselben sowjetischen Architekten: Lew Rudnew. Mit der Universität hat der Kulturpalast die tortenähnliche Treppenform gemein, die den Wolkenkratzern Manhattans nachempfunden ist. Diese Inspirationsquelle nannte man seinerzeit natürlich nicht, sondern betonte stattdessen, der Palast sei »sozialistisch im Inhalt, national in der Form«. Sozialistisch, weil er dem Volk dienen sollte – beherbergte er doch Kinos, Theater, Museen, Bankettsäle und Konferenzräume, Cafés und sogar eine Schwimmhalle. Und national, weil seine Bauweise die polnische Architekturgeschichte zitiert – so gibt es gotische Spitzbögen, Attiken wie in der Renaissance, klassizistische Säulengänge. Manche empfanden bei seinem Anblick eine fast heilige Ergriffenheit, andere sahen in ihm ein unverschämtes Symbol der sowjetischen Herrschaft. Kurz nach dem Fall des Kommunismus spielte man mit dem Gedanken, den Palast abzureißen. Heute ist er unzweifelhaft eine Warschauer Ikone – die langsam, aber sicher zwischen all den ringsum errichteten Hochhäusern und Bürotürmen verschwindet, deren neuester, der Varso Tower, eine Höhe von 310 Metern erreicht und dem Kulturpalast mit seinen 237 Metern damit den Rang des höchsten Gebäudes von Polen abgelaufen hat.

2. Spodek in Kattowitz

Diese gigantische Sport- und Veranstaltungs­arena steht im oberschlesischen Kattowitz. Oberschlesien war zur Zeit ihres Baus die reichste Region Polens mit der stärksten Industrie, und die Ambitionen von Architekten und lokalen Würdenträgern schlugen sich in zahlreichen experimentellen Bauwerken nieder. Die Halle in Kattowitz spricht die internationale Sprache der Architektur der Spätmoderne. Ihr Name »Spodek«, »Untertasse«, war lange Zeit die inoffizielle Bezeichnung. Die poppige Form ergab sich quasi als Nebeneffekt bei der Suche nach einer Lösung für die kniffligen technischen Probleme beim Bau. Die Halle wurde nämlich auf instabilem, durch den Bergbau unterhöhltem Grund errichtet. Und das Dach mit einem Durchmesser von 126 Metern wird von einer Stahlkonstruktion nach dem Tensegrity-Konzept gestützt: Dabei berühren sich die einzelnen Stäbe nicht und sind nur durch Tragseile verbunden. Das war damals eine Weltneuheit. Der Spodek ist ein beeindruckendes Erinnerungsstück an die 1960er-Jahre – eine Zeit des unerschütterlichen Glaubens an die Macht der Technik.

3. Siedlung am Grundwaldplatz in Breslau

1969 rollte in Polen die Produktion der Fertigelemente für den Häuserbau an. Mit der Verbreitung vorgefertigter Bauteile wuchs jedoch die Unzufriedenheit mit der zunehmend anonymen Architektur. Neben Wohnsiedlungen aus Systemelementen schuf man dann auch individuellere Bauten wie die »Manhattan« genannte Siedlung in Breslau. Die sechs Wohnblocks von je 55 Metern Höhe fußen auf einem gemeinsamen Podest mit Garagen und einer Ladenpromenade. Besonderen Charme verleihen ihnen die organisch anmutenden Linien der Betonbalkone. Zu deren Form, erklärte die Architektin Jadwiga Grabowska-Hawrylak, habe sie die Jugendstillinien der nahegelegenen Grundwald-Brücke inspiriert.

4. Kirche der Himmelfahrt des Herrn in Warschau

Ein Paradox der kommunistischen Architektur Polens war der Bauboom bei den Kirchen. Zwischen 1976 und 1989 entstanden rund 2.000 neue Gotteshäuser. Die römisch-katholische Kirche gab den Architekten eine einzigartige Chance: Wer der allgegenwärtigen Standardisierung überdrüssig war, konnte sich in postmodernen Formen. Die Kirche der Himmelfahrt des Herrn in der Warschauer Siedlung Ursynów wurde von denselben Architekten entworfen, die auch die umliegenden Plattenbauten geplant hatten. Bei der Gestaltung des Kirchenschiffs knüpften sie an die volkstümliche Bauweise an, doch erlaubten sie sich auch einen Scherz: Die ganze Säulenreihe schwebt über dem Boden und, statt das Gewölbe zu stützen. Die unregelmäßigen Ziegelfarben zeugen vom Baubetrieb in der Volksrepublik – häufig wurde das Material in kleinen Chargen geliefert und stammte aus unterschiedlichen, oftmals illegalen Quellen.

5. Philharmonie in Stettin

Das Jahr 1989 bedeutete auch das Ende für die sozialistisch-modernistischen Wohnungsbauprogramme. Kommerzielle Investoren ließen Bürotürme, Hotels, und Shoppingmalls errichten. Erst nach Polens Eintritt in die EU 2004 wurden im ganzen Land wieder Kulturbauten geplant und hochgezogen. Einer davon ist die neue Philharmonie in Stettin. Entworfen wurde sie von dem Estudio Barozzi Veiga aus Barcelona. Die Zeichnung des Daches verweist auf die hanseatische und gotische Tradition der Stadt. Die Fassade aus weißem Blech und die reinweiße, eisige Eingangshalle sollen die Emotionen der Musikliebhaber kühlen, wohingegen der Konzertsaal mit seinen warmgoldenen Akustikpaneelen sie wieder entfacht.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes



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