„Ich rede mit ihnen wie mit einem Baby“

ein Interview mit T.C. Boyle

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

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Der Autor T.C. Boyle. Foto: Jean-FrancoisxPAGA/Leemage/Imago


Herr Boyle, Sie schrieben mir vor diesem Interview, dass das Verhältnis zwischen Tieren und Menschen Ihnen sehr nahegeht. Warum?

Mich fasziniert der Gedanke, dass wir Menschen die Welt beherrschen wollen. In unseren Gesellschaften und Religionen haben wir immer darauf bestanden, dass wir keine Tiere sind, dass wir über ihnen stehen. Aber wir sind denselben Krankheiten unterworfen wie Tiere, und natürlich auch dem Tod. Die Mikroben stehen an der Spitze der Nahrungskette, nicht wir.

Die Hauptfigur in Ihrem neuen Buch „Sprich mit mir“ ist ein Schimpanse, der wie ein menschliches Kind aufgezogen wurde. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Wie unterscheiden wir uns von anderen Spezies? Woher kommen unsere Einfälle? Warum verfügen wir über Sprache? Diese Fragen beschäftigten mich. Ich habe mich ausführlich mit Experimenten der Primatenforschung in den 1970er- und 80er-Jahren befasst. Sam, mein Protagonist, basiert auf echten Schimpansen wie Washoe und Nim Chimpsky. Sie wurden tatsächlich unter der Aufsicht von Wissenschaftlern in menschlichen Familien aufgezogen und man brachte ihnen ein paar Gebärden aus der Gebärdensprache bei. Aber als sie vier Jahre alt waren, sperrte man sie für den Rest ihres Lebens in einen Laborkäfig und infizierte sie mit diversen Krankheiten. Ich finde das gewissenlos, und es macht mich zutiefst traurig. Schimpansen verfügen über die Intelligenz eines dreieinhalbjährigen Kindes. Ein Tier mit derartigen Emotionen und geistigen Fähigkeiten in einen Käfig zu sperren, ist obszön. Es ist obszön, irgendein Tier in einen Käfig zu sperren. Darüber wollte ich schreiben. 

Einige Kapitel sind aus Sams Perspektive verfasst. Wie war es, aus der Sicht eines Schimpansen zu schreiben?

Diese Passagen haben mir am meisten Spaß gemacht. Natürlich ist das ein erzählerischer Kunstgriff. Während wir lesen, wissen wir, dass es im Hintergrund einen Autor gibt. Ich wollte Sams Empfindungen mit seinen beschränkten sprachlichen Möglichkeiten darstellen und gleichzeitig seine Perspektive beschreiben, weil ich der Autor bin. Ich habe gehört, dass viele Leute verzaubert von Sams Sichtweise sind. Das macht mich froh.

Sie sagten einmal, dass Sie aus jedem Blickwinkel schreiben können. Könnten Sie sich jetzt, wo wir uns mitten in einer Pandemie befinden, vorstellen, aus der Perspektive eines Virus zu schreiben?

Vielleicht sollte ich dieses Zitat korrigieren und eher sagen, dass ich hoffe, dazu in der Lage zu sein. Aber ja, das Virus ... Ich glaube, es braucht nichts, außer seine eigene Vervielfältigung und einen Wirt.

Wie geht es Ihnen in Zeiten von Covid-19?

Ich gehe viel in der Natur spazieren, besonders während des Lockdowns. Ungefähr vor einem Monat wurde ich von einer Zecke gebissen. Sie war kaum sichtbar, so groß wie ein Pfefferkorn, und ich entfernte sie direkt. Aber mein gesamter Unterarm war bereits infiziert. Es war keine Lyme-Borreliose, sondern etwas viel Schlimmeres: eine Entzündung des Zellgewebes. Zehn Tage lang musste ich ein starkes Antibiotikum nehmen, das zum Glück geholfen hat. Aber ich muss dazusagen, dass mein neues Buch von einer Akarologin handeln wird. Sie erforscht Zecken. Als mir das mit der Zecke passierte, hatte ich kurz zuvor ein Kapitel geschrieben, in dem sie zusammen mit ihrem Freund in den Wald geht, und nach der Rückkehr entdeckt er eine Zecke!

Das klingt sehr prophetisch. Viele Ihrer Bücher befassen sich ja mit konfliktbeladenen Begegnungen zwischen Menschen und Tieren …

Ich bin der festen Überzeugung, dass es nicht richtig ist, Tiere einzusperren. Es ist nicht richtig, ihre Lebensräume zu zerstören. Es ist nicht richtig, sie zu essen, besonders angesichts von Massentierhaltung und Käfigen, in denen sie sich nicht einmal umdrehen können. Das ist der reinste Horror, besonders für Schweine. Ein Schwein ist fast so intelligent wie ein Schimpanse.

Sind Sie Vegetarier?

Überwiegend ja, aber Frau Boyle, meine bezaubernde Gattin, ist Fleischfresserin. Sie isst riesige, blutige Batzen Fleisch, und zwar jeden Tag. Wenn wir im Frühling in die Berge gehen und die kleinen Lämmer herumspringen, sage ich immer: „Und so was isst du!“, und sie antwortet: „Ja, und ich bin stolz drauf!“ Was soll ich sagen? Ich liebe sie.

Sehen Sie sich selbst als schreibenden Umweltaktivisten?

Ich bin ein Autor mit einem sozialen Bewusstsein, aber ich dränge niemandem irgendwas auf. Jeder kann selbst entscheiden. Als mein Buch „Wenn das Schlachten vorbei ist“ 2011 erschien, kamen viele Biologen zu meinen Lesungen und sagten: Das ist genau das, was wir den Leuten seit Jahren versuchen, über das Artensterben klarzumachen, aber sie hören nicht zu! Natürlich hören die Leute nicht zu, wenn man ihnen Vorträge hält und ihnen vorschreibt, wie sie sich zu verhalten haben. In diesem Punkt ist die Literatur im Vorteil. In ihr kann man Dinge dramatisieren, sodass die Leser eine Entscheidung treffen können, ohne dass ihnen irgendein politischer Standpunkt aufgezwungen wird. Kunst ist so großartig, weil wir uns ihr gegenüber öffnen.

In Ihrem neuen Buch lernt der Schimpanse Sam, tiefgründige Gespräche in Gebärdensprache zu führen. Was interessiert Sie an der Kommunikation mit Tieren?

Es hatte mit meinem Buch „Das Licht“ zu tun, in dem es um die Anfangszeit von LSD geht. Wie wir unser Bewusstsein mithilfe von Chemikalien erweitern. Das führte mich zu Fragen über das tierische Bewusstsein. Was denken sie? Was ist ihr Bewusstseinslevel? Ist es richtig, von ihnen zu erwarten, auf unsere Sprache zu reagieren?

Einige der menschlichen Protagonisten in Ihrem neuen Buch verhalten sich viel triebhafter als Sam. Sind wir im Grunde alle animalisch, aber manche lernen, sich zu benehmen?

Es ist ein Wunder, dass wir die Fähigkeit haben, miteinander zu sprechen. Dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir Regeln festlegen. Wir können einige unserer spontanen gewalttätigen Impulse besser unterdrücken als Schimpansen. Ich wollte über Sam schreiben, weil die menschliche Gegenwart immer düsterer aussieht. Wenn unsere Kooperation innerhalb der Gesellschaft zusammenbricht, kehren wir zum Prinzip des Überlebens des Stärkeren zurück, und zu unseren animalischen Instinkten.

Sie haben auch einmal über Tschernobyl geschrieben und es als Paradies geschildert – ganz ohne Menschen ...

Ja, Tschernobyl fasziniert mich, genau wie die entmilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea: Wenn man die Menschen entfernt, erobert sich die Natur das Gebiet zurück und die Tiere kommen wieder. Aber wenn eine Art ausgestorben ist, ist es vorbei, selbst, wenn wir nicht mehr da sind. Bis sich eine neue Art herausbildet, dauert es Millionen von Jahren. Die Leute sagen immer, man solle „die Erde retten“. Aber die Erde wird noch weitere fünf Milliarden Jahre bestehen bleiben, bevor uns die Sonne verbrennt. Stattdessen sollten wir über Artenrettung sprechen.

Was denken Sie über das Halten von Haustieren? Warum haben so viele Menschen das Bedürfnis, Tiere zu besitzen?

In unserer automatisierten Gesellschaft, in der wir fast die gesamte Natur zerstört haben, haben viele eine nostalgische Sehnsucht danach. Ich persönlich muss so viel wie möglich allein in der Wildnis sein. Ich muss eine Verbindung zur Erde aufbauen, ein Teil davon sein. Ich denke, Tiere erfüllen für viele Menschen denselben Zweck. Und wir wollen sie vereinnahmen, sie beherrschen. Wir wollen aber auch, dass unsere Haustiere uns lieben.

Woher kommt der Wunsch, Tiere zu vermenschlichen, zum Beispiel, indem wir sie wie Familienmitglieder behandeln?

Wir projizieren uns selbst auf sie, während wir gleichzeitig ihre Eigenschaften bewundern. Hunde zum Beispiel gehören zur selben Spezies wie Wölfe und Kojoten. Aber wie viele verschiedene Hunderassen gibt es mittlerweile, vom Shih Tzu bis zur dänischen Dogge! Wir haben Hunde zu Objekten gemacht, zu Spielzeug. Aber ich erzähle Ihnen das und habe selbst einen Puli, einen rumänischen Hirtenhund und eines der albernsten Tiere, die ich kenne. Diese Dreadlocks! Aber ich liebe ihn sehr, genau wie meine Katze. 

Was würden Sie Ihren Hund oder Ihre Katze fragen, wenn Sie mit ihnen in Zeichensprache kommunizieren könnten, wie mit dem Schimpansen Sam aus ihrem Buch?

Ich kommuniziere mit ihnen schon ziemlich gut, und zu einem gewissen Grad auch verbal. Ich rede mit ihnen so, wie man mit einem Baby spricht. Wenn ich sie etwas fragen könnte, dann wüsste ich gerne ganz genau, was aus der Sicht der Katze geschieht, wenn sie auf der Jagd ist. Wenn es dunkel wird, wenn die kleinen Tiere anfangen, sich zu regen und die Eulen in den Bäumen hocken. Welche Sinneseindrücke hat die Katze dann? Das ist so anders als bei uns.

Das Interview führte Gundula Haage

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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