Zurück zu den Wurzeln

von Jess Smee

Tabu (Ausgabe I/2021)

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Foto: Per-Andre Hoffmann/Picture Press


Im Chinesischen beschreibt das Wort „xiangqing“ das Heimweh nach dem Geburtsort. „Hiraeth“ wiederum ist das walisische Wort für die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, in die man nicht zurückkehren kann. Auf Deutsch steht „Sehnsucht“ für das tiefe Verlangen nach einer Person oder einer Sache. Für Jessica J. Lee beschreiben diese drei Begriffe ihren Drang, nach dem Tod ihrer Großeltern Taiwan zu erkunden – das Land, in das diese flohen, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg aus China vertrieben wurden. Ein Brief ihres Großvaters regte sie dazu an, fehlende Puzzleteile ihrer Familiengeschichte zu suchen. Das daraus entstandene Buch „Zwei Bäume machen einen Wald“ ist neben einer biografischen und geografischen Reise deshalb auch eine Reise der Autorin zu sich selbst.

Lee schildert die Vertreibung ihrer Familie aus China, die Flucht nach Taiwan und die Umsiedlung nach Kanada in den 1970er-Jahren, wo Lee geboren wird. Die Autorin, eine Umwelthistorikerin, bettet die Geschichte in die vielfältige Landschaft Taiwans ein, die sie auf Wanderungen erkundet. Bei einem Ausflug mit ihrer Mutter, schreibt sie, meinten die beiden, „einen Ausdruck dieses Ortes und unserer Leben zu finden, der über Großvaters Tod hinausreichte, jenseits einer Vergangenheit, die sich meinem Verständnis entzog“.

Lyrische Beschreibungen beschwören saftig grüne Wälder herauf, steile Abhänge und eine ständige Erdbebengefahr

Aus der Ferne betrachtet hat Taiwan für Lee die Form einer Süßkartoffel. Im Verlauf des Buches erhält man eine Nahansicht der Insel, ihrer Geschichte und ihrer Umwelt. Lyrische Beschreibungen beschwören saftig grüne Wälder herauf, steile Abhänge und eine ständige Erdbebengefahr: Etwa tausend Erdbeben erschüttern Taiwan im Jahr – und das sind nur jene, die Menschen tatsächlich spüren können.

Schnell stellt sich heraus, dass es keine in Stein gemeißelte Familiengeschichte gibt, sondern vielmehr eine Sammlung von Geschichten, Anekdoten und überlieferten Fakten, oft verwischt vom Zahn der Zeit. Dies wirft für Lee Fragen darüber auf, was in einer Familiengeschichte festgehalten und was ausgelassen wird, sei es durch Zufall oder absichtlich. Wer führt die Chronik? Der Brief von Lees Großvaters Gong, der die Recherche in Gang brachte, war zusammenhanglos, geschrieben im „brennenden Fiebernebel“ einer Malariaerkrankung. Die Großmutter Po wiederum behielt viele Erinnerungen für sich, besonders die schwierigen. So kennt die Autorin nur eine einzige Geschichte aus dieser Zeit, die sie von ihrer Mutter gehört hatte.

Wie beeinflussen uns Orte und wie definieren sie uns? Welche Geschichten ziehen mit uns, wenn wir in ein neues Land auswandern?

Lee, die in London und Toronto lebte, bevor sie sich in Berlin niederließ, hinterfragt auch ihre eigenen Annahmen über China und Taiwan, die sie allein aus den Gewohnheiten einzelner Familienmitglieder hergeleitet hat. Bambussprossen, so schlussfolgerte sie etwa als Kind, aß man nicht in China, sondern waren eine Beilage, die nordamerikanische Geschmacksvorlieben befriedigen sollte. 

Während Lee Wanderwege beschreitet, schweifen im Text ihre Gedanken umher. Von ihrem Großvater zum Kampf um den Erhalt der Taiwanzypresse, von der Unfähigkeit der Sprache, ein Gefühl vollständig zu vermitteln, zum Schicksal der Schwarzstirnlöffler-Vögel. Diese sebaldesken Gedankenausflüge und lose verknüpften Randbemerkungen machen das Buch umso reicher. Wie beeinflussen uns Orte und wie definieren sie uns? Welche Geschichten ziehen mit uns, wenn wir in ein neues Land auswandern? Diese Fragen hallen lange nach. Lees Botschaft ist eindeutig: „Unser Ortsgedächtnis, so gefährdet es auch sein mag, prägt sich dem Körper ein.“

Aus dem Englischen von Annalener Heber



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