Falsche Namen und dunkle Geheimnisse

von Thomas Hummitzsch

Tabu (Ausgabe I/2021)


„Gibst du jetzt weiter, oder was?“, drängelt einer der jungen Männer, die im Morgengrauen an der steinigen Riviera Riminis Haschisch rauchen. Guido, Grisù, Katango und Tamigi sind der Langeweile ihres Dorfes entflohen und vergnügen sich in der adriatischen Touristenstadt. Irgendwann muss sich Guido übergeben. Doch etwas stimmt nicht. Sein bester Freund Grisù stellt sich vor ihn, greift mit der Hand in dessen Rachen und zieht einen riesigen schwarzen Vogel heraus. Es folgt ein ganzer Schwarm, der in den Himmel des heraufziehenden Morgens steigt und davonfliegt.

Was ist das? Eine Metapher für die ambivalenten Gefühle, die Guido wie alle Teenager umtreiben? Oder für die Verkommenheit der Gesellschaft, in der er aufwächst und deren Ressentiments er mit der Muttermilch aufgesogen hat? Auf den mehr als 500 Seiten des Comics „Dreimal spucken“ löst Autor Davide Reviati diese Frage nicht auf. Aber es entsteht die Erkenntnis, dass dieses Bild bei aller Rätselhaftigkeit absolut stimmig ist für diese aufwühlende und eigensinnige Geschichte, die ganz leise beginnt.

Ein Kleinkind auf dem Rücken eines Panthers, der in den Ozean der Weltgeschichte steigt. „Es war einmal, ein einziges Mal nur. | Ein Morgen, weiß von Nebel und Schlaf, | weiß wie ein weißes Blatt.“ Sofort zieht dieser Mix aus Gefahr, Verletzlichkeit und Poesie den Leser in seinen Bann. „Früh brachen wir auf, ohne große Lust. | Keiner bleibt zurück, | niemand erwartet uns. | So ließen wir uns treiben, mit leerem Kopf. | Schwerelos.“ Schwerelos, so fließt auch der Text, und das Kind schwebt auf dem Rücken der schwarzen Raubkatze über die spiegelglatte Meeresoberfläche. 

Als bei Guidos Großmutter Schokolade verschwindet, macht sie „die Zigeuner“ verantwortlich

Der italienische Zeichner Reviati erzählt in dem Comic-Epos von seiner Kindheit und Jugend in den 1960er-Jahren. Damals wirft der Krieg noch seine langen Schatten über das Land, wo die Zitronen blühen. Die abgebrochenen Puppenköpfe und verbeulten Patronenhülsen, die die Kinder auf dem „Feld der Wunder“ einsammeln, erzählen nur einen kleinen Teil davon. Der viel größere, der vielleicht in Form eines Revolvers oder eines Schädels aus den Tiefen der Äcker an die Oberfläche dringen könnte, wird hier verschwiegen. „Unser ganzes Leben weichen wir aus“, sagt Reviatis Ich-Erzähler an einer Stelle. Indem er sich erinnert und sortiert, stellt sich Guido der Schuld – der eigenen und der des kollektiven Schweigens.

Am Rand des Dorfes, in dem Guido aufwuchs, lebte eine Roma-Familie, deren geheimnisvolle Tochter Loretta erst das Mitleid der Dorffrauen und später die gierigen Blicke der Männer auf sich zog. Bei aller Faszination blieb sie dem Erzähler und seinen Freunden immer fremd. Sie hatte einen Blick, „als würde sie nichts mehr erwarten“, erinnert er sich nun, „ein greises Kind, so wirkte sie“. Vor allem war Loretta ein ausgegrenztes Kind. Guido und Grisù machen sich als Kinder selbst schuldig, hänseln, lügen und verletzen. Dabei übernehmen sie unbewusst die xenophoben Muster, die sie Tag für Tag erleben. Als bei Guidos Großmutter Schokolade verschwindet, macht sie „die Zigeuner“ verantwortlich. Mit den Jahren häufen sich die Geschichten von verschwundenen Dingen und seltsamen Ereignissen, die dazu beitragen, dass sich bei dem Erzähler und seinen Freunden die Vorurteile über Sinti und Roma verhärten.

Sieben Jahre lang glich Davide Reviati die Erzählungen, die er als Kind aufgeschnappt hat, mit seinen eigenen Erinnerungen und dem, was die Geschichtsbücher sagen, ab. „Dreimal spucken“ ist das beeindruckende Resultat dieser akribischen Selbstbefragung, für die er tief in die ausgesprochenen und unausgesprochenen Geheimnisse einer engen Dorfgemeinschaft eintaucht und von der Flucht aus dieser heraus in eine größere Freiheit erzählt. 

Guido zahlt mit seiner Unschuld, wenn er immer wieder zähneknirschend über die verschiedenen Spielarten der Ausgrenzung von Loretta und ihren Brüdern hinwegsieht

Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre, springt hin und her zwischen Kindheit und Jugend der Hauptfiguren. Dabei ist die Kindheitserzählung eng verbunden mit der Provinz, der Suche nach Vorbildern (die Guido in den Helden der Italo-Western ausmacht) und der weit verbreiteten Voreingenommenheit gegenüber Sinti und Roma. Die Jugendjahre erzählen von Sex, Alkohol und Drogen, der Sehnsucht nach Freiheit und der inneren Emanzipation von der dörflichen Struktur. Mehr Freiheit führt aber auch zu weniger Halt und zu Verunsicherung. Guido und seine Altersgenossen wollen irgendwo dazugehören. Doch das gibt es nicht umsonst. Guido zahlt mit seiner Unschuld, wenn er immer wieder zähneknirschend über die verschiedenen Spielarten der Ausgrenzung von Loretta und ihren Brüdern hinwegsieht.

Wie unangenehm ihm das ist, spürt man, wenn er als Erzähler versucht, die Geschichte auszuschmücken. Sein Zuhörer – ein Sinto – herrscht ihn dann an, er solle aufhören, sich wie ein Literat aufzuführen, und bei der unschönen Wahrheit bleiben. In dieser Offenheit gegenüber den eigenen Schwächen bekommt Reviatis Werk den Charakter einer Beichte, die von der universellen Anfälligkeit des Menschen für Ressentiments handelt.

Reviati erzählt seine Geschichte nicht linear. Der Plot dieser Coming-of-Age-Erzählung ist nicht mehr als ein Faden, auf den er ganz verschiedene Perlen zu einer Kette auffädelt. Die Geschichte setzt sich aus vielen Erinnerungen und Geistesblitzen zusammen, die vielleicht keine innere Ordnung haben, sich aber dennoch zu einem großen Ganzen fügen. Ein Ganzes, das auch Ambivalenz und Uneindeutigkeit zulässt und gerade dadurch Raum für die unausgesprochenen Geheimnisse des Lebens lässt.

Für die oft uneindeutigen und ambivalenten Momente findet Reviati ebenso traumhafte wie albtraumhafte Bilder, um Ängste, Beklemmungen und Hoffnungen visuell greifbar zu machen

Reviatis Figuren haben falsche Namen und dunkle Geheimnisse, die ungeahnte Brücken bauen. Sie machen dieses Epos zu einem humanistischen Manifest, in dem Brutalität und Empfindsamkeit die zwei Seiten der Medaille bilden. Visuell arbeitet der Italiener mit erzählerischen Gleichnissen, die die Emotionen seiner Figuren ausdrücken. Der Comic ist in in düsteren Strichen gezeichnet, strahlt etwas Raues, Unmittelbares, Bedrohliches aus. Für die oft uneindeutigen und ambivalenten Momente findet Reviati ebenso traumhafte wie albtraumhafte Bilder, um Ängste, Beklemmungen und Hoffnungen visuell greifbar zu machen. Dabei hält sein düsterer und wilder Strich vieles im Ungefähren und gibt der Geschichte eine unmittelbare Dringlichkeit. Dieser Kunstgriff evoziert das unheimliche Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Unheil schwebt über der ganzen Geschichte und es braucht nicht viel, um in den Abgrund zu stürzen.

Der tut sich in einem historischen Exkurs zum Völkermord auf, den die Nationalsozialisten an den Sinti und Roma begangen haben. Er handelt von den rassenhygienischen Forschungen der Deutschen und der Erfindung des genetisch bedingten Wandertriebs, um die Endlösung der Zigeunerfrage zu begründen, und erinnert an die Konzentrationslager in Italien, wo Tausende Roma verhungerten, erfroren oder zu Tode gefoltert wurden. 

In einer Zeit, in der fremdenfeindliche Gewalt weltweit zunimmt, holt Reviatis umwerfender Comic diese Dinge und die Menschen, mit denen sie verbunden sind, aus dem Ozean des Vergessens und gibt ihnen ein Stück ihrer Würde zurück. Die Erinnerung an sie gibt er eindrucksvoll weiter.



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