Das andere Amerika

von Alan Freeman

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

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Nicht nur zwischen den beiden Premiers Justin Trudeau und Donald Trump ist die Stimmung angespannt. Foto: Reuters


In den chaotischen Stunden nach den Anschlägen des 11. September 2001 ordneten US-Behörden die Schließung der Grenze zu Kanada an: Familien wurden getrennt, der Warenverkehr kam zum Stillstand, kanadische Autowerke, die von amerikanischen Lieferungen abhängig waren, mussten ihre Tore schließen. Für die Kanadier und Kanadierinnen, die bis dahin gern mit der längsten nicht verteidigten Grenze der Welt geprahlt hatten – 8.891 Kilometer durch unberührte Wälder, die unendliche Weite der Großen Seen, das Grasland der Prärie und die Rocky Mountains –, war dies traumatisch.

Die Grenze wurde zwar nach kurzer Zeit wieder geöffnet, doch einige Neuregelungen blieben. Bis dahin waren Kanadier es gewohnt, an Grenzübergängen in die USA nur kurz ihren Führerschein zu zücken und durchgewunken zu werden. Jetzt mussten sie plötzlich einen Pass zeigen. Die USA wurden Ausland. Trotzdem blieben die Beziehungen auf politischer Ebene intakt. In Afghanistan kämpften und starben kanadische Soldaten an der Seite ihrer amerikanischen Verbündeten. Zu Barack Obama und dessen liberaler Botschaft fühlte man sich in Kanada besonders stark hingezogen. 

Wiederholt brachte Trump seine Geringschätzung gegenüber dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau zum Ausdruck

Dann kam 2016 mit Donald Trump ein Präsident an die Macht, der mit seiner »America First«-Strategie traditionelle Freunde der USA scharf angriff. Wiederholt brachte er seine Geringschätzung gegenüber dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau zum Ausdruck, etwa nach dem konfliktreichen G7-Gipfel 2018: Nachdem Trudeau sich über die von den USA erhobenen Zölle auf Stahl und Aluminium beschwert hatte, nannte Trump ihn »sehr unehrenhaft und schwach« sowie »doppelzüngig«.

Laut Nik Nanos, einem führenden kanadischen Meinungsforscher, hat die Ära Trump die Vorstellung einer »besonderen Beziehung« Kanadas zu den USA zunichte gemacht: »Die Kanadier wissen zwar, dass die USA ihr wichtigster Verbündeter, Nachbar und Handelspartner sind, doch die derzeitige Administration in Washington schwimmt, was die großen Themen angeht, auf einer völlig anderen Wellenlänge.«

»Gefühle der Sympathie sind vollkommen verschwunden«, sagt David Shribman, ein altgedienter amerikanischer Journalist. »Seit über hundert Jahren haben Kanadier nicht mehr so viel Verärgerung, Abneigung und Abscheu gegenüber ihren Nachbarn im Süden empfunden.« Dann kam die Pandemie. Im März 2020, als sich das Coronavirus immer weiter verbreitete, beschlossen Kanada und die USA, die Grenze erneut zu schließen, außer für den Warenverkehr und zwingend notwendige Reisen. Zunächst galt die Schließung dreißig Tage, inzwischen wurde sie wiederholt verlängert. Jetzt sind es die Kanadier, die die Grenze geschlossen halten.

Freundliche Beziehungen zu den USA sind nicht mehr selbstverständlich

Die Unfähigkeit der US-Behörden, das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu bringen, bereitet ihnen Sorge. Dem Umfrageinstitut Nanos zufolge wollen 81 Prozent der Kanadier die Grenze erst wieder öffnen, wenn sich die Pandemie in den USA auf dem Rückzug befindet. Obwohl die Hoffnung auf ein Wiederbeleben der Partnerschaft besteht, falls die Demokraten die Wahl gewinnen, setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Kanada freundliche Beziehungen nicht mehr als selbstverständlich ansehen kann. 

Zusätzlich angeheizt wird die Sorge um Kanadas Platz in der Welt durch die Spannungen mit China. Bisher waren die wachsenden Handels- und Investitionsströme mit China eine Alternative zur Abhängigkeit von den USA, auf die noch immer drei Viertel der kanadischen Exporte entfallen. Sogar von einem Freihandelsabkommen mit China war die Rede.

Das alles fand im Dezember 2018 ein Ende, als Meng Wanzhou, Finanzchefin des chinesischen Telekommunikationsriesen Huawei, auf dem Flughafen von Vancouver auf Betreiben der USA verhaftet wurde. Die amerikanischen Behörden warfen ihr Bankbetrug und die Umgehung der US-Sanktionen gegen Iran vor. Über den Auslieferungsantrag wird noch immer vor einem kanadischen Gericht verhandelt. China reagierte mit der Verhaftung zweier in China lebender kanadischer Staatsbürger, die der Spionage beschuldigt wurden. Die meisten Kanadier gehen davon aus, dass die beiden Männer, ein Geschäftsmann und ein ehemaliger Diplomat, als Faustpfand festgehalten werden, um Mengs Freilassung zu erwirken. Darüber hinaus verschärfte China die Spannungen, indem es kanadische Raps-Importe vollständig und Schweinefleisch-Importe zeitweilig aussetzte.

Viele, die Kanada zum ersten Mal besuchen, haben das Gefühl, sich in einem amerikanischen Bundesstaat zu befinden

Auch wenn die Trump-Ära die Kanadier verunsichert hat, so hat sie sie gleichzeitig in ihrem Selbstbild als Mitglieder einer eigenständigen Gesellschaft gestärkt. Dass Menschen, die das Land zum ersten Mal besuchen, das Gefühl haben, sich in einem amerikanischen Bundesstaat zu befinden, ist verständlich. Die Kanadier leben in ausufernden Vororten, fahren die gleichen Autos und schauen dieselben Netflix-Filme wie ihre amerikanischen Nachbarn.

Gleichwohl ist die kanadische Gesellschaft anders, hat sie sich doch aus einer eigenständigen Geschichte entwickelt. Das Land war lange eine britische Kolonie, in der im Unterschied zu den USA nie eine Revolution stattfand. Deshalb erreichte Kanada seine vollständige Unabhängigkeit nur langsam und vorsichtig. Während die Amerikaner auf ökonomische Freiheiten und Individualismus Wert legen, messen Kanadier besonders Stabilität und Rechtsstaatlichkeit hohe Bedeutung bei. »Frieden, Ordnung und eine gute Regierungsführung« waren als Ziele bereits in der Gründungsurkunde des Landes verankert, sind aber weiterhin lebendig. Dazu gehören eine Verschärfung des Waffenrechts; eine kostenlose, allgemeine Gesundheitsfürsorge; ein Glaube an die Vielfalt in einer Gesellschaft, die auch Flüchtlingen offensteht; ein starker Sozialstaat.

Laut Miles Corak, einem an der City University in New York lehrenden kanadischen Wirtschaftswissenschaftler, lässt sich der amerikanische Traum heute leichter in Kanada verwirklichen. »Es besteht ein zunehmender Konsens darüber, dass die soziale Mobilität in Kanada doppelt so groß ist wie in den Vereinigten Staaten«, schreibt Corak. Seine Studien belegen, dass »kanadischen Kindern, die in einkommensschwachen Familien aufgewachsen sind, der Aufstieg in die Mittelschicht leichter gelingt als amerikanischen«. 

Traditionell war Amerika für viele Migranten das Ziel erster Wahl, doch das hat sich geändert. Sie sind dort nicht mehr so gern gesehen wie in früheren Zeiten. Die kanadische Regierung und Industrie betrachten die ablehnende Haltung Amerikas gegenüber Einwanderern als Gelegenheit, insbesondere in den Spitzentechnologien die besten Talente ins Land zu locken. Tobias Lütke, Gründer und CEO von Shopify, Kanadas erfolgreichstem Hightech-Unternehmen, hat auf Twitter Ingenieure und andere von der US-Einwanderungssperre Betroffene gebeten, Kanada in Betracht zu ziehen. Lütke, ein Deutscher, der nach Kanada zog, nachdem er im Winterurlaub in British Columbia seine künftige Frau kennengelernt hatte, ist vielfacher Milliardär, das lebende Beispiel eines erfolgreichen Einwanderers. Seine Geschichte erinnert an eine vergangene Epoche. Anfang der 1970er-Jahre kamen mehr als sechzig Prozent der Einwanderer aus Europa; 2016 waren es nur noch 11,6 Prozent. Derzeit sind Indien, China und die Philippinen die drei wichtigsten Herkunftsländer. Fast die Hälfte der Einwohner Torontos wurde außerhalb Kanadas geboren. 

Kanada leidet an seinen eigenen Formen von Rassismus und Diskriminierung

Die Tatsache, dass Kanada seine Vielfalt zelebriert, bedeutet jedoch nicht, dass das Land nicht an seinen eigenen Formen von Rassismus und Diskriminierung leidet. Durch die aktuelle Pandemie werden diese besonders deutlich. Auch wenn der Anteil der Todesfälle unter der älteren Bevölkerung besonders hoch ist, entstammt ein Großteil der anderen Pandemieopfer dem Einwanderermilieu. In Quebec, dem Mittelpunkt der kanadischen Pandemie, sind die Infektionsraten besonders hoch unter Einwanderern und Asylsuchenden, die in Montreal für Niedriglöhne und unter gefährlichen Bedingungen in Pflegeheimen arbeiten. In Alberta ist die Pandemie durch Fleischfabriken gefegt und hat Hunderte größtenteils philippinische Zeitarbeiter infiziert. Und in Ontario haben sich Wanderarbeiter aus Mexiko und Jamaika mit dem Virus angesteckt, weil sie gezwungen waren, in beengten räumlichen Verhältnissen zu leben.

Zudem gibt es Forderungen nach einem Ende des »systemischen Rassismus« seitens der Polizei und anderer Behörden gegenüber Schwarzen und Kanadas indigener Bevölkerung. Obwohl Justin Trudeau 2015 eine »Versöhnung« und das Ende der kolonialistisch geprägten Haltung und Politik versprochen hat, leiden die Ureinwohner des Landes noch immer unter chronischer Armut, schlechter Gesundheitsfürsorge und wirtschaftlicher Marginalisierung. Die Statistiken sind erschreckend.

Laut einer Studie der Assembly of First Nations von 2019 leben 47 Prozent der Kinder indigener Völker in Armut. Eine aktuelle Studie über die kanadischen Bundesgefängnisse zeigt, dass dreißig Prozent der Insassen aus indigenen Gemeinden stammen, obwohl diese nur fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Wahrscheinlichkeit, an Tuberkulose zu erkranken, ist unter den Inuit 290-mal höher als bei der in Kanada geborenen nicht indigenen Bevölkerung. Perry Bellegarde, National Chief der Assembly of First Nations, lobt Trudeau für seine »Anstrengungen zur Versöhnung« und das Schaffen wirtschaftlicher Perspektiven, betont aber gleichzeitig die Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels. »Die First Nations sehen sich in allen Lebensbereichen und von allen gesellschaftlichen Einrichtungen des Landes mit Rassismus konfrontiert«, sagt Bellegarde. »Das ist eine Tatsache.« 

Die Sichtweise der Indigenen ist auch in einer anderen Debatte wichtig: im Versuch, das Land zur Bekämpfung des Klimawandels von seiner Energieabhängigkeit wegzusteuern – und das, ohne den Lebensstandard seiner Einwohner zu senken. Kanada ist ein großer Öl-, Gas- und Kohleproduzent. Oft stehen indigene Gemeinden in diesen Diskussionen an vorderster Front, da ihr Land durch den Bau neuer Pipelines oder gewaltiger Ölsandanlagen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Öl und Gas waren auch 2019 Kanadas wichtigste Exportgüter

Alberta, Kanadas reichste Provinz, wurde von der Pandemie und dem weltweiten Verfall des Ölpreises stark getroffen. Lange Zeit schwamm die westliche Prärieprovinz auf der Welle stetig steigender Ölerträge, wurde im ganzen Land beneidet und erwies sich als Magnet für junge Kanadier, die dort ihr Glück suchten. Trotz einiger halbherziger Versuche, die Abhängigkeit der Wirtschaft von natürlichen Ressourcen zu reduzieren, waren Öl und Gas auch 2019 Kanadas wichtigste Exportgüter.  

Der Großteil des Öls in Alberta wird durch ein bestimmtes Verfahren aus Ölsanden gewonnen, das große Mengen Treibhausgase freisetzt. Laut dem Pembina Institute, einer in Alberta ansässigen ökologischen Denkfabrik, verursacht die kanadische Ölproduktion im Mittel siebzig Prozent mehr Emissionen als die Rohölförderung anderswo auf der Welt. Obwohl die Industrie behauptet, dass sie sauberer wird, bedeuten steigende Ölsand-Abbaumengen, dass die Verpflichtung Kanadas, gemäß dem Pariser Klimaabkommen seinen CO2-Ausstoß zu reduzieren, gefährdet ist. Selbst ausländische Investoren halten Ölsande inzwischen für ebenso schmutzig wie Kohle. Banken wie HSBC und die Deutsche Bank haben ihre Investitionen in Ölsande gestoppt. Die Reaktion der Provinzregierung, die auf den stetigen Strom der Dollarmilliarden angewiesen ist, um die Steuern niedrig zu halten, war denkbar emotional. Jason Kenney, der Premierminister von Alberta, drohte den Banken, die seine Provinz boykottierten, mit Vergeltungsmaßnahmen. Er eröffnete sogar ein »Informationszentrum«, dessen Ziel es ist, den »vom Ausland finanzierten Umweltschützern« entgegenzuwirken, die es darauf angelegt hätten, die Wirtschaft seiner Provinz zu zerstören. 

Trudeau versuchte, beide Seiten zufriedenzustellen. Während er sich ausdrücklich hinter das Pariser Klimaabkommen stellte und darauf drängte, mehr für die Emissionsreduzierung zu tun, verstaatlichte seine Regierung eine kontrovers diskutierte Ölpipeline. Diese führt von Alberta an die Pazifikküste und soll nun massiv ausgebaut werden. So soll der noch vollständig auf Exporte in die USA angewiesene Markt für Rohöl aus Albertas Ölsanden diversifiziert werden. Die 2019 erteilte Baugenehmigung für die Pipeline rechtfertigte Trudeau damit, dass »wir heute Wohlstand schaffen müssen, um in die Zukunft investieren zu können«. Einen Tag zuvor hatte seine Umweltministerin einen Klimanotstand ausgerufen und verkündet, der Klimawandel sei »eine echte, akute, von menschlichen Tätigkeiten verursachte Krise«.

Die Widersprüche sind offensichtlich. Kanada versucht, sich an eine neue Realität anzupassen, und gleichzeitig die Vorteile der alten Welt zu nutzen. Zur neuen Realität gehört auch, dass die aggressiveren und weniger verlässlichen USA eine geringere Rolle spielen. Diese Übergänge sind nicht einfach.    

Aus dem Englischen von Michael Mundhenk



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