Sei unser Gast

Tom Selwyn

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Gastfreundschaft ist ein vertrauter Begriff. Wenn wir Freunde und Verwandte zu einem einfachen Essen zu uns nach Hause einladen, zeigen wir uns gastfreundlich. Auch ein Staatsbankett zu Ehren eines hochrangigen ausländischen Gastes ist eine Form von Gastfreundschaft. In Fußballstadien, auf Pferderennbahnen und an anderen Sportstätten finden sich oft besondere (und besonders luxuriös ausgestattete) Räumlichkeiten, in denen sich Privatunternehmen ihren wichtigen Kunden gegenüber gastfreundlich zeigen können. Hotels tragen die Gastfreundschaft, die sie bieten, an die Öffentlichkeit, während in der Werbung Urlaubsziele und die dort lebende Bevölkerung häufig als gastfreundlich beschrieben werden.
Ein Gastgeber erweist seinem Besucher Gastfreundschaft, indem er ihm Raum, Speise, Wärme und Respekt und dazu die Möglichkeit gewährt, eine Beziehung aufzubauen oder zu festigen. Der Gastgeber kann eine Einzelperson sein, aber wahrscheinlich agiert er eher als Vertreter einer größeren Gruppe wie etwa einer Familie, eines Stammes, einer Stadt oder gar eines Landes. So spricht man verschiedentlich von der „gastfreundlichen Aufnahme“, die dieser oder jener Staat Flüchtlingen oder Asylsuchenden gewährten.
Bei den Indianergesellschaften im Amazonasgebiet und den Hochlandvölkern Neu-Guineas zeigen die Familienvorstände und Großfamilien ihre Gastfreundschaft dadurch, dass sie Festmahle veranstalten. In der Regel markieren solche festlichen Gelage den Abschluss einer politischen Allianz, zu der sich zwei Gruppen zusammenfinden. Solche Allianzen können Handelspartnerschaften festigen oder sich darauf gründen, dass eine Braut aus der einen und ein Bräutigam aus der anderen Gruppe heiraten. In diesem Zusammenhang fügt sich gastfreundliches Handeln als natürlicher und unabdingbarer Bestandteil in den Kreislauf der wirtschaftlichen Produktion und sozialen Reproduktion. Die genannten Merkmale der Gastfreundschaft finden sich auch in nomadischen Gesellschaften wie bei den Beduinen in Nordafrika und der arabischen Wüste. In der Wüste mit ihren großen geographischen Räumen, in denen die einzelnen Familien oder Sippen unter Umständen mehrere Tagesreisen oder viele Kilometer voneinander entfernt leben, treten die Funktion und die große Bedeutung der Gastfreundschaft gegenüber Fremden seit jeher besonders hervor: Hier muss der Mensch Mittel und Wege finden, jene bislang unbekannten Menschen kennenzulernen, die er trotzdem als Teil seiner Welt sehen möchte oder die jedenfalls zum Teil dieser Welt werden könnten. In politischen Landschaften, in denen man sich nicht selten befehdet, wird außerdem ein System benötigt, das regelt, wie man aus Fremden Freunde und aus potenziellen Feinden Verbündete macht.
Damit ist ein Problem angesprochen, das auf den ersten Blick paradox anmuten mag, dass nämlich Gastfreundschaft und Feindschaft eng miteinander verwandt sind. In manchen der oben genannten Gesellschaften dienen Feste ganz offensichtlich der Beilegung von Streitigkeiten. Genauso offensichtlich ist, warum in einem von knappen Ressourcen und brüchigen politischen Allianzen geprägten wirtschaftlichen Umfeld Gastfreundschaft ziemlich rasch in Feindseligkeit umschlagen und wie ein Festmahl in einen Kampf übergehen kann. Gastfreundschaft und Feindschaft haben allerdings eines gemeinsam. In beiden kommt zum Ausdruck, dass überhaupt eine Beziehung besteht: Das „Gegenteil“ von Gastfreundschaft ist nicht Feindschaft, sondern schlechthin die Verweigerung einer Beziehung.

Anthropologische Forschungen zur Gastfreundschaft in agrarisch und bäuerlich geprägten Gesellschaften, die ein höheres Maß an Sesshaftigkeit erreicht haben, beispielsweise im Mittelmeerraum oder in Indien, wo man die Gastfreundschaft in einer Reihe beachtlicher Studien untersucht hat, heben hervor, wie wichtig bei öffentlichen Festen wie auch bei eher privaten Anlässen Essen und Trinken sind. Ähnlich wie bei den im biblischen Buch Leviticus niedergelegten Speisevorschriften, die die Identität der Hebräer eng an den Verzehr bestimmter Speisen und an die Vermeidung anderer Speisen knüpfen, kann man in Indien als Gastgeber, Gast und Beobachter viele Informationen darüber gewinnen, wer wer ist und wer mit wem in welchem Zusammenhang steht, wenn man sich anschaut, welche besonderen Speisen bei gastfreundschaftlichen Anlässen zubereitet und verzehrt werden.
Die europäischen Vorstellungen von Gastfreundschaft schließen die meisten der schon genannten Merkmale ein – wie kaum anders zu erwarten in einem kulturellen Universum, das in vielem der mediterranen Welt verpflichtet ist. Wie im antiken Griechenland und im alten Rom wird auch in jüdischen, christlichen und islamischen Traditionen betont, dass Gastfreundschaft eine in der natürlichen Ordnung der Dinge begründete Verpflichtung darstellt.
So hatten zum Beispiel die Gilden des Mittelalters unter anderem die Aufgabe, Vorsorge für die Armen, Kranken und Alten zu treffen. Hospitäler waren ursprünglich Häuser, in denen Pilger gastliche Aufnahme finden sollten, und die Malteserritter sollten Pilgern „hospitium“ – also Obdach und Bewirtung – zuteil werden lassen. In Predigten vermitteln christliche Priester des 17. Jahrhunderts ihren Gemeinden mit Verweis auf biblische Quellen, wie dem Buch Genesis mit seiner Beschreibung der Gastfreundschaft Abrahams und Lots, die Gastfreundschaft als eine Tugend, die Güte gegenüber Fremden und Fürsorge für die Armen einschließt.
Selten jedoch speist sich Gastfreundschaft aus purer Gutherzigkeit. In hierarchischen Gesellschaften wie jenen des mittelalterlichen (und sicher teilweise auch des moderneren) Europa war Gastfreundschaft in wohlhabenden Kreisen routinemäßig mit freud- und lustvollen Exzessen verbunden. So sind aus England schon ab der Normannenzeit Schilderungen von höfischen und freiherrlichen Banketten überliefert.
Die Beziehung zwischen Gastgeber und Gast gründet im Wesen des sozialen Lebens selbst – ohne Gastfreundschaft wäre Gesellschaft regelrecht unmöglich. Zweitens verleihen Gastgeber und Gast einander Ehre und Status. Die Ehre, die der Gast dem Gastgeber zuteil werden lässt, wird häufig gar mit der Vorstellung verknüpft, dem Gast eigne etwas Heiliges an. Die erste, in den 1920er Jahren entstandene anthropologische Studie, die sich gezielt mit dem Thema Gastfreundschaft auseinandersetzte, trug denn auch den Titel „The Divinity of the Guest“. Drittens gilt Gastfreundschaft in der Regel nicht nur als Tugend, sondern als etwas geradezu Vornehmes. Viertens ist Gastfreundschaft – neben ihrer Verknüpfung mit Noblesse, Ehre, Tugend und altruistischen Vorstellungen – auch mit Lust, Exzessen und Ausdrucksformen sozialer Hie-rarchie und politischer Macht verbunden. Fünftens sind die Gastfreundschaft und die sozialen Beziehungen, die sie zum Ausdruck bringt, grundsätzlich anders geartet als die Beziehungen, die der Markt entstehen lässt.

Die meisten der neueren Bücher und Artikel zu Fragen der Gastfreundschaft nehmen ihr Thema aus der Perspektive der kommerziellen „Hospitality-Industrie“ in den Blick. Sie beschäftigen sich damit, wie Gastfreundschaft in Hotels und Ferienorten, auf Kreuzfahrtschiffen, in Kasinos und Sportstätten und an anderen Orten gemanagt wird. Dort werden, so zwei treffende Begriffe des prominenten amerikanischen Soziologen George Ritzer, „Eatertainment“ und „Retailtainment“ praktiziert: Fast-Food-Restaurants und Shoppingmeilen. Prozesse, die wenige oder gar keine der hier beschriebenen klassischen Merkmale der Gastfreundschaft aufweisen, belegt Ritzer mit geringschätzigen Begriffen wie „McDonaldisierung“ und „Disneyfizierung“.
Fast-Food-Restaurants arbeiten nach dem Prinzip der kommerziellen Effizienz, Vorhersagbarkeit und Kalkulierbarkeit. Sie werden von „Managern“ gesteuert, denen es nicht auf die Identität von Gästen als Personen oder auf deren Beziehungen mit ihren Gastgebern ankommt, sondern auf zahlende Kunden. Ritzer weist darauf hin, dass sich im Gegensatz zur traditionellen Gastfreundschaft, die fast immer an realen Orten (Dorf, Oase, Empfangszimmer, herrschaftliches Anwesen) gewährt wurde, die „McDisneyfizierte“ Gastfreundschaft meist in „vorgeblichen“ Räumen abspielt, die bestenfalls als Repliken der Realität gelten können. Ein typisches Beispiel sind die in Teilen des Heiligen Landes aus dem Boden schießenden „Jesus“-Themenparks. Der Pilgerer-Tourist ist nicht länger potenzieller Gast eines gastfreundlichen jüdischen, christlichen oder islamischen Gastgebers, den er vielleicht unterwegs kennenlernt. Er oder sie braucht nicht einmal mehr einen Fuß in das „reale“ Heilige Land setzen. Stattdessen werden das Heilige Land und die Gastfreundschaft seiner Bewohner nicht im echten Bethlehem oder Nazareth aufgetischt, sondern in Nachbildungen dieser Orte. Dort wird Gastfreundschaft ge- und verkauft. Man könnte einwenden, dass gewerbliche Gastfreundschaftsanbieter in modernen Hotels keine Mühe scheuen, um es ihren Kunden recht zu machen. Das stimmt – und genau darum geht es. Moderne Hotels sind – und das zeigt sich sehr deutlich im Luxussegment der Waldorf-Astorias, Hiltons, Sheratons und Bryant Parks – sozusagen Tempel, die dem Individuum geweiht sind. Familien, Haushalte, Stämme, Dörfer, Städte und Staaten, die ihre Beziehungen zu entfernteren Verwandten und zu Mitgliedern anderer Haushalte, entfernterer Stämme, anderer Städte und Staaten durch Akte der Gastfreundschaft zum Ausdruck bringen, sind von Unternehmen abgelöst worden. Diese verkaufen ihren Kunden auf dem gewerblichen Waren- und Dienstleistungsmarkt Gastfreundschaft.
Ist das nun die Demokratisierung der Gastfreundschaft oder der Sieg des Unternehmertums über das Individuum? Die „Hospitality-Industrie“ unserer Tage hat sich, so scheint es, von ihren eigenen Ursprüngen mehr oder weniger komplett abgekoppelt.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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