Eine Geschichte geht um die Welt (Kapitel 3 von 8)

von Tope Folarin

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

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Illustration: Elisabeth Moch


Morgen werde ich sterben.

Irgendwie dachte ich, das Schreiben dieser Worte würde mir erlauben zu verstehen, was gleich mit mir geschehen wird, würde es irgendwie realer machen. Doch es scheint noch immer abstrakt. Mein Verstand ist klar, aber ich kann mir nicht vorstellen, was passieren wird, wenn es vollbracht ist. Während ich hier sitze – in diesem kargen Zimmer, auf diesem kargen Stuhl, an diesem kargen Tisch – kann ich sagen, dass ich mich nie lebendiger gefühlt habe. Nie habe ich so klar gespürt, wie die Luft von meiner Nase den Rachen hinunter in meinen Brustkorb strömt, das kaum merkliche und beruhigende Auf und Ab meiner Lungen gefühlt, und das beinahe augenblickliche Ausströmen ebenjener Luft, ein fortwährender, scheinbar unvermeidlicher Vorgang, nach dem ich mich voll und irgendwie leichter zugleich fühle. Ich atme, seit ich lebe, aber ich es nie so geschätzt wie jetzt. Mir fehlt die Fantasie, mir vorzustellen, was nach dem Atmen geschieht, das gähnende dunkle Loch, das mich umschließen könnte, oder das gleichzeitige Versinken all dessen, was ich kenne und liebe und hasse und verachte, in einem winzigen verschwindenden Punkt – und dann nichts.

In gewisser Weise kämpfe ich mit dem Schreiben gegen die Leere an. Im Laufe der vielen Monate, die ich hier eingesperrt bin, ist mir die unvergleichliche Macht der Sprache klar geworden. Dieser einfache, einsame Akt, das Schreiben dieser Worte auf ein Blatt, wird dafür sorgen, dass etwas von mir bleibt. Um ehrlich zu sein, mache ich mir nicht so viele Gedanken über das, was in Zukunft von mir bleiben wird; ich sende dieses Fanal in die Dunkelheit – in der Hoffnung, dass jemand erfährt, was mit uns geschah, wie die Menschheit in das Reich der Albträume eintrat. Ich hoffe, dass jemand diese Worte lesen wird; dass dieses Dokument als Fahrplan dienen wird, als Versprechen dienen wird, für das, was wir noch sein könnten.

Ich schreibe dieses Tagebuch seit dem Beginn meiner Haft vor einem Jahr, aber ich habe noch nicht von den Vorfällen geschrieben, die mich hierhergeführt haben. Ich muss noch über meine persönliche Katastrophe berichten. Ich habe über die Katastrophe geschrieben, wie alle sie kennen, die verschiedenen Geschehnisse, und sogar über meine Rolle, die Tatsache, dass ich in allen gegen mich vorgebrachten Anklagepunkten schuldig bin, aber ich habe nicht darüber geschrieben, wie es zu all dem kam. Jetzt habe ich keine Ausrede mehr und keine Zeit. Ich muss schreiben. Ich muss über das Vorgefallene schreiben. Ich muss es tun.

Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Doch als es soweit war, war ich schockiert, dass die Apotheke nicht so aussah, wie ich sie in Erinnerung hatte.


Ich sende dieses Fanal in die Dunkelheit – in der Hoffnung, dass jemand erfährt, was mit uns geschah, wie die Menschheit in das Reich der Albträume eintrat.
Ich sehe mich jetzt, wie ich auf dem Weg zur Apotheke am Müllcontainer haltmache, um den Inhalt zu inspizieren, als wüsste ich, dass in dem Moment, in dem ich die Apotheke erreiche, mein altes Leben vor mir fliehen und diese andere Version Leben an seine Stelle treten würde.

Die Apotheke war dunkel. Ich weiß nicht, warum ich nicht auf dem Absatz kehrt machte und nach Hause ging – irgendetwas trieb mich, etwas, das ich in mir selbst nicht ganz erkannte. An der Seite des Gebäudes, direkt unter einem Fenster, war ein Müllhaufen – Stühle, Eimer und Stöcke in unterschiedlicher Länge. Ich zog einen Stuhl aus dem Haufen und stellte ihn direkt unter das Fenster, dann stellte ich den Eimer darauf. Ich kletterte so leise wie möglich auf meine Konstruktion und richtete mich oben angekommen langsam auf, nur um mich zu vergewissern, dass ich nicht herunterfiel. Dann spähte ich ins Innere. Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Doch als es soweit war, war ich schockiert, dass die Apotheke nicht so aussah, wie ich sie in Erinnerung hatte. Die Regale waren beiseite geräumt worden, die verschiedenen Verkaufsschilder waren verschwunden, das Einzige, was blieb, war der Raum an sich. Es kam mir vor, als säße ich im Zuschauerraum eines Theaters und die Menge wäre plötzlich verstummt.

Ich wartete darauf, dass die Lichter angingen, die Schauspieler die Bühne betraten und ihren Text sprachen. Nach einigen Augenblicken flackerte irgendwo im Innern ein Licht auf, nicht in dem Raum, in den ich blickte, sondern in einem Raum außer meines Blickfeldes. Es strömte gerade genug Licht in den Raum, dass ich erkennen konnte wie eine junge Frau hereinkam. Sie war groß und ging aufrecht. Ihr langes braunes Haar fiel in Wellen herab, die auf ihren Schultern brachen. Von meiner Warte aus konnte ich so gerade ihr Profil erkennen – eine kleine Stirn, spitze Nase, ein schüchterner, missbilligender Mund. Sie verschwand aus meinem Blickfeld, und als ich sie wiedersah, trug sie einen Stuhl. Sie stellte ihn auf den Boden und setzte sich. Sie saß so lange unbewegt da, dass ich mich fragte, ob noch etwas geschehen würde oder ob sie einfach nur dasitzen und ich sie von meinem Fenster aus bis zum Ende des Tages beobachten würde, bis die Dunkelheit alles verschluckte – mich, sie, die Apotheke, meine Stadt. Doch dann sah ich einen Mann hereinkommen. Er war klein und etwas rundlich; er trottete aus dem Blickfeld, und als ich ihn wiedersah, trug auch er einen Stuhl, und ohne die Frau anzusprechen oder auch nur wahrzunehmen, setzte er sich ihr direkt gegenüber. Sogleich folgte eine andere Frau, die das Gleiche tat, und dann ein Mann, bis rund fünfzehn Personen im Raum waren – alle schweigend, alle offenbar die anderen ignorierend.

Es kam mir vor, als säße ich im Zuschauerraum eines Theaters und die Menge wäre plötzlich verstummt.


Ich war völlig fasziniert von dem, was ich sah, und unsicher zugleich. Was taten sie? Warum redeten sie nicht? Und warum war ich zufällig bei einer ihrer derartigen Zusammenkünfte anwesend? Ich spürte, wie meine Beine zitterten und sich verkrampften und sah mich um. Draußen war es inzwischen dunkel. Ich fragte mich, ob sich noch andere Menschen in anderen Gebäuden versammelten. Plötzlich spürte ich meine ausgedörrte Kehle und meinen knurrenden Magen. Ich beschloss, dass es Zeit für mich war, nach Hause zu gehen. Ich schaute zurück zum Fenster, um einen letzten Blick auf die seltsame, surreale Szene zu werfen, und in diesem Moment drehten sich die Gestalten geschlossen in meine Richtung. Zum ersten Mal sah ich all ihre Gesichter. Nun, ich bemerkte ihre Gesichter eigentlich gar nicht; was ich sah, wirklich sah, waren ihre Augen. Sie schienen wie menschliche Augen. Augen, die ich mein ganzes Leben lang gesehen hatte, doch ich spürte, dass hinter ihnen etwas Fremdes und Unbegreifliches vor sich ging.

Ich war wie erstarrt. Und dann hörte ich ein Flüstern in meinem Kopf, das langsam lauter wurde, eine Masse unverständlicher Töne, immer lauter und lauter, bis der ganze Lärm zu einem Ton, einer Stimme verschmolz.

Du solltest hier nicht sein.

Mehr hörte ich nicht. Ich wusste, sie waren irgendwie in mein Bewusstsein eingedrungen. Sie sprachen zu mir.

Wenn ich die Nachrichten gesehen und die Zeitung gelesen hätte, wenn ich Freunde gehabt hätte, mit denen ich hätte reden können, irgendjemanden, mit dem ich außer mit mir selbst hätte sprechen können, dann hätte damals Vieles Sinn ergeben. Ich hätte verstanden, warum die Straßen leer waren. Ich hätte gewusst, dass es eine weltweite Quarantäne gab, dass uns allen aus diesem Grund gesagt wurde, um jeden Preis im Haus zu bleiben. Ich hätte verstanden, warum das Internet abgeschaltet wurde und warum so viele Menschen wieder jahrzehntealte Gewohnheiten aufnahmen, um zu überleben. Ich hätte gewusst, dass eine Krankheit in meinem Land wütete, und ich hätte auch verstanden, dass die Krankheit eine Tarnung für etwas anderes war. Ich hätte verstanden, dass sie im Begriff waren, die Macht zu ergreifen.

Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich jedoch gar nichts. Das Einzige, was ich mit Gewissheit wusste, war, dass ich bald sterben würde.

Sie schrien mich an und verurteilten mich, und bevor ich etwas tun konnte, wurde ich weggeschleppt, und dann stand ich vor Gericht, und dann war ich in dieser Zelle, ich schrieb in dieses Tagebuch ...


Ich wollte mich in Bewegung setzen, wegrennen. Mehr als alles andere wollte ich weg von diesem Ort. Doch ich saß fest. Ich konnte mich nicht bewegen. Dann löste sich die Szene vor mir auf, und verschiedene Bilder huschten vor meinen Augen vorbei. Ich sah Krankenwagen voller Menschen und Kinder, die sich auf der Straße übergaben. Ich sah Alte und Junge, die litten und überall zusammenbrachen. Dann sah ich andere Bilder. Schärfere Bilder. Ich sah mich selbst Dinge tun, die ich nie tun würde. Ich sah mich zu Menschenmengen sprechen, die mit der Zeit immer größer wurden, ich sah mich Menschen davon überzeugen, die Quarantäne zu ignorieren, für ihre Rechte zu kämpfen und auf die Straße zu gehen. Dann wurde die Menge immer größer und meine Worte wurden immer gewalttätiger – bald sprach ich vor Tausenden und Abertausenden, von denen einige Masken im Gesicht trugen, die meisten jedoch keinen Mundschutz trugen. Die meisten schrien mir meine gewalttätige Rhetorik ins Gesicht zurück. Ich sah mich in einem großen Hörsaal auf eine große Leinwand zeigen und meinen Anhängern sagen, dass ihre vermeintlichen Wohltäter, die Gesichter, die über die Leinwand liefen, ihre Feinde waren. Und die Gesichter auf der Leinwand stimmten mit den Gesichtern in der Apotheke überein. Ich sah mich und eine kleine Gruppe meiner Anhänger – wir alle bis an die Zähne bewaffnet – zu einem großen Haus fahren, in dem unsere Feinde versammelt waren, vermutlich, um sie zu töten oder auf irgendeine Weise zu verkrüppeln, und als sie mich diesmal sahen, redeten sie. Sie schrien mich an und verurteilten mich, und bevor ich etwas tun konnte, wurde ich weggeschleppt, und dann stand ich vor Gericht, und dann war ich in dieser Zelle, ich schrieb in dieses Tagebuch und bereitete mich auf den Tod vor.

Unterdessen wurden die Menschen in dem Raum immer mächtiger. Sie überzeugten die Menschen meines Landes, die Menschen rund um die Welt davon, dass sie die einzigen Kräfte zwischen uns und der Zerstörung der Welt waren. Sie nannten mich und meine Anhänger als Beispiele für die bösen, irrationalen Kräfte, die uns allen Schaden zufügen würden, wenn sie nicht die uneingeschränkte Macht erhielten.

Ich wusste schon damals, dass ich gerade Zeuge meiner Zukunft geworden war. Ich wusste, dass ich nichts tun konnte, um meinem Schicksal zu entgehen. Schon damals war ihre Macht über mich vollständig. Sie waren in mein Bewusstsein eingedrungen und ich spürte, wie sie meine Gedanken zu kontrollieren begannen. Ich blinzelte, weil ich spürte, wie sich Tränen hinter meinen Augen sammelten, und als ich die Augen wieder öffnete, war der Raum leer.

Ich ging wie betäubt nach Hause. So viele Fragen schwirrten in meinem Kopf. Ich fragte mich, ob ich von Geburt an für diese Rolle vorgesehen war oder ob ich nur wegen meiner albernen Suche nach Wasser in sie hineingestolpert war. Ich fragte mich, ob sie mich irgendwie dorthin gelockt hatten, ob meine Suche nach Wasser tatsächlich eine Suche nach Wissen gewesen war. Ich fragte mich, ob es irgendjemanden gab, der glauben würde, warum ich das, was ich tun sollte, getan hatte.

Ich fragte mich, ob ich träumte. Ich frage mich, ob ich in diesem Moment träume.

Die Ironie besteht für mich darin, dass ich in diesem Gefängnis endlich Befreiung gefunden habe. In dem Moment, in dem ich es betrat, spürte ich, wie die Stimmen in meinem Kopf nachließen. Ich konnte mich selbst wieder hören. Und ich fand wieder Freude an meiner eigenen Stimme, und Hoffnung. Aus diesem Grund schreibe ich. Ich will meine Stimme bewahren, sie irgendwo außerhalb meiner selbst aufbewahren, damit ich nach ihr greifen kann, wenn sie wieder in meinen Kopf eindringen.

Ich weiß, die Welt hält mich für einen Verrückten, der einst als Anführer einer abscheulichen Organisation diente, die auf Zerstörung und Chaos aus war. Die Chancen, dass irgendjemand glaubt, ich hätte an jenem Tag die Mitglieder der Ultras in jenem Raum gesehen, und dass sie mich als Spielball – als einen von vielen – zur Sicherung ihrer heutigen Macht benutzten, sind verschwindend gering. Die Chancen, dass irgendjemand einmal dieses Tagebuch finden und lesen wird, sind nahe Null. Aber ich habe keine andere Wahl. Ich muss schreiben. Ich muss meine Wahrheit sagen. Ich muss dieses Fanal in die Dunkelheit der Zukunft senden und hoffen, dass es jemand sieht und uns von den Despoten befreit, die jetzt alles kontrollieren.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte

 
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Kapitel 4 wird am 11. August hier veröffentlicht.


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