Eine Geschichte geht um die Welt (Kapitel 2 von 8)

von Mathias Énard

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

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Illustration: Elisabeth Moch


Sie klappte das Manuskript zu; obwohl sie dabei sehr behutsam vorging, rieselten Schnipsel von vergilbtem Papier auf den grauen Teppichboden. Der Text war buchstäblich in Trümmer gefallen. Die Stadt war leer. Dieses Papier ist der Albtraum jedes Bibliothekars. In sechs Monaten wird nichts mehr davon übrig sein. Keine Möglichkeit, es zu restaurieren. Dennoch würde das Zeugnis, sorgfältig gescannt, erhalten bleiben. Der Beweis für den Wahnsinn, die Leere, das Grauen.

Die Einsamkeit. Der Mangel an Trinkwasser.

Elsa hob das Dokument mit größter Vorsicht vom Scanner, schob es in seine Klarsichthülle zurück und schloss diese wieder. Dann zog sie ihre Baumwollhandschuhe aus und setzte ihre Maske ab, sie war erleichtert. »317 Seiten, liniert, kursiv, handschriftliches Manuskript, gelegentlich Streichungen, Flecken, zahlreiche Risse« stand auf dem Bestandszettel mit dem Barcode, der auf dem durchsichtigen Umschlag klebte.

Das Tagebuch von Lew Smidowytsch, das niemand jemals hatte lesen können. Weder vor noch nach seiner Verurteilung. Sie wusste, dass die Polizistin vor der Tür des kleinen Büros sie filzen würde, um sicherzustellen, dass sie keine anderen Mittel bei sich hatte, mit denen sie über das Scannen hinaus Fotos der Seiten hätte machen können. So wie sie bei ihrer Ankunft gefilzt worden war. Ihr Telefon hatte sie in der Garderobe abgegeben. Natürlich hatte sie nicht die Zeit gehabt zu lesen. Nur Bruchstücke, einzelne Zeilen. Ausschnitte, die einen erstarren ließen und von denen sie spürte, dass sie sie wochenlang begleiten, sie bis in ihre Albträume hinein verfolgen würden. Die Folter, die verlassene Stadt, die Angst. Das ungeheuerlichste Experiment des Jahrhunderts. Alles von der Zensur weggeschlossen.

Jeder hatte von Lew Smidowytsch und seiner Verurteilung gehört. Jeder hatte die Bilder seiner Hinrichtung im Kopf

Warum hatte man sie gerade jetzt gebeten, dieses Manuskript einzuscannen? Jeder hatte von Lew Smidowytsch und seiner Verurteilung gehört. Jeder hatte die Bilder seiner Hinrichtung im Kopf, sie war schnell gewesen, schauderhaft. Aber niemand wusste, dass es ein Tagebuch von ihm gab. Plötzlich bekam Elsa Angst. Sie drehte sich um, sah hinter sich. Sie hatte Kenntnis von diesem Tagebuch bekommen. Ihr wurde bewusst, dass man wegen dieses furchtbar geheimen Texts vielleicht versuchen würde, sie verschwinden zu lassen.

Elsa wagte sich nicht mehr aus dem kleinen Büro hinaus.

Sie sah aus dem Fenster, der Tag war grau, ein bleierner Montag, Schnee lag in der Luft; das ewige Bild des Februars: Eisregen und Kohle. Im Hof der Nationalbibliothek drängten sich Lieferanten und Besucher, Studenten meist; direkt vor dem Haupteingang parkte ein grünes Polizeiauto.

Sie hatte das Tagebuch der Katastrophe vollständig eingescannt.

Je länger sie hinausstarrte, desto deutlicher wurde ihr, in welch schrecklicher Lage sie sich befand. Es war unmöglich, dass man sie unbehelligt in die Freiheit entlassen würde.

Elsa dachte einen Moment, das Fenster lasse sich öffnen, sie könne einfach jemandem im Hof zurufen: »Hey! Fang! Es ist Lew Smidowytschs Tagebuch, das mit dem Tag beginnt, als er hinausgeht, um Trinkwasser zu holen, an einem Tag während der Belagerung, einem der ersten Tage der Katastrophe«, dann die Klarsichthülle mit dem Manuskript hinunterwerfen, sich hier verbarrikadieren, bis das Manuskript zu … zu wem eigentlich gelangen würde? Zu einer dieser sogenannten Nachrichtenwebseiten, die voll von Fake News und Verschwörungstheorien über die aberwitzigsten Dinge sind? Noch hatte sich das Land nicht vom Verschwinden der Zeitungen erholt. Auch nicht von der Auflösung des Parlaments.

Smidowytschs Bericht begann, als er eines Tages, an einem Tag mit bleiernem Himmel, einem Tag wie diesem, Wasser zum Trinken holen wollte.

Smidowytschs Bericht umfasste 317 Seiten.

Elsa öffnete das Fenster nicht, weder um das Manuskript in den Hof zu werfen, noch um über die Dächer zu entkommen. Sie setzte sich auf den Boden, den grauen Teppichboden, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.

Warum war dieses Manuskript jetzt so wichtig? Jahre später. Sie suchte nach den Vorzeichen einer neuen Katastrophe. Und fand sie. In dem Abschnitt, in dem Smidowytsch ahnte, dass es Tote geben würde. »Vom Fieber geschüttelte Menschen wurden in den Kofferaufbau der Rettungswagen mit blinkendem Blaulicht geschoben – wie Brötchen in den Ofen.« Zwei Nächte zuvor hatte sie von ihrem Balkon aus einen vollkommen unbeleuchteten Rettungswagen gesehen, in den man lautlos eine Bahre lud – als der Fahrer den Motor wieder startete, hatte sie geglaubt, sie habe die Gasmaske des Sanitäters gesehen.

Smidowytsch dokumentierte den Tod. Die Manipulation des Todes. Wen es traf und warum

Smidowytsch erklärte. Smidowytsch dokumentierte den Tod. Die Manipulation des Todes. Wen es traf und warum. Wie alle diese Leute ins Krankenhaus kamen; Smidowytsch schrieb genau auf, wer starb und auf welche Weise. Es waren vor allem Alte unter den Toten, ihre große Zahl lenkte von denen ab, die gezielt aus dem Weg geräumt worden waren. Das größte Verbrechen aller Zeiten. Ganz und gar unvorstellbar. Elsa fragte sich, warum man Smidowytschs Tagebuch zur Zeit der Katastrophe nicht vernichtet hatte. Vielleicht handelte es sich um einen neuen Manipulationsversuch. Eine Fälschung. Smidowytschs Hinrichtung wegen Hochverrat vor so langer Zeit, sein jetzt plötzlich wieder aufgetauchtes Tagebuch, wo man doch endlich die Wiederöffnung der Grenzen erwog. Eine Manipulation der Ultras? Die Regierung in Erklärungsnot … Oder manipulierte die Regierung selbst, um die Oppositionellen ausfindig zu machen und sie sich vom Hals zu schaffen?

Elsa fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis die vor der Tür wartende Polizeibeamtin hereinkäme, um nachzusehen, ob sie fertig war.

Eine winzige Spinne wanderte über den grauen Teppichboden. Sie kletterte die synthetischen Schlingen hinauf, stieg in die trockenen Polyesterfalten hinab, kletterte wieder hinauf, stieg hinab und kam in diesem seltsamen Takt einen halben Zentimeter pro Sekunde voran. Elsa hatte Lust, sie zu zerquetschen, dann dachte sie, dass es sinnlos war; sie begnügte sich damit, sie mit dem Zeigefinger wegzuschnippen, was die Spinne dreißig Zentimeter zurückwarf, die diese sofort von Neuem in Angriff nahm.

Elsa fragte sich, welches ihrer geliebten Bücher ihr in dieser Situation helfen konnte. Sie verzichtete so lange Zeit auf Internet und Bilder. Papier. Papier und Stimmen. Bücher und Radiosendungen. Vielleicht hatte man sie aus diesem Grund für diese Mission ausgewählt, das Einscannen von Smidowytschs Tagebuch. Vielleicht wussten die Verantwortlichen, dass Elsa nicht fernsah, keinen Computer zu Hause hatte, keinen Handyvertrag mit Datenvolumen. Dass sie Single war und nur am Wochenende die Wohnung verließ, um in den Wald zu gehen. Um im Wald zu laufen, zu wandern, zu lesen. Dass die einzige Gefahr, die sie für die Gesellschaft darstellen konnte, die vielen Zecken waren, die sie nach Hause brachte und die ihre Nachbarin Mascha ihr mit einem Folterinstrument entfernte, das für Katzen und Hunde vorgesehen war.

Vielleicht warteten die Katastrophen wie die Zecken im Wald. Hitze, Herunterfallen, Haut, Blut

Elsa betrachtete die Spinne und dachte einen Augenblick an jenen französischen Philosophen aus dem 20. Jahrhundert, der von Zecken gesprochen hatte. Von der Welt der Zecke, dem Reich der Zecke. Über die äußerst beschränkte Welt der Zecke: Hitze, Herunterfallen, Haut, Blut, Boden, Baum, Warten, Warten, Warten, Hitze, Herunterfallen, Haut, Blut, Boden, Baum, Warten, Warten, Warten, Tod. Das Warten. Jahrelanges Warten. Vielleicht warteten die Katastrophen wie die Zecken im Wald. Hitze, Herunterfallen, Haut, Blut. Zecken wandern über den Rücken eines Tieres, bis sie eine Stelle zum Festbeißen finden. Zecken sind eine echte Schweinerei, dachte Elsa. Trotzdem hatte sie Lust, ein Buch zu nehmen, Smidowytsch zu vergessen und in den Wald zu gehen. Niemand ging mehr in den Wald. Oder der Wald war zu groß, um dort irgendjemandem zu begegnen. Zwischen den Sümpfen und dem Wald, wie früher die Partisanen. Die Seen waren noch gesperrt. Die Seen und die Schwimmbäder. Elsa erinnerte sich, dass ihre Mutter schwimmen konnte, dass sie schwimmen gelernt hatte, dass sie ihr immer erzählte, wie schön es war, in Seen zu schwimmen, und im riesigen Schwimmbecken der olympischen Schwimmhalle. Seit über dreißig Jahren ist es jetzt leer, dachte Elsa. Zu gefährlich, das Wasser. Zu viele Tote während der Katastrophe. Das Trinkwasser von Smidowytsch … Die Armen, damals wusste man noch nichts davon. Begriff nichts. Seit der Katastrophe hat niemand mehr in einem See gebadet, dachte Elsa. Sie sah die Seen von Weitem, im Wald; manchmal tat sich eine Lichtung vor einer großen, klaren blauen Wasserfläche auf, die ins Endlose reichte, wo sie sich durch Flüsse mit anderen Seen verband, und dort, in weiter Ferne, im Westen, an die großen verlassenen Städte heranreichte, die Städte von einst. Manchmal verfolgte sie im Radio eine Reportage, Forscher und Zoologen streiften durch die Stadt Berlin, um zu verstehen, wie es möglich war, dass verwilderte Pferde so schnell Herden bilden konnten, die ungeachtet des Asphalts auf den menschenleeren Straßen in der Stadt überwinterten. Auch von Wölfen, Bären, Hühnern und Hirschen war die Rede. Bisweilen hatte sie im Wald Angst bekommen; sie hatte Wölfe heulen gehört und war sogar einem großen Luchs begegnet, der ihr einen kurzen Augenblick in die Augen gesehen hatte, bevor er davonlief.

Es war erst seit ein paar Jahren erlaubt, den Wald zu betreten. Deshalb hatte man sie also ausgewählt, dachte Elsa erneut. Weil sie in den Wald geht, niemanden trifft und sich weder für Bilder noch für soziale Netze interessiert.

Die Spinne war jetzt quasi auf ihre Ausgangsposition zurückgekehrt, neben dem Seidenstrumpf, der Elsas Schenkel bedeckte. Was nun? Sie würde sich ein paar Bücher ausleihen. Versuchen zu verstehen. Ihrer Nachbarin Mascha würde sie nichts davon erzählen. Wenn man sie am Leben ließe. Wenn man sie nicht mitten in der Nacht festgeschnallt auf einer Tragbahre in einen Rettungswagen schöbe.

Elsa stand auf und achtete darauf, nicht auf die Spinne zu treten. Vor dem Fenster war der Tag noch immer so grau; im Hof der Nationalbibliothek war weniger los als vor fünf Minuten; das grüne Polizeiauto stand noch immer da. Ein Polizist rauchte, lehnte sich dabei an die Autotür. Elsa konnte es sich nicht verkneifen, einen Blick auf das Dokument auf dem Computerbildschirm zu werfen. 317 Kopien plus ein Vorsatzblatt.

Smidowytschs Tagebuch.

Sie würde hinausgehen, die Polizistin würde hinter ihr den Schlüssel zur Tür des kleinen Büros zweimal umdrehen und sie dann zur Handschriftenabteilung begleiten, bis ins Dienstzimmer der Leiterin; Elsa würde dieser mit einem »Erledigt!« die Klarsichthülle zurückgeben. Dann würde die Leiterin die Dokumentendatei auf ihren Computer ziehen, Elsa danken, Elsa würde wieder ihre Baumwollhandschuhe und ihre Maske anziehen und sich wieder ihren Bücherwagen widmen, um die wertvollen Bände darauf zurückzustellen oder auszugeben. Kommentarlos. Sie würde vielleicht nicht einmal die drei maskierten Polizisten bemerken, die die Karteikarten abholten, die sie geduldig zusammengestellt hatte. Dann würde Elsa nach Hause gehen, immer verfolgt von Smidowytschs Tagebuch, von der Erinnerung an die Katastrophe, und trotz allem würde sie den vierten Teil von »Die Brüder Karamasow« weiterlesen, bevor sie mehr schlecht als recht einschlafen und vom Hauch des Waldes und vom Fauchen wilder Tiere träumen würde.

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller

 

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