Eine Geschichte geht um die Welt (Kapitel 4 von 8)

von Glenn Diaz

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

Im Wald -

Illustration: Elisabeth Moch


„Der Wald. Der Wald ist immer für mich da.“ Der Gedanke heiterte sie auf, und sie trat schneller in die Pedale, legte einen Spurt ein, als könnte sie beim Gedanken an den Wald bereits seine heilsame Luft atmen.

Elsa entfernte sich immer weiter von der Nationalbibliothek, aber das Gefühl der Bedrohung wollte einfach nicht verschwinden. Wie ein unerträgliches Jucken. Die Leiterin hatte die Klarsichthülle mit dem Manuskript wortlos in Empfang genommen. Nicht einmal die Andeutung eines Nickens, das die Bedeutsamkeit des Materials zum Ausdruck gebracht hätte – die kostbaren Aufzeichnungen aus den ersten Tagen der Katastrophe und von allem, was darauf gefolgt war; sämtliche Spuren jener Ereignisse waren, soweit möglich, unauffällig aus Bücherregalen und Datenbanken getilgt worden. Keine beiläufige Erwähnung der Tatsache, dass jede Nachfrage zu Lew Smidowytsch routinemäßig an die Behörde gemeldet wurde. Elsa hatte den restlichen Tag frei bekommen und das neobarocke Gebäude auf dem Weg zu ihrem Fahrrad verlassen, als sie ihn sah. Einer der drei Polizisten mit Gesichtsmasken, die Wache gestanden hatten, während sie die brüchigen Tagebuchseiten eingescannt hatte. Ein unangenehmer Typ. Er rauchte gelangweilt, aber die Bewegungen wirkten einstudiert. Demonstrativ. Als ihr klar geworden war, um wen es sich handelte, war es zu spät gewesen, um schnell wegzusehen, und dann hatte der Polizist auch schon die Maske abgenommen und ihr sein schmallippiges Lächeln gezeigt.

Sie war zusammengezuckt; nun war sie zum Zurücklächeln gezwungen. Wie lange hatte sie kein Lächeln mehr gesehen. Die Leute lächelten sie nicht an. Oder lächelten gar nicht. Polizisten lächelten auf jeden Fall nicht.

Bald sah sie von Weitem die Mauer, das Zeichen, dass sie die halbe Strecke hinter sich hatte. Mehr oder minder. Sie versuchte, schneller in die Pedale zu treten. Erst in den Wald, statt direkt nach Hause zu fahren, war kein großer Umweg. Die Strecke, die sie fuhr, verlief immer noch entlang der früher am hoffnungslosesten überfüllten Metrolinie der Stadt, vorbei am großen Platz, den Museen, dem Rondell mit dem brutalistischen Kriegerdenkmal. An einer Stelle würde sie dann nicht in westlicher Richtung zu ihrem Wohnviertel abbiegen, sondern nach Osten, auf den Hügel zu, dessen Namen der Stadtteil trug. 

Ab und an verringerte sie ihr Tempo ein wenig, atmete tief durch und blickte über die Schulter, weil sie plötzlich das Gefühl hatte, verfolgt zu werden. Aber hinter sich sah sie immer nur dieselbe menschenleere Straße, fühlte immer wieder denselben Schock angesichts eines blätterlosen Baumes, der sie zu beobachten schien mit den nicht sehenden Augen eines Fremden. Sie hielt Ausschau nach dem Polizeiwagen, der vor der Bibliothek gestanden hatte, aber die grünen Fahrzeuge waren in der Stadt allgegenwärtig. An fast jeder Ecke gab es eines, als reichten die Überwachungskameras an den Ampeln und Gebäuden nicht aus. Polizisten und Kameras lächelten nicht. 

Zwei Jahre mussten seit dem Vorfall vergangen sein. Eine Auseinandersetzung in einer Schlange vor einem Supermarkt am Stadtrand. Das waren die ersten Tage der gelockerten Quarantänevorschriften gewesen. Die Lage war unter Kontrolle, hieß es, mit ernstem Tonfall, wie bei einer Beerdigung. Endlich. Dann hatte ein Mann Mitte vierzig, angeblich ein Rowdy, ein Veteran, der damals unten im Süden den Aufstand bekämpft hatte, den Wachmann, der in der Schlange für Ordnung sorgte, schräg angesehen. Männer und ihre Machtspielchen. Zeugen sagten aus, er habe nur die Hand gehoben; der Wachmann sagte, er habe in die Tasche gefasst. Ein paar Tage später tauchte ein unscharfes Handyvideo von seiner Erschießung im Netz auf, es folgte der gewohnte Kreislauf der Empörung, Versprechen einer gründlichen Untersuchung, dann Totenstille. Massenfestnahmen von Demonstranten, die dagegen protestieren wollten. Ein sogenannter Watchdog säuberte die Nachrichtenwebsites. Gedruckte Zeitungen betrachtete man als unwichtig. Dann wurden alle anderen Nachrichten mit einem Schlag nebensächlich, als die Meldungen über eine neue Infektionswelle kamen, inklusive Luftaufnahmen von Leichensäcken in hastig ausgehobenen Massengräbern auf einer Insel vor der Küste. Und schon war der Lockdown wieder da. 

Ihre verdammte Neugier. Warum hatte sie nur versucht, immer wieder Abschnitte der vergilbten Seiten zu lesen? Sie hätte ja woanders hingucken können.

Ihren Nerven tat es nicht gut, dass sie ständig die Stimme von Lew Smidowytsch im Ohr hatte, lauter als den kalten Fahrtwind. Er klang nicht sehr vorwurfsvoll oder wütend, sondern schien sie einfach daran erinnern zu wollen, was alles schrecklich falsch lief auf der Welt. Dass die von seiner gestochen scharfen, sauberen Handschrift beschriebene Welt nicht sehr viel anders war als ihre. „Alles funktionierte, alles in Ordnung, angeschaltete Ampeln. Die Laternen brannten, die Straßen waren gefegt. Alles war in Ordnung, keine Panik.“ Wie aufs Stichwort musste Elsa an einer Kreuzung anhalten und ließ die Ampel nicht aus den Augen. Die Luft roch nach Schnee. Einatmen, ausatmen. In der Gasse links von ihr wühlte ein Wolf in einem Müllcontainer. 

Ihre verdammte Neugier. Warum hatte sie nur versucht, immer wieder Abschnitte der vergilbten Seiten zu lesen? Sie hätte ja woanders hingucken können. Sie wusste, dass ihr die Aufgabe übertragen worden war, weil sie für sich blieb. Sich an ihre Bücher hielt. Ihr kleines Leben. Ihre Mutter, Mascha. Dass sie sich nicht um die Nachrichten kümmerte, die immer gleiche Weltregierung der Unzufriedenheit. So ein Leben ließ sich auf Dauer durchhalten. Heutzutage vielleicht die einzig mögliche Lebensweise. Hatte sie sich ihren Arbeitsplatz nicht genau deswegen ausgesucht, damit sie so leben konnte? Das erste Grauen ihres Lebens war der Augenblick, in dem ihr klar wurde, dass die echte Welt anders war als ihre Bücher. Die Welt war grausam, oft langweilig und entzog sich ihrer Kontrolle (außerdem gab es nicht genug Russen darin; sie klopfte auf den Rucksack, in dem ihr viel gelesenes Exemplar der „Brüder Karamasow“ steckte). Sie war weit über zwanzig gewesen, als sie, begleitet von einer gewissen Verzweiflung, lernte, wie man mit diesem Wissen lebte. Ihr Leben war dem Lesen gewidmet – hieß das, die Welt war nichts Besseres als eine ungebetene Unterbrechung? Einmal war sie in den falschen Bus gestiegen (in der guten alten Zeit, als es noch Busse gab) und spontan an einer Haltestelle in der Nähe eines verlassenen Wanderwegs ausgestiegen. Der Wald schien sie zu rufen. Weg von der Welt, oder aber zurück in ihren Schoß. So begannen ihre geliebten Wochenendausflüge. Bald merkte sie, dass der Wald genau wie ihre Bücher eine eigene Wissensstruktur besaß. Eine Art wundersame Zerstreuung jenseits der Sprache. Und er saugte sie nicht aus, ein Gefühl, das sie manchmal beim Lesen hatte. Er war nicht käuflich. Als die Ampel auf Grün umschaltete, radelte sie schnell weiter.

„Dieser einfache, einsame Akt, das Schreiben dieser Worte auf ein Blatt Papier, wird dafür sorgen, dass etwas von mir bleibt.“

Sie blinzelte, um die Worte zu vertreiben, die ihr ungebeten in den Kopf gekommen waren, wie freischwebende Erinnerungen. Dabei hatte sie so einen Satz nicht einmal gelesen. Oder vielleicht doch? Sie sah einen Mann vor sich, der an einem Schreibtisch saß und schrieb. Das Bild war so schnell wieder verschwunden, wie es gekommen war. Ihr Körper fühlte sich taub an. Sie rückte ihren Mundschutz mit einer Hand zurecht und sah nach rechts und links, während sie versuchte, in gleichmäßigem Tempo weiterzufahren. Hier, weiter vom Stadtzentrum entfernt, waren die Verwüstungen des vergangenen Jahrzehnts deutlicher zu bemerken. Die Straßenmitte war aufgerissen und für eine Metrostation ausgeweidet worden, die nun niemals gebaut werden würde. Das klaffende Loch war mit durchhängendem Flatterband abgesperrt. In der Nähe des halb gegossenen Fundaments befand sich ein Obdachlosenlager. Zu Beginn der Ausgangssperre war den Obdachlosen Wohnraum zugewiesen worden, aber im neuen Normalzustand galt das als nicht dauerhaft umsetzbar, jeder musste Opfer bringen und so weiter. Geistesabwesend sah Elsa einem streunenden Hund hinterher, der auf eins der provisorischen Zelte zulief; sie erwartete, dass er mit barschen Worten verscheucht werden würde, stattdessen tauchte das Tier wieder auf und zog mit einiger Mühe einen bewegungslosen Körper hinter sich her. 

Ein langes Hupen riss sie aus ihren Gedanken, sie fuhr schneller und sah dem SUV hinterher, der an ihr vorbeidonnerte. Jetzt beruhige dich, Elsa. Reiß dich, verdammt noch mal, zusammen. Das Fahrrad schlingerte unter ihr, und ein stechender Schmerz pochte zwischen ihren Augen. Typische Kampf- oder Fluchtreaktion, würde Mascha jetzt sagen. Und dann in wieherndes Gelächter ausbrechen. Ein Stück weiter hielt Elsa am Straßenrand an. Instinktiv griff sie nach ihrer Wasserflasche im Rucksack. Genau wie der Rest der Welt wusste sie, dass die Katastrophe mit weit verbreitetem Durst begonnen hatte, und war im Laufe der Jahre paranoid geworden. Wie ihre Großmutter, dachte sie, die den Krieg überlebt hatte und danach immer darauf bedacht gewesen war, dass die Vorratskammer bis zum Bersten voll war mit Konservendosen und Getreide. Sie sah hoch in den bleiernen Himmel. Die Welt war verrückt geworden. Das Leben ging weiter. Ohne sich um die Gewalt zu scheren, deren Zeugin sie gerade geworden war. Und wenn man die Polizei mal brauchte, war natürlich weit und breit niemand in Sicht. Sie reihte sich wieder in den spärlichen Verkehr aus Autos und Lastwagen ein. Der Wald, der Wald. Fast da. 

Vielleicht sollte sie Mascha eine Nachricht schicken. Über den Toten. Oder nur für den Fall. Für welchen Fall? Sie bog rechts ab in eine schmalere Straße, und der Anblick der halb von einzelnen Wolken verdeckten Berge brachte eine Welle der Erleichterung mit sich. Es ging bergauf; normalerweise hätte sie die Steigung in den Waden gespürt, aber heute merkte sie nichts von der Anstrengung. Ein düsterer Gedanke: Vielleicht wäre Sterben gar nicht so schlimm, wenn es im Wald geschähe. Ihr Leichnam in Gelassenheit vermählt mit einem umgestürzten Baum, ein Festmahl für Bremsen und Wanderameisen. Oder auf einem Bett aus Zweigen, die Wangen gestreichelt von einem neugierigen Reh. Ihre letzten Atemzüge, nichts als Wohlbefinden. Umgeben vom Rascheln kleiner Blätter, unablässigem Vogelgezwitscher, feuchter Erde. 

Bald war sie völlig allein auf der Straße, und die Welt nahm wieder die ihr angemessene, wunderbare Größe an. Kein Lew Smidowytsch. Keine Polizei. Keine kontrollierte oder unkontrollierte Ausbreitung des Virus, keine angeblichen Biowaffen. Die Häuser an der Straße still wie immer. Kein Lebenszeichen, abgesehen von den ungeleerten Mülltonnen. Sie strampelte an Bäumen vorbei, die nur noch ein paar wenige bunte Blätter trugen – ein Abschiedsgruß. Eine letzte Anstrengung um eine sanfte Kurve, und die vertraute Lichtung lag vor ihr. Ihr Wald. Sie legte das Rad hin. Neben dem Zugang zum Wanderweg am Boden das alte Verbotsschild aus der Zeit, als die Wälder nicht betreten werden durften. Es hatte etwas mit Fledermäusen oder Zibetkatzen zu tun, die angeblich Krankheiten übertrugen – sie waren wahrscheinlich froh gewesen, dass sie in Ruhe gelassen wurden. 

Elsas gewohnter Spaziergang endete immer am Fuß des niedrigsten Hügels der Gegend. Hin und zurück etwas über zwei Stunden. Und die alten Wasserspender von früher am Weg funktionierten auch noch, wenn man ein wenig abenteuerlustig und nicht allzu zimperlich war. An einer verlassenen Hütte, die ehemals irgendeine Art von Grenzposten gewesen sein musste, machte sie meist kehrt. Graffitiverschmierte, von Kletterpflanzen überwucherte Wände, fast verschwunden hinter mannshohem Tigergras. Als sie die Hütte zum ersten Mal erforschte, versuchte sie sich vorzustellen, wie es wohl in der Vergangenheit dort ausgesehen haben mochte und was man mit ein paar Aufräumarbeiten daraus machen könnte. In einem der Räume stand ein leeres Regal. 

Wenn sie den Wald betrat, dachte sie jedes Mal an das Buch, das sie häufiger als jedes andere Buch im Leben gelesen hatte. „Die verlorenen Spuren“ von Alejo Carpentier. Die Reise einer Sisyphusfigur an die Grenzen der Zivilisation, der Zeit, der Geschichte, des Texts. Und was könnte dieser Nicht-Ort anderes sein als der Wald? Diesmal jedoch ging ihr das Buch nicht durch den Kopf, als ihre Haut sich an die kalte Luft gewöhnte, die zwischen den stets nassen Baumstümpfen, unter dem dichten Dach der Baumkronen herrschte. Tiefer im Wald erschienen zusammenhanglos Bilder vor ihrem inneren Auge. Ein Mann in der Ecke eines winzigen Raums. Ein überfüllter Supermarkt. Eine Gruppe schwer bewaffneter Männer, die ein Gebäude stürmt. Ein Paar tote, leere Augen. Jedes Mal versuchte sie, sich auf Baumwipfel in der Ferne oder ein Rascheln im Unterholz zu konzentrieren; der Wald half ihr, die ungebetenen Besucher zu vertreiben. 

Als sie sich der Hütte näherte, waren Bruchstücke einer Unterhaltung zu hören, die das endlose Crescendo der Frösche und Insekten, das laute Pfeifen und Heulen in der Ferne unterbrachen. Ihr wurde klar, dass die Stimmen von drinnen kamen. Sie konnte den Akzent nicht zuordnen, aber einzelne Worte waren zu verstehen. Instinktiv wollte Elsa kehrtmachen und wegrennen, aber sie merkte, wie ihre Füße trotzdem erste Schritte in Richtung der Hütte machten. Rechts, links, rechts. Sie kauerte sich unter ein Fenster. Die Grenzen sind immer noch geschlossen, sagte eine Stimme, aber so ein riesiges Waldgebiet können sie unmöglich bewachen. Schweigen. Hat denn niemand Hunger?, fragte jemand. Der dämliche Wald ist nachher immer noch da, aber ich verhungere gleich. Wieder Stille, dann Gelächter. Hände waschen!, rief eine andere Stimme. Elsa musste an ihr Lieblingsbuch denken. Ein müdes Lächeln, als sie sah, wie die Eichen ihr gegenüber von der untergehenden Sonne rot angestrahlt wurden. Ein Vogelschwarm stieß aus dem Himmel herab. Sie schlich so lautlos wie möglich davon und hatte sich gerade ein paar Schritte von der Hütte entfernt, als sie hörte, wie jemand ihren Namen rief.

Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger

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