Unerträglich nah

von Marijana Senjak

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Noch während die Granaten fielen, gründete die Kölner Gynäkologin Monika Hauser zusammen mit bosnischen Ärzten und Psychologinnen 1992 ein multiethnisches Therapiezentrum im zentralbosnischen Zenica, um kriegsvergewaltigte und gefolterte Frauen und Mädchen zu unterstützen. Über achtzig bosnische Fachfrauen arbeiten heute bei Medica Zenica, zu dem heute zwei Häuser in Zenica gehören und eine Beratungsstelle im vierzig Kilometer entfernten Visoko.

Medica Zenica ist mittlerweile zur zentralen Anlaufstelle für Frauen geworden, die im Krieg von Soldaten und Milizen vergewaltigt worden sind. Elf Jahre nach dem Krieg hat sich der Behandlungsschwerpunkt verschoben: Nicht mehr die akute Nothilfe steht nun im Mittelpunkt, sondern die Bewältigung der langfristigen Folgen. Zentral ist dabei die Reintegration der Frauen in die soziale Umgebung. Ein großer Schritt in diese Richtung wurde von der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina vollbracht. Ihr höchster Würdenträger, der Reis-ul-ulema, erließ eine Fatwa, in der der religiöse Aspekt und der Status der vergewaltigten Frauen eindeutig dargelegt und erläutert werden. Sie wurde an die Imame weitergeleitet, damit diese sie auf der Hutba während des Freitagsgebets verlesen. Die Männer wurden darin aufgefordert, Frauen und Mädchen, die während des Krieges vergewaltigt worden waren, zu akzeptieren.

Auf der weltlichen Seite wurde die Diskussion über Kriegsvergewaltigte durch den Film „Grbavica“ angestoßen, der auf der Berlinale 2006 den Goldenen Bären gewann. Jasmila Žbanic erzählt darin die Geschichte der alleinerziehenden Esma, die ihrer 12-jährigen Tochter Sara die ersehnte Teilnahme an einer Klassenfahrt ermöglichen will. Mit dem Nachweis, dass Saras Vater ein Kriegsheld war, würde sie eine Ermäßigung bekommen. Aber Esma versucht, das ganze Geld für den Ausflug alleine aufzutreiben. Denn Saras Vater war kein Kriegsheld, sondern ein Soldat, der Esma in einem Gefangenenlager vergewaltigt hat.

Das Therapiezentrum Medica Zenica spielt eine zentrale Rolle in „Grbavica“. Es wurden nicht nur einige Szenen vor Ort gedreht, ich war als Beraterin bei den Dreharbeiten tätig. Der Film wurde in der Presse kontrovers diskutiert und löste eine hitzige Diskussion über die Kriegsverbrechen aus. Zumindest wird nun über die Kriegsvergewaltigungen gesprochen. Doch bis die vergewaltigten Frauen in der Wahrnehmung ihrer Umgebung tatsächlich rehabilitiert sind, ist es nach wie vor ein weiter Weg. Die erste und zentrale Instanz für diese dringend notwendige Anerkennung sind die männlichen Partner der Frauen.

Über die Schwierigkeiten der Frauen, ihren Partnern von den Vergewaltigungen zu erzählen, berichtet Nura Babovic, eine erfahrene Therapeutin des Zentrums: „Mit einer Klientin habe ich drei Jahre lang gearbeitet. Sie hatte im Krieg ihren Mann verloren. Er wurde ermordet, während sie im Krankenhaus in den Wehen lag. Eine Zeit lang lebte sie im Therapiezentrum Medica, später dann war sie gemeinsam mit ihren Eltern in einem Flüchtlingslager untergebracht. Ich habe lange mit ihr an der Verarbeitung des Vergewaltigungstraumas und des Verlustes des Mannes gearbeitet. Als sie Medica verließ, war ihr Zustand stabil, sie fühlte sich wohl. Sie war glücklich, als sie ihren neuen Lebenspartner kennenlernte. Von der Vergewaltigung sagte sie ihm nichts. Beim ersten physischen Kontakt mit ihm kamen wieder all die traumatischen Bilder. Nicht nur, dass sie geschockt war über ihre eigene Reaktion. Auch ihr Partner war verletzt, er glaubte, sie liebe ihn nicht.

Wir haben die Therapiearbeit wieder aufgenommen. Trotz ihrer Verliebtheit in den Partner regte sich Widerstand gegen Berührungen (PTDS-Symptome) und Geschlechtsverkehr. Die Reaktion war jedes Mal die gleiche. Der Partner wollte wissen, was mit ihr los sei, und sie konnte nicht sagen, was ihr widerfahren war, aus Angst, er könnte sie verlassen. Im Laufe der Therapiearbeit haben wir Varianten durchgespielt, wie sie es ihm sagen könnte, und was sie alles durchmachen musste, denn die Probleme wurden immer komplizierter. Ihr Partner, der bereits ahnte, dass sie etwas Schweres erlebt haben musste, jedoch nicht wusste, was, zeigte letztlich, nachdem sie ihm ihre Geschichte erzählt hatte, vollstes Verständnis für sie und ihre traumatische Erfahrung.

Ich habe in der Therapiearbeit die Erfahrung gemacht, dass die meisten Klientinnen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, ihren Männern und Lebenspartnern noch immer nicht gestanden haben, dass sie vergewaltigt worden sind. Aber alle Klientinnen, mit denen ich gearbeitet habe und die über ihre erlebte Vergewaltigung gesprochen haben, sind von ihren Männern, Familien oder Lebenspartnern unterstützt worden.“

Darüber zu reden schafft Nähe und Verständnis. Nicht immer aber reicht das aus, um die Traumatisierung zu überwinden. Babovics Kollegin, die Therapeutin Mirha Pojskic fügt hinzu: „Im Laufe meiner Arbeit mit Frauen, die während des Krieges vergewaltigt worden sind, bin ich als deren Therapeutin häufig Zeugin unterschiedlicher Reaktionen ihrer Männer auf das, was ihnen widerfahren ist, gewesen. Diese Reaktionen hatten nichts mit dem gemein, was in westlichen Zeitungen, Artikeln oder gar Büchern geschrieben worden war dass der bosnische Ehemann und Mann bereit sei, seine Frau umzubringen, sobald er erfährt, dass sie vergewaltigt worden ist. Von mehreren Dutzend Männern, mit denen ich direkt oder indirekt (aus der Schilderung der Reaktion des Ehemannes durch die Frau) zu tun hatte, zeigte sich nur einer wütend auf seine Frau, als er erfuhr, dass diese vergewaltigt worden war.

Aber seine Wut auf die Frau hat ihre Ursachen und ist als Teil seiner eigenen Traumatisierung verständlich. Er war nämlich verprügelt und in ein Lager gebracht worden. Beim Wiedersehen mit der Familie erzählte ihm seine Schwester, was seiner Frau zugestoßen war, bevor diese selbst mit ihm reden konnte. Er war wütend auf seine Frau. Da sich seine Frau bereits vor seiner Rückkehr in Therapie begeben hatte, schlug ich ihr vor, ihren Mann zur nächsten Sitzung mitzubringen, was sie auch machte. Durch gemeinsame Therapiearbeit sowohl mit dem Mann als auch mit der Frau stellte sich heraus, dass er wütend auf sich selbst war, weil er weder sich selbst noch seine Familie vor diesem Unglück bewahren konnte. Während seiner Zeit im Lager hatte er davon geträumt, dass seine Familie in Sicherheit sei.

Unauslöschlich ist mir die Geschichte einer Frau im Gedächtnis geblieben, die während des Krieges vergewaltigt worden war und wenige Tage danach ihren Mann getroffen hatte. Bis dahin lebten sie auf dem Lande in einer harmonischen Ehe. Während sie, gemeinsam mit anderen Frauen aus diesem Dorf, vergewaltigt worden war, war ihr Mann an der Front, das heißt er verteidigte das Dorf. Als die Aggressoren das Dorf einnahmen, bekam seine Einheit den Befehl zum Rückzug. Einige Tage später trafen sie sich auf freiem Territorium, nachdem die Frauen und Kinder aus dem Dorf vertrieben worden waren. Sie erzählte mir: ‚Ich sagte ihm, ich sei vergewaltigt worden und sagte ihm, er könne nun mit mir machen, was er wolle, mich verprügeln oder verlassen.‘ Er schwieg daraufhin die ganze Nacht. Sie saßen in einem Zimmer, er atmete schwer, begann zu weinen. Er sagte ihr, sie habe keine Schuld daran und er sei weiterhin ihr Mann Später schwand aus dieser Ehe die Nähe sie konnte ihn nicht an sich heranlassen, er ließ seine Wut an den Kindern aus.

Ich kann mich nicht an viele Beispiele erinnern, in denen Ehemänner oder Lebenspartner und Frauen es geschafft hatten, das Trauma der Vergewaltigung der Frau zu überwinden, in denen sie sich nah waren wie zuvor nur einige wenige. Eine Vergewaltigung wirkt sich langfristig zumeist auf die Sexualität der Frau aus und damit unvermeidlich auch auf ihren Partner, wenn sie weiterhin Partner waren.“

Elf Jahre nach dem Ende des Krieges begegnen uns die langfristigen Folgen der Kriegsvergewaltigungen in den verschiedensten Formen. Sehr intensive Ängste, die einige Monate nach dem erlebten Trauma einer Vergewaltigung im Krieg auftraten, verwandelten sich im Verlauf der Jahre in spezifische Ängste: Angst vor Dunkelheit, Angst ins Freie zu gehen, Angst vor Bärten, Angst vor Uniformen. Die schwersten Folgen zeigten sich gerade im intimsten Lebensbereich, in der Sexualität und partnerschaftlichen Beziehung. Jeder Versuch von Geschlechtsverkehr mit dem Partner ruft bei der Frau, die während des Krieges vergewaltigt worden ist, Erinnerungen wach an die Vergewaltigung selbst. Daher vermeidet sie sexuelle Kontakte mit dem Partner, weicht ihm aus, stößt ihn physisch von sich. Nur selten reden Männer, die sich an der Therapie beteiligen, darüber, dass sie diese Ablehnung als größte Erniedrigung empfinden, die ihre Selbstachtung in Frage stellt. Eine solche Entwicklung der Beziehung zerstört langfristig die Nähe zwischen den Partnern. Die Therapiearbeit hat gezeigt, dass Frauen, die während des Krieges vergewaltigt worden sind, das Bedürfnis haben, die Wiederherstellung von Nähe zum Partner selbst zu kontrollieren.

Aus dem Bosnischen von Mirsad Maglajac und Synke Thoß
Zusammengestellt von Nasiha Šehic und Christoph Mayer



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