Ein Inselreich im Ozean

von Xavier Romero-Frías

Das Paradies der anderen (Ausgabe IV/2019)


Wann die ersten Siedler auf den kleinen Koralleninseln im Indischen Ozean, die heute Malediven heißen, eintrafen, ist unmöglich zu sagen. Von den kurzlebigen Behausungen, die sie sich wohl vor Tausenden von Jahren aus Holzstangen und Palmwedeln bauten, haben sich im tropischen Klima keine Spuren erhalten. Es waren zweifellos Fischer von den benachbarten Küsten. Der Name der nächstgelegenen Festlandregion, des heutigen indischen Bundesstaates Kerala, leitet sich von der Kokospalme ab, und nach den frühesten maledivischen Legenden waren die Menschen auf den weit verstreuten Atollen der Inselgruppe dem Tod geweiht, bis es dort Kokospalmen gab. Beides kommt nicht von ungefähr.

Die Kokospalme gedeiht auf den sandigen Böden der Malediven prächtig und kommt mit dem Salzwasser gut zurecht. Als wichtige Nahrungsquelle machte sie das Leben auf dem Archipel erst möglich. Die beiden anderen Lebensgrundlagen der ersten Malediver waren Fischfang und Handel. Sie bauten Fischerboote und größere Schiffe für den Handel mit den Nachbarregionen auf dem Festland. Die solide gearbeiteten Boote der Malediver sind robust und grazil und gehören zum Edelsten, was in Asien zu Wasser gelassen wird. Schon früh spezialisierten die Malediver sich auf den Thunfischfang und trieben ihn zur Perfektion. Ein Teil der Ausbeute wurde getrocknet, als „Maldive Fish“ eingemacht und auf dem Festland gegen Güter getauscht, die es auf ihren kleinen und flachen Koralleninseln nicht gab.

Die Monarchie spielte eine zentrale Rolle in der maledivischen Geschichte. Über Jahrhunderte wurden die Inseln von Königen und Königinnen regiert, die von Malé aus – seit über tausend Jahren die Haupt- und Residenzinsel – ihre Macht bis in den letzten Winkel des Archipels ausdehnten. Begünstigt durch diese starke und zentralisierte Monarchie, dürfte der Buddhismus auf den Malediven in der Zeit Fuß gefasst haben, als der indische Kaiser Ashoka vor etwa 2.300 Jahren die Lehre des Buddha in ganz Südasien und darüber hinaus verbreitete. An historischen Belegen hierfür mangelt es allerdings.

Die maledivischen Seefahrer blieben fest in ihrer Heimat verwurzelt und verspürten nicht den Drang, ferne Territorien zu besiedeln

Die Malediven waren die einzige ozeanische Zivilisation im zentralen Indischen Ozean, aber im Unterschied etwa zur polynesischen Kultur expandierten die Malediver nicht auf die verstreuten Inseln und Archipele im Osten, Süden und Südwesten. Zwar verirrten ihre Handelsschiffe sich gelegentlich zu den Andamanen, zum Chagos-Archipel und auf die Seychellen – die beiden Letzteren waren damals noch unbewohnt – aber waren stets bemüht, wieder in die Heimat zurückzukehren. Die maledivischen Seefahrer blieben fest in ihrer Heimat verwurzelt und verspürten nicht den Drang, ferne Territorien zu besiedeln.

Auf etlichen Inseln der Atollkette stießen Archäologen auf imposante Relikte buddhistischer Klöster und Stupas, der Reliquienschreine. Die meisten buddhistischen Ruinen sind weithin sichtbar, weil sie sich auf kleinen Hügeln oder Aufschüttungen über die flache Insellandschaft erheben. Die maledivischen Stupas wurden aus Korallenblöcken errichtet und sind damit weltweit ein Unikum.

Als Monarchie wahrte die maledivische Nation sowohl während der buddhistischen Ära als auch nach der Bekehrung zum Islam im 12. Jahrhundert fast durchgehend ihre Unabhängigkeit. Obwohl das Inselreich so klein war und gelegentlich von südindischen Nachbarn drangsaliert wurde, blieb es eigenständig.

Im Zuge der Bekehrung zum Islam wurden buddhistische Stätten und Statuen verwüstet oder zerstört. Die Überreste wurden rasch vom tropischen Dschungel überwuchert. Manche dieser buddhistischen Ruinen warten noch darauf, ausgegraben zu werden, während andere in jüngerer Zeit verschiedenen Bau- und Erschließungsvorhaben zum Opfer fielen.

Über die maledivische Geschichte des 12. bis 15. Jahrhunderts ist wenig bekannt. Die wenigen Zeugnisse über diesen Zeitraum, etwa eine Herrscherliste, entstanden erst viel später. Ausführlichere historische Aufzeichnungen sind erst aus der Zeit überliefert, in der die Europäer begannen, ihre Präsenz im Indischen Ozean auszubauen.

Die maledivische Überlieferung berichtet von Konflikten mit den Portugiesen im 16. Jahrhundert, aber in portugiesischen Quellen findet sich darüber nichts. 1602 lief ein französisches Schiff an einem Riff in den nördlichen Malediven auf Grund. An Bord war auch ein französischer Adeliger, François Pyrard de Laval, der am Königshof in Malé Aufnahme fand. Er brachte seine Erlebnisse zu Papier und hinterließ damit ein wertvolles Dokument über das Leben der Adligen. Später gab es auch Kontakte mit Niederländern, die auf den Malediven Kaurischnecken einkauften – in früheren Jahrhunderten ein kostbares Handelsgut.

Im 19. Jahrhundert fielen die Teile Asiens, die den Malediven am nächsten lagen, unter britische Herrschaft: Südindien und das damalige Ceylon. In dieser Zeit ersuchte der König der Inselgruppe die britische Krone um militärischen Schutz. Auf diese Weise wurden die Malediven zum britischen Protektorat. Erstmals schickten, ohne den Widerspruch der einheimischen religiösen Führer, die Familien der Elite ihre Kinder nach Colombo auf Sri Lanka, um ihnen dort eine moderne Ausbildung angedeihen zu lassen. Das britische Protektorat endete erst 1965, knapp zwei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeitserklärung des benachbarten Indien. Etwa zur gleichen Zeit wurde auch die Monarchie abgeschafft. Der Königspalast in Malé wurde ebenso zerstört wie die malerischen Befestigungsanlagen rund um die Insel. Die alten Verwaltungsstrukturen aus monarchischer Zeit hingegen blieben auch in der Republik bestehen.

Der Tourismus erreichte die Malediven relativ spät. Kurioserweise riet eine UN-Entwicklungskommission bei einem Besuch der Malediven in den 1960er-Jahren davon ab, den Tourismus auf den Malediven zu fördern, weil das Wetter dort nicht ideal sei. Dennoch wurden in den 1970er-Jahren die ersten Resorts eröffnet und waren auf Anhieb ein Erfolg. Ein Jahrzehnt später baute man den Flughafen in Hulule aus, zahlreiche neue Resorts entstanden. In den 1980er-Jahren wuchs die Tourismusbranche rasant. Der Lebensstandard auf den Inseln stieg, und erstmals kamen ausländische Arbeiter vor allem aus Bangladesch auf die Malediven. Die Straßen der Hauptstadt wurden gepflastert und die meisten bewohnten Inseln des Archipels erhielten eine eigene Stromversorgung. Mit dem Entwicklungsschub handelten die Inseln sich allerdings auch Probleme mit der Abfallentsorgung ein.

Ein Großteil des kulturellen Erbes aus der Frühzeit der Malediven wurde über Nacht vernichtet

In den 1990er-Jahren versetzten junge Malediver, die in Ländern wie Saudi-Arabien eine religiöse Ausbildung genossen hatten und in ihre Heimat zurückgekehrt waren,  dem tief verwurzelten paternalistischen Regierungssystem einen schweren Schlag. Sie bildeten salafistische Gruppierungen und stellten das altbewährte Prinzip infrage, dass das gesamte religiöse Leben vom Staat kontrolliert werden müsse. Zugleich forderten immer mehr Malediver ein moderneres, demokratischeres und freiheitlicheres System. Einen Höhepunkt erreichten die religiöse Zwietracht und die Instrumentalisierung der Glaubenslehre 2012 mit dem Sturz des ersten demokratisch gewählten Staatspräsidenten Mohamed Nasheed. Bei den Unruhen drangen Randalierer in das Nationalmuseum in Malé ein und zerstörten fast alle buddhistischen Ausstellungsstücke. Ein Großteil des kulturellen Erbes aus der Frühzeit der Malediven wurde über Nacht vernichtet. Die für die Zerstörung Verantwortlichen standen offenbar unter Schutz und wurden nie strafrechtlich verfolgt. In den Folgejahren tilgte das Museum alle Hinweise auf die buddhistische Phase der maledivischen Geschichte. Selbst in neueren Reiseführern und Broschüren wird möglichst nicht erwähnt, dass es diese Phase überhaupt gab.

Um die Jahrtausendwende wurden groß angelegte Landgewinnungsprojekte in Angriff genommen, Lagunen zugeschüttet und Inseln vergrößert. Auf abgelegenen Atollen entstanden touristische Einrichtungen und auf vielen Inseln des Archipels kleine Flugplätze. Damit wurden manche Landesteile, die für Urlaubshungrige bislang kaum erreichbar waren, für den Massentourismus erschlossen.

aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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