„Kein Zugang zur eigenen Kultur“

ein Interview mit Chelsea Winstanley

Schuld (Ausgabe II/2019)


Frau Winstanley, der von Ihnen produzierte Film „Merata: How Mum Decolonized the Screen“ stellt Merata Mita vor, die erste Maori-Filmemacherin Neuseelands. Muss die Leinwand entkolonisiert werden?

Ich komme aus einem Land, das kolonisiert wurde. Kolonisierung bedeutet, dass eine Kultur vollständig an die Kultur der Kolonialmacht angepasst wird und alles, was davor existierte, verdrängt und abgewertet wird. Um die Leinwand zu dekolonisieren, muss überhaupt erst Raum geschaffen werden für Maoris im Film. Merata Mita war vor dreißig Jahren nicht nur die erste Frau, sie war auch die erste Maori, die einen Film für das Kino schuf. Es braucht junge Maori-Filmschaffende, die sicherstellen, dass die Geschichte auch aus ihrer Perspektive erzählt wird.

Sie wuchsen in einer gemischten Familie von Maori und Pakeha, den weißen Neuseeländern, auf. Beeinflusst dieser Hintergrund Ihr Filmschaffen?

Durch meinen familiären Hintergrund habe ich die schuldige und die schuldfreie Seite in mir. Schuld treibt an und ist damit ein guter Ausgangspunkt für sozialpolitische Filme.

Wie haben Sie das Thema Schuld in Ihren Filmen genutzt?

Ich liebe meine Maori-Großmutter sehr. Sie war eine starke Raucherin. Maori-Frauen sind die soziale Gruppe mit dem höchsten Anteil von Rauchern im ganzen Land! Darüber habe ich einen Dokumentarfilm gemacht. In der Psychotherapie wird Rauchen oft mit Trauer verknüpft. Für mich ist das ein interessanter Zugang, denn die neuseeländische Kolonialzeit hat viel Trauer und generationenübergreifende Traumata verursacht. Die sozioökonomischen Faktoren zeigen auch heute noch, dass wir Maoris benachteiligt sind: schreckliche Gesundheitsstatistiken, Diskriminierung bei der Wohnungssuche und auf dem Arbeitsmarkt, hohe Zahlen an Maori-Gefängnisinsassen, Armut. Ganz egal, wo man hinschaut:  Maoris sind immer ganz unten. Das sorgt für Trauer und Scham.

Sie hatten teil daran, dass der Disney-Film „Moana“ in die Sprache Te Reo Maori synchronisiert wurde. Welche Bedeutung hat die Sprache für Sie?

Wer seine Sprache verliert, hat keinen vollen Zugang mehr zu seiner Kultur. Das ist eine der traurigsten Folgen der Kolonialgeschichte: Te Reo Maori wurde beinahe ausgelöscht. Meine Großmutter wurde geschlagen, wenn sie in der Schule ihre Muttersprache gesprochen hat. Darum hat sie es meiner Mutter nie beigebracht. Erst in den 1980er-Jahren wurde Te Reo Maori von der Regierung als Sprache anerkannt! Langsam ändert sich die Situation. Immer mehr Kinder wollen die Sprache lernen, aber es gibt kaum Lehrer. Darum war es mir so wichtig, auch populäre Filme wie „Moana“ auf Te Reo Maori  in die Kinos zu bringen.

Inwieweit kann Film ein Medium sein, um die koloniale Vergangenheit und ihre Auswirkungen zu thematisieren?

Die Kolonisierung geschah nicht einfach über Nacht. Es dauerte mehrere Generationen. Darum wird es auch viel Zeit kosten, um aus der Dunkelheit herauszukommen. Die Regisseurin Merata Mita hat immer von drei Phasen des Filmschaffens gesprochen: Die erste Stufe bedeutet, dass wir als Maoris zu Maoris sprechen müssen. Wir müssen verstehen, was der Prozess der Kolonisierung uns angetan hat. Warum wir so hohe Raten von psychischen Erkrankungen haben oder warum die Selbstmordrate bei jungen Maori-Männern wächst. Wir können nicht einfach so tun, als ob diese Probleme nicht existieren. Die zweite Phase bedeutet, mit den Kolonisatoren zu sprechen und sie darüber aufzuklären, was passiert ist. Vielleicht ist das die Phase, aus der wir gerade herauskommen. Die nächste Phase sollte sein, dass wir all die großartigen Aspekte unserer Kultur feiern und versuchen, die Trauer hinter uns zu lassen. Wir sollten anfangen, auch heitere Geschichten zu erzählen. Feiert unsere Geschichten! Wir Maoris sind eigentlich sehr lustig.

ein Interview von Gundula Haage



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