Einmal rund ums Meer

von Jens Mühling

Schuld (Ausgabe II/2019)


Eines Tages, auf dem Weg zum Flughafen, betritt Wassili Golowanow in einer Moskauer U-Bahn-Station eine Rolltreppe, im Herzen „Leere angesichts des Unbekannten“, weil jene Treppenfahrt ihm plötzlich wie der „Anfang eines vor mir liegenden endlosen Weges“ erscheint. So beschreibt es der russische Schriftsteller in den ersten Zeilen seiner Reiseerzählung „Das Buch vom Kaspischen Meer“, die mit 1071 Seiten zwar nicht end-, aber doch recht uferlos geraten ist.

Sein in Moskau begonnener Weg wird Golowanow im Lauf mehrerer Jahre rund um das eurasische Binnengewässer führen, das streng genommen kein Meer, sondern ein Salzsee ist, der größte der Erde. Beginnend an dessen Westufer, in der Ölmetropole Baku, umrundet Golowanow den Kaspisee im Uhrzeigersinn, in mehreren, von Pausen unterbrochenen Etappen, die ihn durch Aserbaidschan, die russische Kaukasusrepublik Dagestan, das Mündungsgebiet der Wolga, die Steppen Kasachstans und den nördlichen Iran führen. Von den fünf Anrainerstaaten des Sees bereist er damit immerhin vier: Das politisch abgeschottete Turkmenistan lässt er aus.

Golowanow begreift den Kaspisee dabei als Mittel- und Berührungspunkt äußerst gegensätzlicher Kulturräume. „Die Nomadenzivilisationen der Steppe“, schreibt er, „sind etwas vollkommen anderes als die im Boden, im Stein verwurzelte Kultur der Bergvölker, die wiederum mit ihrer Askese und Geschlossenheit in nichts zu vergleichen ist mit dem imperialen, ausgreifenden, strukturierenden Konzept Russlands oder Irans.“ Den geografisch-zivilisatorischen Bruchlinien gesellen sich religiöse und weltanschauliche hinzu: An den Seeufern begegnen sich slawische Christen, turksprachige und persische Muslime, kalmückische Buddhisten und die Erben zoroastrischer Kulte, deren Glaubenswelten im Lauf der bewegten kaspischen Geschichte mit den Revolutionsprojekten der Bolschewisten und Ajatollahs kollidierten.

Obwohl weitgehend im Reportagestil gehalten, hat das Buch wenig vom „travel writing“ klassischer Reiseschriftsteller wie Patrick Leigh Fermor oder Bruce Chatwin, deren dichte, konzentrierte Prosa bis heute genreprägend ist. Golowanow bemüht sich dagegen nicht um Pointierung, sondern ist vorsätzlich weitschweifig: Er lässt nichts weg, sucht noch im belanglosesten Detail nach Bedeutung, kommt philosophierend vom einen aufs andere, kurz, er knüpft reisend und schreibend „ein Spinnennetz aus Sinngehalten, in dem alles miteinander in Beziehung steht“, wie er es an einer Stelle ausdrückt. Man erfährt dabei auch vieles über Golowanow selbst: über sein Liebesleben und seine heutige Frau Olga, der er zwischen zwei Kaspi-Etappen einen plötzlichen Antrag macht.

Auch an den zahlreichen selbst verschuldeten Fehlschlägen seiner Reisen lässt Golowanow den Leser ausführlich teilhaben, entwaffnend unmaskiert, die eigene Dusseligkeit nicht verhehlend. Golowanow kann einem mit seiner überbordenden Geschwätzigkeit auf die Nerven gehen. Doch so schwer man in sein anfangs etwas unfokussiert wirkendes Buch hineinfindet, so ungern klappt man es am Ende wieder zu, weil einem der Erzähler irgendwann doch sehr sympathisch wird. Wie ein stolpernder Herodot wurstelt sich Golowanow durch den kaspischen Raum, nicht der gewiefteste Reisende vielleicht, sicher nicht der tapferste, aber ein hochgradig origineller.

Seine größten Qualitäten entfaltet das hervorragend übersetzte Buch im zweiten Teil, den „Historischen Abstechern“, in denen Golowanow den Reportagemodus aufgibt und sich essayistisch durch die kaspische Geschichte wühlt. Er gießt dem Leser ein Füllhorn exotischer Historien vor die Füße: Am Vorabend der Russischen Revolution übersetzt der futuristische Dichter Welimir Chlebnikow die Naturklänge des Wolga-Deltas in eine lyrische Sprache, ähnlich wie es im Mittelalter der persische Poet Fariduddin Attar mit den Vogelstimmen der gegenüberliegenden Küstenregionen tat; im 17. Jahrhundert macht der Kosake Stenka Rasin mit seinen Freibeutern erst den Kaspisee und dann halb Russland unsicher, was später Katharina die Große dazu veranlasst, die Nomaden der südrussischen Steppen zu unterwerfen; etwas früher träumt Peter der Große davon, den Engländern Indien abzujagen, womit das russisch-britische „Great Game“ um die Vorherrschaft in Zentralasien seinen Lauf nimmt; im frühen Mittelalter gründen die nomadischen Chasaren ein jüdisches Großreich; Alexander der Große verirrt sich in Asien; die Ismailiten erheben sich gegen die Seldschuken; Zarathustra mutiert vom historischen Religionsgründer zum Übermenschen nietzscheanischer und später faschistischer Auslegung.

Golowanow opfert in diesen Geschichtsminiaturen zwar die historische Schärfe gerne dem philosophischen Weitblick, auch dehnt er den kaspischen Raum hier mitunter bis zur Beliebigkeit aus. Der Originalität seiner Beobachtungen tut das aber wenig Abbruch. Mit einem an Borges erinnernden Blick für ideengeschichtliche Paradoxien und Spiegeleffekte pflügt sich Golowanow durch die Jahrtausende, und es schwirrt einem beim Lesen oft berauscht der Kopf in diesen labyrinthischen Geschichtsdekonstruktionen.

Ein Meer besteht aus sehr viel Wasser – je mehr, desto Meer, wenn man so will. Ähnlich ist es mit diesem monumentalen Buch, dessen Erzählstrategie einer Überschwemmung gleicht.

Das Buch vom Kaspischen Meer. Von Wassili Golowanow, übersetzt von Valerie Engler und Eveline Passet. Matthes?&?Seitz, Berlin, 2019.



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