Tief im Bauch des Berges

von Germán Bustinza Chura

Oben (Ausgabe I/2019)


La Rinconada gilt als die höchste Stadt der Welt. Auf 5.100 Metern über dem Meeresspiegel ist die peruanischen Andenstadt mit ihrem rauen, kalten Klima ein äußerst unwirtlicher Ort. Fast  40.000 Menschen leben hier. Die letzten zwanzig Kilometer der Straße in die Stadt bestehen aus einer Schotterpiste. Zu beiden Seiten des Wegs stapelt sich der Müll auf einer wilden Deponie, die einen scharfen Kontrast zu den weißen Gipfeln der Gletscherberge bildet.

Anfang der 1990er-Jahre begann der Run auf die Kleinstadt in der Nähe der Goldmine. Getrieben von der Wirtschaftskrise in Peru suchten vor allem jungen Männer aus den umliegenden Provinzen in der Mine ihr Glück. Doch trotz des Reichtums an Edelmetallen im Boden sind die Lebensbedingungen in La Rinconada prekär. Die Einwohner im Viertel Cerro Lunar haben weder fließendes Trinkwasser noch ein Abwassersystem. Auch Heizungen gibt es in den Häusern aus Backstein mit Wellblechdächern nicht. Vor den niedrigen Temperaturen schützt sie nur ihre Kleidung. Den Abfall werfen sie direkt auf die Straße, was die Gefahr von Epidemien steigert.

Schätzungsweise 5.000 Arbeiter fahren jeden Tag in die Mine ein, die direkt unter dem Gletscher des 5.852 Meter hohen Ananea-Massivs liegt. Die meisten Bergleute arbeiten für kleinere Unternehmen, die von der Bergbaugesellschaft Corporación Minera Ananea die Förderlizenz für einzelne Stollen erhalten. Der Kumpel Emilio Bellido Chura erzählt: „Die Arbeiter bekommen als Entlohung für ihre Arbeit alle zwei Wochen das Recht ›cachorreo‹ zu machen. Das heißt, sie dürfen eine Schicht lang alles, was sie an metallhaltigem Gestein finden und mit eigenen Händen heraustragen können, behalten.“ Oft fänden die Bergleute kaum etwas, die wenigen Goldklümpchen reichten gerade zum Überleben, manche hätten aber auch Glück und schafften kiloweise goldhaltiges Gestein ans Tageslicht. Doch immer wieder brechen Gänge ein oder lösen sich Gerölllawinen. „Jeden Tag“, erzählt Emilio Bellido Chura, „sterben hier zwei oder drei Kumpel, erdrückt von den Gesteinsmassen.“

Die Stadt ist aber auch aus anderen Gründen gefährlich: Überfälle und Diebstähle sind an der Tagesordnung. Geschlechtskrankheiten sind weit verbreitet – aufgrund der vielen Bordelle in der Stadt, in denen die Bergleute ihre Einnahmen schnell wieder ausgeben. Fotografieren lassen will sich hier niemand, die Menschen sind misstrauisch oder haben Angst vor der täglichen Gewalt.

Auch die Gewinnung des Golds ist äußerst gesundheitsschädlich: Das erzhaltige Gestein wird erst fein gemahlen, dann wird der Goldstaub mithilfe von Quecksilber und Wasser zu Amalgam gebunden. Durch Erhitzen wird das Gold abgetrennt. Dabei verdampft das Quecksilber, setzt sich als Film auf dem Gletscher ab und gelangt so ins Trinkwasser.

Auch wenn sich niemand um Umweltauflagen schert, wird eine Regel strikt befolgt: Frauen dürfen nicht in die Stollen. Die Kumpel sagen, der Berg sei sehr eifersüchtig. Und dass das Gold verschwinden würde, wenn die Frauen in den Berg gingen. Vor der Mine trifft man dennoch auf viele Frauen, die mit ihren Männern in die Stadt gekommen sind und nun mit Hämmern auf den Abraumhalden nach winzigen Goldresten suchen.

Lange wird der schmutzige Boom in La Rinconada nicht mehr dauern, sagt Wilder Muñoz. Er arbeitet für den Radiosender Sureña F.?M. Schon jetzt sei der Berg von vielen Stollen durchlöchert. Er befürchtet, dass er irgendwann in sich zusammensackt und Tausende von Bergarbeitern unter sich erdrückt. Spätens wenn sich die Lagerstätten erschöpfen, werden die Menschen weiterziehen und eine verseuchte Landschaft zurücklassen.

aus dem Spanischen von Timo Berger



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