Überlassen wir es den Frauen

Robert Engelman

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Ob wir zu viele auf diesem Planeten sind, diese Frage, die immer öfter zu hören ist, lässt sich nicht leicht beantworten. Beweisen lässt sich, dass wir die Atmosphäre durch die ganze Last unseres Daseins, unseres Verhaltens und unserer Technologien mit Gasen anreichern, die Erderwärmung und die Versauerung der Meere verursachen. Ebenso sicher verdrängt die Menschheit andere Arten – unsere einzigen bekannten Gefährten im Universum. Die Wasserpegel der Flüsse und Seen sowie der Grundwasserspiegel im Boden sinken von China bis in die USA. Die Hälfte aller einmal vorhandenen Wälder der Erde ist verschwunden und die meisten Fischbestände nehmen so rapide ab, dass manche Wissenschaftler ihr Ende schon für das Jahr 2050 prognostizieren. Das alles legt nahe, dass wir und die Welt besser dran wären, wenn die Bevölkerungszahl auf dem Stand geblieben wäre, das Demografen für die frühe Neuzeit annehmen: 300 Millionen Seelen. Unsere gegenwärtige Größe von sieben Milliarden Menschen beeinflusst mehr als jeder andere Faktor das Netz unserer ökologischen und klimatischen Bredouille. Wenn wir uns auf weniger als fünf Prozent der heutigen Weltbevölkerung gehalten hätten, könnten wir immer noch Bäume als Brennstoff benutzen und müssten nicht Kohle ausgraben, die in Vorzeiten in der Erdkruste eingelagert wurde. Wir hätten es uns leisten können, viele der wilden Ökosysteme der Erde unberührt zu lassen und damit intakt für andere Arten. Wasserknappheit und Ressourcenkollaps wären nur isolierte lokale Probleme.

Auf jeden, der diese Sicht teilt, kommen mindestens zwei, die das ganz anders sehen. Hätten wir heute behagliche Häuser, schnelle Verkehrsmittel, Essen aus dem Supermarkt, Filme, Musikaufnahmen, Diskotheken, Computer oder Mobiltelefone – und alles erschwinglich für viele Hundertmillionen Menschen –, wenn wir nicht so stark angewachsen wären? Wahrscheinlich nicht, denn Stress durch Bevölkerungswachstum stimuliert Innovationen, auch jene im Gesundheitsbereich und der Nahrungsmittelproduktion, und verbessert so Überlebenschancen, verlängert Lebensspannen und führt schließlich zu noch mehr Bevölkerungswachstum. Die Frage, ob wir zu viele sind, verlangt weniger das Eintauchen in Wissenschaft – denn Wissenschaft kann sie niemals lösen –, sondern in das eigene subjektive Empfinden. Wie werten wir die menschlichen Errungenschaften und die Annehmlichkeiten der Gegenwart im Angesicht der Gefahren, die unser Handeln künftigen Generationen aufbürdet?

Was Wissenschaft kann, ist: auszurechnen, welche Belastung ein Weiterwachsen verursacht und welchen Nutzen es bringt, wenn es bald auf einem Niveau stoppt, das nicht viel höher liegt als heute. Wenn die Weltbevölkerung um 2050 einen Höchststand von acht Milliarden Menschen erreicht statt den von Demografen hochgerechneten neun Milliarden, würde das die Kurve künftiger Treibhausgasemissionen sehr viel wirkungsvoller nach unten drücken als das sofortige Beenden sämtlicher Abholzungen oder die Halbierung des Kraftstoffverbrauchs des gesamten Fuhrparks der Welt. Und die Einsparung von Emissionen würde weitergehen, denn von da an würde die Weltbevölkerung wieder allmählich schrumpfen. Und wenn sich die Pro-Kopf-Emissionen weltweit gleichmäßiger verteilten – eine notwendige Bedingung für jede tragfähige globale Einigung über den Klimawandel –, dann bedeutet eine kleinere Bevölkerung im Schnitt mehr Platz in der Atmosphäre für die Emissionen eines jeden Einzelnen. Schließlich würde eine kleinere Weltbevölkerung nicht nur hilfreich sein, um Treibhausgase zu reduzieren, sondern auch um Wasser zu sparen, den Artenreichtum zu erhalten, die Wälder zu schützen wie auch den Fischbestand in den Meeren.

Was wären dagegen die Kosten eines Bevölkerungsrückgangs, so wie ihn Deutschland, Japan, Russland und einige andere Wirtschaftsnationen bereits erleben? Abnehmende Bevölkerungen sind so gut wie zwangsläufig alternde Bevölkerungen, und das bringt soziale und ökonomische Herausforderungen mit sich. Manche Analysten tendieren dazu, diesen Nachteil überzubewerten. Eine Studie von Autoren des International Institute for Applied Systems Analysis in Laxenberg bei Wien kam kürzlich zu dem Schluss, dass die 50- bis 60-Jährigen heute gesünder sind als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Sie sind imstande, die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu füllen, die in einer alternden Gesellschaft entstehen, besonders, wenn man die Frauen voll teilhaben lässt und den Arbeitsmarkt auch für ausländische Kräfte öffnet. Ist es also möglich, alternative wirtschaftliche Modelle zu erdenken und zu entwickeln, die eine Anpassung an alternde Gesellschaften erlauben? Sie sind doch vor allem ein Nebenprodukt der längeren Lebenserwartung und der kleineren Familien, die sich Paare wünschen. Gibt es andererseits ein alternatives Klima oder eine alternative Erde, die man finden könnte, wenn unsere katastrophal zerstört ist? Die Antwort liegt auf der Hand.

Was ist dann eine verantwortungsvolle Handlungsoption? Zunächst sollte man den sinnlosen Debatten über eine optimale Bevölkerungsgröße und darüber, ob Konsum oder Überbevölkerung das „echte“ Problem hinter Klimawandel und Ressourcenschwund sind, weniger Aufmerksamkeit schenken und sich stattdessen lieber den vielfältigen und katalytischen Nutzen einer Weltbevölkerung vergegenwärtigen, die nur langsam wächst, dann früher den Gipfel der Kurve erreicht und allmählich wieder schrumpft. Nicht nur werden Emissionen und der globale Konsum ähnliche Verläufe nehmen, auch werden Völker, die besonders von Klimafolgen betroffen sind, eher in der Lage sein, sich den klimatischen und ökologischen Veränderungen anzupassen, die wir jetzt schon nicht mehr verhindern können. Zweitens sollte man sich den positiven Effekt auf unsere gesamte ökologische Notlage bewusst machen. Es braucht Zeit, bis das Bevölkerungswachstum sich merkbar abschwächt, deshalb wird der Verbrauch von Ressourcen zunächst nur langsam zurückgehen, aber später werden die Einsparungen beträchtlich sein und weiter zunehmen, wenn die Bevölkerung weiter abnimmt. Den technologischen Fortschritt anzukurbeln, wird allein nicht ausreichen, um unsere Ressourcenprobleme zu lösen. Als ergänzenden Verbündeten im Kampf um Nachhaltigkeit brauchen wir ein menschenwürdig verlangsamtes und schließlich umschlagendes Bevölkerungswachstum. Das ist für diese endliche Welt überlebenswichtig. Kein Baum wächst bis in den Himmel und keine Bevölkerung kann größer und größer werden.
Schließlich sollten Ethik und universale menschliche Werte unser Handeln bestimmen. Das ist viel einfacher, als viele denken. Das Konzept einer „Bevölkerungskontrolle“ wird niemals eine breite öffentliche Unterstützung erfahren. Stattdessen wäre das Gegenteil dienlich: die Aufhebung von Kontrolle über das reproduktive Verhalten. Die Einflussnahme auf den weiblichen Körper muss aufhören, damit Frauen nicht gegen ihre Intention und manchmal sogar gegen ihren Willen Kinder gebären. Nach Hochrechnungen sind über 40 Prozent aller Schwangerschaften weltweit ungewollt. Erstaunlicherweise sind es in den entwickelten Ländern fast 50 Prozent, so auch in den USA, dem Land mit der größten individuellen Umweltbelastung der Welt. Stellen wir uns eine Welt vor, in der alle Geburten auf dem Einverständnis eines Paars, ein Kind aufzuziehen, beruhten. Wie viele Geburten gäbe es dann und wie schnell würde die Bevölkerung wachsen? Wenn es Möglichkeiten gibt, Sexualität vom Risiko der Schwangerschaft loszulösen, dann sinken die Geburtenraten – diese Erfahrung teilen alle entwickelten Länder und manche andere. Die Kultur der Reproduktion ist vielfältig und kompliziert und nicht alles, was Europa vorgemacht hat, mag für alle unterentwickelten Länder anwendbar sein. Doch einige Länder wie zum Beispiel Iran, Chile, Thailand und sogar Südafrika haben bereits Geburtenraten nahe am oder unterhalb des Bevölkerungserhalts. Was Frauen sich wünschen, sind nicht so sehr mehr Kinder als mehr für jene Kinder, die sie bereits haben – im Besonderen eine gesündere und stabilere Welt. Um eine solche Welt zu schaffen, müssen wir nicht wissen, ob wir schon zu viele sind. Das Wichtigste ist, die Frauen darin zu unterstützen, dass sich ihr Wunsch nach selbstbestimmten Entscheidungen im Leben – die Wahl, ob sie Kinder möchten oder nicht, eingeschlossen – erfüllt.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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