Eine Stadt steht still

von Juan Álvarez

Nonstop (Ausgabe III/2019)


Ende der 1980er-Jahre bestand das Leben eines Zehnjährigen in Bogotá vornehmlich darin, sich von seinen Eltern herumkommandieren zu lassen. Die Befehle waren meist die üblichen: »Komm nicht zu spät nach Hause« und »Lauf nicht zu weit weg«. Zu den rätselhafteren und strengeren Verboten gehörte derweil eines, das besonders oft von meiner Mutter ausgesprochen wurde: »Geh auf gar keinen Fall zur Caracas!«

Doch so wie es die DNA vorpubertärer Rotzlöffel verlangt, kam natürlich irgendwann die Neugier durch und damit auch der Tag, an dem ich die Regeln brach. Auf leisen Sohlen schlich ich mich zur sagenumwobenen Caracas, jener 37 Kilometer langen Verkehrsschlagader, die sich am Fuße der »Hügel« (ein kolumbianischer Euphemismus für die Ausläufer der Anden) von Nord nach Süd schlängelt, bevor sie auf Höhe der Calle 80 zur »Autopista Norte« wird.

Ich erinnere mich noch genau an das Bild, das sich mir damals bot, ein Bild wie ein erster bitterer Vorgeschmack auf das chaotische Land, in das ich hineingeboren worden war: Die Busse waren Schrotthaufen auf Rädern und wechselten im Zickzack zwischen den Fahrspuren wie hungrige, nervöse Fliegen. Die Bäume waren Zwerge, nicht etwa, weil sie jung und frisch gepflanzt worden waren, sondern weil sie in den giftigen Abgasen erstickten und sich zusammenkrümmten. Und die Autos folgten so dicht aufeinander, dass sie sich gegenseitig zu zerquetschen drohten.

Ich sah Menschen weinen. Ich sah Menschen, die sich auf Elektrogrills im offenen Kofferraum ihr Mittagessen brieten. Ich sah Pärchen, die vor roten Ampeln standen, wild hinter dem Lenkrad gestikulierten und sich, so stellte ich es mir vor, zwanzig Ampeln später scheiden ließen.

Bis heute hat sich dieser Anblick kaum verändert. Die Caracas tobt noch immer, denn sie ist nicht zuletzt auch das Sinnbild des Durchschnittsbürgers Bogotás; jener Spezies, die in den lokalen Metrobus namens »TransMilenio« steigt, bevor die, die rauswollen, aussteigen können. Jener Spezies, die Autos kauft wie T-Shirts. Jener Spezies, die es als ihr heiliges Recht versteht, hinter das Lenkrad zu steigen, nur um zur Bäckerei an der nächsten Ecke zu fahren.

Dabei ist es nicht so, dass niemand versucht hätte, die Straße zu bändigen. Bereits in den 1990er-Jahren entschloss sich der damalige Bürgermeister Antanas Mockus kreativ durchzugreifen und ersetzte die Verkehrspolizisten in Bogotá mit Pantomimen, die sich an den Kreuzungen aufstellten und den Verletzten spielten, wenn Autofahrer über eine rote Ampel fuhren. Aber es half alles nichts. Denn spätestens Mockus’ Nachfolger Enrique Peñalosa machte die Fortschritte wieder zunichte. Er verkaufte der Stadt die Idee, dass Busse für den Nahverkehr besser seien als U-Bahnen, jene schnellen Züge, die wir Kolumbianer nur vom Hörensagen kennen.

Und so ist die Caracas der Gegenwart auch die Caracas meiner Jugend. Die vermeintlichen Verkehrslösungen kommen und gehen wie der Regen, und selbst die, die auf das Fahrrad umgestiegen und mangels Fahrradwegen auf die Bürgersteige ausgewichen sind, werden nicht glücklich. Im Gegenteil: Das ewige Geschrei erobert nach den Straßen nun auch deren Ränder – und jedes Jahr belegt Bogotá wieder einen der Spitzenplätze im globalen Stau-Ranking.

Vielleicht wird in Zukunft alles anders. Vielleicht werden die Politiker dann ruhiger schlafen. Doch ich werde es nicht. Denn ich weiß, dass das Chaos weitergehen wird und die Bewohner Bogotás Tag für Tag, eingesperrt in ihren Schadstoffschleudern, in Zeitlupe weiterrollen werden. Nichts wird vorwärts gehen auf der Caracas, so wie auch in Kolumbien nichts vorwärts geht.

Aus dem Spanischen von Laura Haber



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