Denken in Behältern

von Jeannette Villachica

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Im Jahr 2001 unternahm Alexander Klose eine Containerschiffsreise von Hamburg nach Hongkong. Zurück in Deutschland, promovierte der Kulturwissenschaftler, der heute an der Bauhaus-Universität Weimar lehrt, in Berlin über Container und schrieb ein Buch: „Das Container-Prinzip. Wie eine Box unser Denken verändert“. Er glaubte entdeckt zu haben, dass all die „Containerförmlichkeiten“, die ihm nicht nur in der Logistik und angrenzenden Gebieten wie dem Datenverkehr, sondern nach und nach auch in der bildenden Kunst und Architektur, in Theater, Philosophie und Literatur begegneten, Anzeichen für „eine große Bewegung“ seien: für die „Containerisierung“ der Welt.

Dass Container das Medium der Globalisierung und mittlerweile zu ihrem wichtigsten Symbol geworden sind, ist unbestritten. Klose hat versucht, herauszuarbeiten, dass die standardisierte Einheit, die wie der Container nach einem festen Ablauf zu bestimmten Zeiten befüllt, entleert und umgruppiert werden kann, nicht nur zunehmend in die unterschiedlichsten Gesellschaftsbereiche eindringt, sondern auch die Grundordnung des Denkens verändert. Ihm zufolge denken wir also immer mehr in Modulen.

Hinzu kommt, dass das, wofür der Container heute steht, sich in unserem Leben ausbreitet: weltweite Mobilität mit örtlicher Entwurzelung, permanente Einsetzbarkeit, einfache Verwaltbarkeit, Austauschbarkeit, Effizienz. Man kann sich fragen, was daran neu ist. Solange Klose in einem Großteil des Buchs über die Geschichte des Containers referiert und darüber, wie er das Transportwesen auf See und an Land und den Welthandel verändert hat, kann man noch Gewinn aus der Lektüre ziehen: Es sind interessante Details, wenn auch oft unnötig kompliziert ausgedrückt.

Enttäuschend wird es in den Kapiteln, die sich dem eigentlichen Thema des Buchs widmen, dem Einzug von Kloses „Container-Prinzip“ in Lebensbereiche wie Philosophie, Kunst oder Psychologie. Dort liefert der Autor neben ein paar guten und ausführlich beschriebenen Beispielen zu wenig Aktuelles und verliert sich nicht selten in schwer nachvollziehbaren Gedankenkonstruktionen. So liefert er nicht mehr als Indizien für seine Grundthese „von der Allgegenwärtigkeit des Container-Prinzips“ und dessen Ausbreitung.

Das Container-Prinzip. Wie eine Box unser Denken verändert. Von Alexander Klose. mareverlag, Hamburg, 2009.



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