„Sie halten am Glauben an eine Zukunft fest“

ein Interview mit Karen Abbs

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


Frau Abbs, in den vergangenen Jahren haben Sie als Therapeutin in der Zentralafrikanischen Republik, in Darfur, im Irak und im Südsudan gearbeitet – Orte, an denen Bürgerkrieg herrscht. Was war Ihr Eindruck von den Menschen, denen Sie dort begegnet sind?

Fraglos haben die Traumata, die sie durchlitten haben, Auswirkungen auf sie gehabt. Aber es gibt auch ein unglaubliches Gefühl der Hoffnung. Die Menschen verfügen über eine große Resilienz.

Was genau ist das?

Das ist die Fähigkeit, in schwierigen Situationen die Hoffnung zu bewahren, dass die Dinge eines Tages besser sein könnten. Ich habe zum Beispiel in Darfur einen Workshop geleitet. Und jeder der Teilnehmer kam aus einem zerstörten Dorf. Aus westlicher Perspektive denkst du, dass das Leben damit beendet ist. Sie haben ihr Zuhause verloren, sie haben alles verloren. Ich habe in einem Kunstprojekt mit ihnen gemalt. Darin haben sie unglaubliche Bilder von ihren Träumen und Hoffnungen angefertigt. Sie träumten davon, in ihre Dörfer zurückzugehen, sie wiederaufzubauen. Sie hielten an dem Glauben fest, dass sie eine Zukunft hätten. Dieses Konzept, dass du weitermachst, obwohl dir etwas sehr Schweres zugestoßen ist, ist Resilienz.

Wie reagieren die Menschen angesichts der Erfahrung extremer Unsicherheit in den Konfliktgebieten? Die Ereignisse sind ja oft so unvorhersagbar, dass die Menschen nicht wissen, was ihnen am folgenden Tag zustoßen könnte?

Ich habe einmal mit einer Dorfgemeinschaft im Nordosten der Zentralafrikanischen Republik, an der Grenze zu Darfur, eine Zeichnung angefertigt. Auf der Zeichnung befanden sich zwei Bereiche, die mit »Sicherheit« und »Unsicherheit « überschrieben waren. Aus der Zeichnung ging hervor, dass die Dschandschawid, berittene Streitkräfte aus Darfur, über die Grenze gekommen und ins Dorf eingefallen waren. Sie haben alle Kinder in eine Hütte gesperrt und sie angezündet. In der Zeichnung sieht man den Ort, wo die Hütte stand, in der die Kinder verbrannt wurden. Ich arbeitete damals in einer Klinik in Gordil, an die ein Ernährungzentrum angegliedert war, in dem Kinder aufgepeppelt wurden. Ein Mädchen verhielt sich sehr auffällig. Sie saß die ganze Zeit nur still herum und lehnte es ab, zu essen. Ihre Mutter genauso. Man konnte an ihren Gesichtern ein extremes Trauma ablesen: abschalten, nicht essen, sich nicht mehr um sich selbst sorgen – das sind die körperlichen Aspekte einer traumatischen Erfahrung. Später fanden wir heraus: Die Mutter und das kleine Mädchen waren Zeugen der Verbrennung der Kinder gewesen.

Konnten Sie den beiden helfen?

Was wir tun konnten, war, die lokalen Mitarbeiter entsprechend zu schulen. So konnten diese sie fragen, was passiert war, ihnen Raum und Zeit geben, zu weinen, und ihnen helfen, dass sie wieder anfingen zu essen, für sich selbst zu sorgen. Diese Geschichte verdeutlicht, dass der absolute Schrecken, den manche Menschen durchleben, sie dazu bringt, zu erstarren. So mussten die beiden, weil sie Familienmitglieder verloren hatten, sich erst einmal »herunterregeln «. Aber durch die Betreuung wurden sie in die Lage versetzt, sich wieder zu fangen.

Warum benutzen Sie in Ihren Workshops Zeichnungen?

Ich habe eine Ausbildung als Kunsttherapeutin und ich habe festgestellt, dass Kunst hilfreich in Momenten ist, in denen es keine Sprache für Gefühle gibt. Andererseits ist auch die Psychologensprache oft schwer zu übersetzen. Aber wenn man Kunst benutzt und Menschen Bilder von dem, was sie erlebt haben, und dem, was sie fühlen, zeichnen lässt, hilft das, eine übergreifende Sprache zu erschaffen. Hätten die Leute zum Beispiel nicht das Bild von dem Dorf gezeichnet, hätte ich die Geschichte nie erfahren.

Haben Sie sich auch mit den traditionellen Weisen, diese Arten von Traumata zu behandeln, auseinandergesetzt?
Ja, und zwar vor allem in der Zentralafrikanischen Republik, denn es ist wirklich wichtig, mit den lokalen Betreuern zu arbeiten, um zu verstehen, wie Gefühle und Stress vor Ort ausgedrückt werden und welches die traditionellen Methoden sind zu helfen. Wir wollen nicht mit westlichen Modellen das lokale Modell mit seinen Besonderheiten ersetzen. Die Leute, mit denen wir zusammenarbeiten, sind deshalb lokal verankerte Mitglieder der Gemeinschaft, die schon Erfahrung in gemeinschaftsbasierter Arbeit haben. Sie werden dann in grundlegenden therapeutischen Kenntnissen geschult und erhalten eine regelmäßige Supervision.

Was haben Sie selbst bei Ihrer Arbeit vor Ort gelernt?

Als Erstes haben wir gelernt, wie sich bei Menschen Stress äußert und wie damit umgegangen wird. Einmal kam eine Frau ins Krankenhaus. Sie hatte Zuckungen und fiel zu Boden. Sie schien entweder eine psychotische Episode oder einen epileptischen Anfall zu haben. Eine der Pflegerinnen holte eine Schüssel mit einigen Federn und Rauch. Sie hielt den Rauch über die Frau und sprach ein wenig zu ihr. Und dann unterhielt sich einer unserer Betreuer mit ihr. Das Problem bestand darin, dass ihr Mann die Familie vernachlässigte. Sie drückte das mit den Zuckungen aus, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Es wurde eine traditionelle Heilung angewandt. Sie bekam soziale Unterstützung: Leute kochten für sie und ihr Mann wurde gebeten, ihr ein Amulett zu schenken. Als eine Art zu zeigen, dass er das Problem verstanden hatte: Er muss sich um sie kümmern. Danach ging es der Frau wieder besser. Man muss also den lokalen, bereits funktionierenden Methoden vertrauen.

Ihre Arbeit besteht also darin, neue Methoden zu entwerfen, unter Einbeziehung lokaler Bewältigungskonzepte?

Genau. Leiden ist universell, wir leiden alle, wenn uns etwas Schweres zugestoßen ist. Aber die Art und Weise, wie wir Leiden ausdrücken, ist je nach Kultur anders. Und wie wir mit Leiden umgehen, ist ebenfalls unterschiedlich. Es gibt einige Prinzipien der Psychotherapie, die wir anwenden können: Wenn jemand ein Trauma durchlebt hat, wird er deswegen schlechte Erlebnisse haben, ob es nun ein Schock ist, eine emotionale Betäubung, Albträume oder Flashbacks. Davon kannst du ausgehen, aber wie du dann mit den Leuten arbeitest, musst du stark an den lokalen Kontext anpassen.

Die Zentralafrikanische Republik blickt auf eine lange Geschichte von Staatsstreichen und Rebellionen zurück, sie wurde als »Failed State« beschrieben. Wie planen Sie Ihre Einsätze als Psychotherapeutin in solchen Ländern?

Man muss natürlich die politischen Strukturen analysieren und das, was in diesen Ländern politisch geschieht. Doch mein Weg in der Therapie besteht darin, auf die Fähigkeiten der Bevölkerung zum psychologischen Wieder- aufbau zu vertrauen. Deswegen interveniere ich nicht direkt mit Therapieangeboten, sondern bilde Ortsansässige fort. In Konflikten nimmt der soziale Zusammenhalt oft ab, der helfen würde, dass die Menschen ihre psychische Stabilität bewahren. Deshalb bilden wir Leute darin aus, helfende Gespräche zu führen. Die Ausbildung kann die Fähigkeit aktiv zuzuhören beinhalten oder Methoden, wie man das Hauptproblem einer Person identifiziert und mit ihr arbeitet, um Lösungen ausfindig zu machen. In Bezug auf politische Aspekte gibt es für viele NGOs eine Grundweisung: Misch dich nicht in die Politik ein. Du musst deine Neutralität wahren, um den Menschen zu helfen, die von dem, was politisch passiert, betroffen sind.

Wenn Sie arbeiten, wie reagieren die Leute auf Sie? Wie schwierig ist es, das koloniale Stereotyp von den »Weißen, die armen Schwarzen helfen« zu umgehen?

Es ist wichtig, in einen Einsatz nicht als Experte, sondern als Mitglied eines Teams zu gehen. Ich habe Fachwissen auf dem Gebiet Psychotherapie und Folter, aber die Leute vor Ort haben die kulturelle Expertise. Wir bringen dieses Wissen im Team zusammen und suchen eine Form der Zusammenarbeit.

Was geschieht in Gesellschaften, in denen eine so hohe Zahl von Menschen Gewalt und Traumatisierung erfahren muss?

Wenn du ein anhaltendes Trauma hast, nimmt die Fähigkeit ab, mit dem Trauma umzugehen. Wenn du nicht sprechen kannst über das, was dir zugestoßen ist, kann es schwer werden, mit den Auswirkungen des Traumas klarzukommen. In Konfliktzonen gibt es oft eine Kombination aus chronischem und alltäglichem Stress, also: Jemand in der Familie ist gestorben und gleichzeitig hast du nicht genug zu essen. Diese Kombination wirkt sich auf den Körper aus. Als ich in der Klinik arbeitete, kamen viele Menschen, die Kopfweh, Bauchweh oder alle möglichen Schmerzen hatten. Ihre Körper drückten aus, was um sie herum geschah.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie dagegen in Länder blicken, die sehr sicher sind?

Je sicherer es um uns ist, je mehr Wohlstand wir haben, umso mehr sorgen wir uns um alles. Wir sorgen uns um unsere Selbstverwirklichung: Mache ich den richtigen Job? Wir denken nicht: Mein Leben ist fantastisch – ich lebe in Sicherheit.

Das Interview führte Timo Berger



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