„Der Wunsch nach dem Schönen“

von Feridun Zaimoglu

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Kulturelle Bildung bedeutet nicht, aus jedem Schüler einen Bildungsbürger zu machen. Es geht auch nicht um die bloße Aneignung von Wissen. Es geht um Fantasie und darum, dass Kultur ein Werkzeug gegen Verblödung ist. Kultur bedeutet, das sogenannte Unnötige nicht als unnötig anzusehen, Bücher zu schätzen und das Lesen nicht als Eskapismus zu verstehen.

Mit Kunst, Literatur oder Theater kann man sich gegen die Verätzungen des Alltags wappnen. Besonders Bekloppte halten sich ja für besonders gebildet. Sie glauben, es sei Kultur, in der Opernloge zu sitzen und dann in der Pause für 50 Euro Champagner zu kaufen. So geschehen und gesehen bei den Salzburger Festspielen. Es ist gut, Bücher zu lesen. Es ist aber falsch, daraus die Lehre zu ziehen, dass man nur Bücher kaufen muss, um kultiviert zu sein. Es gibt auch viele belesene Knallknöpfe.

Kultur war für mich ein Weckruf: Es gibt etwas, das mich, den Alltag und die Welt da draußen überragt. Als Kind hatte ich das Glück, dass mir Frauen in meiner Umgebung immer wieder Geschichten erzählt haben, etwa meine Mutter oder meine Tante.

Die deutsche Kultur ist nicht arm, aber die Kleinbürger machen sie arm, die Technokraten. Wir haben wunderbare Bücher. Ich halte es für genauso wichtig, Grimmelshausen zu lesen wie Max Frisch, Bertolt Brecht, Liebesgedichte, die unzensierten Märchen der Gebrüder Grimm oder den Minnesang des Mittelalters. Es ist unbedingt notwendig, dass man die eigene Kultur kennenlernt. Wenn wir das Eigene nicht sehen, verarmen wir. Es muss übrigens endlich einmal in die Köpfe, selbst in die Betonköpfe, dass fremdstämmige Kinder auch deutsche Kinder sind, unabhängig von der Herkunft ihrer Eltern.

Es gibt in Deutschland eine großartige kulturelle Tradition. Hier haben in früheren Zeiten Menschen gelebt, die Künstler waren, die Bücher geschrieben haben, die etwas hinterlassen haben. Diese Hinterlassenschaften nicht zu beachten, ist ignorant. Ich kann ja nur das sehen, wovon ich weiß. Wenn ich mich damit auseinandergesetzt habe, kann ich vieles, was erhalten geblieben ist, erst entziffern. Die Bücher, die Musik, die Bilder wirken als Medizin gegen die Blindheit. Viele Leute stolpern vor sich hin, weil sie sich nicht mit diesen Dingen befasst haben. Sie gehen blind durch die Straßen. Was sie sehen, sind nur die Kaufläden in der Fußgängerzone.

Wenn ich Bücher und Stücke lese, Bilder ansehe, Musik höre, dann durchbreche ich die Monotonie. Ich werde offener, durchlässiger. Viele Leute haben Angst vor der Durchlässigkeit. Kultur ist eine Möglichkeit der Selbstverfeinerung. Kultur ist eine Erziehung zum Sozialen.

Vor der Literatur kommt der Spracherwerb. Sehr wenige können nach der Schulzeit vier richtige Sätze hintereinander sagen. Ich habe das Gefühl, besonders die hoch bezahlten Journalisten schreiben kein richtiges Deutsch mehr. Ich lege großen Wert darauf, dass am Anfang aller Kultur die Sprache steht. Nicht das Gequatsche, nicht das Journalistendeutsch, nicht das Fernsehdeutsch.

Das hört sich jetzt an wie die Direktive eines Stubenintellektuellen. Nein. Ich komme aus Arbeiterverhältnissen und weiß, wie wichtig und wunderbar es ist, richtig sprechen zu lernen. Sprache ist Kultur. Wenn ich mich darauf einlasse, kann ich mich immer besser ausdrücken und Stimmungsbilder, Ahnungen oder das Unsichtbare benennen. Das bedeutet für mich, kultiviert zu sein.

Ich habe in Hamburg eine Theaterwerkstatt geleitet, bei der Schüler Dramolette geschrieben und selbst aufgeführt haben. Nach der Premiere haben sie mir mit Tränen in den Augen gesagt, sie wollen unbedingt ein Nachfolgeprojekt. 25 Schülerinnen und Schüler, alle aus ärmsten Verhältnissen, waren plötzlich theaterbegeistert. Sie entdeckten eine andere Welt. Solche Projekte stehen und fallen mit den finanziellen Möglichkeiten. Wenn man sparen will, streicht man zuerst in der Kultur und klagt dann über die Verrohung. Das ist ein Unding.

Über die Kultur lernt man, dass es sich lohnt, den Wunsch nach dem Schönen nicht aufzugeben. Das ist kein Luxus. Ich sehe die Leute, die auf all das verzichten und dann sehr schnell beim Therapeuten landen. Was kann man aber schon erwarten, wenn man auf die Kultur keinen Pfifferling gibt? Da ist vorgezeichnet, dass man irgendwann scheitern wird.

Die Kultur erlaubt es mir, aus den Verhältnissen, in denen ich stecke, herauszukommen. Nicht jeder hat die Möglichkeit, in eine reiche Familie hineingeboren zu werden. Kultur aber gibt mir die Möglichkeit, anders zu werden. Und für viele Männer hat die Lektüre von Belletristik zur Folge, dass sie plötzlich lernen, sich anständig mit Frauen zu unterhalten. 

Protokolliert von Carmen Eller



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