Fleißige Biene

von Aleš Šteger

Breaking News (Ausgabe II/2017)


Von den drei Tierarten, die für eine zoologische Identifizierung der Slowenen in Frage kommt, ist die Biene die Favoritin. Der Braunbär, der in den Wäldern und auf einigen Restaurantmenüs des Landes vorkommt und Lieblingstier vieler Volksmärchen ist, wird mit einem zwar gutmütigen, aber zugleich unberechenbaren, balkanisch-unbezähmbaren Typus in Verbindung gebracht.

Der in den Karsthöhlen vorkommende Grottenolm ist ein Unikum, er gehört mit seinen blinden amphibischen Augen, seiner halb durchsichtigen Haut und einer dahindämmernden Lebensart an Orte wie den Hades, möglicherweise in ein Gedicht, nicht aber auf den Gehsteig der nationalen Selbstverherrlichung. Bleibt die honigtragende, dem sozialistischen Ideal des Arbeiters nahestehende Biene übrig. Freilich ist nicht jede Bienenart für die Slowenen gut genug, sondern nur die eine, die vom k. u. k. Lehrer für Bienenzucht an der Theresianischen Imkerschule in Wien, Anton Janša, für slowenisch erklärte, elegant gebaute und von Arbeitsfleiß besessene Krainer Biene, die Carnica. Die sanftmütige, mit erhöhtem Schwarmtrieb ausgestattete Carnica kommt den Slowenen entgegen.

Man könnte in der Bewunderung ihrer Tüchtigkeit einen stillen Überrest einer nie ganz zu Ende gebrachten Gegenreformation in dem größtenteils katholischen Land sehen. Die Slowenen lieben es, sich als ein fleißiges Volk zu inszenieren, und so eine Trennlinie zum restlichen Balkan zu schaffen. Ob das der Grund für die im Land verbreitete Beschäftigung mit Bienen ist, ist schwer zu sagen. In ihrer Freizeit sind viele Slowenen Imker, anders ginge es nicht, um die rund neun Milliarden Bienen zu bewirten, im Land, wo Honig fließt.



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