Behütet wie in einem Kokon

Nanja van den Broek

Rausch (Ausgabe I/2017)


Draußen auf der kleinen Plattform, die irgendwo vor der ägyptischen Küste einsam im Mittelmeer treibt, setze ich meine Taucherbrille auf. Dann lasse ich mich langsam ins Wasser gleiten. Der dreiminütige Countdown beginnt. Der Sicherungstaucher befestigt meine speziell für das Apnoetauchen angefertigte Monoflosse an dem  „Schlitten“, einer aufzugähnlichen Seilvorrichtung. Ich konzentriere mich auf nichts anderes mehr als darauf, ruhig durch den Bauch zu atmen und meine Herzfrequenz niedrig zu halten. Dann schnappe ich ein letztes Mal so tief, wie ich nur kann, nach Luft und gebe mit einem Kopfnicken das Startzeichen. Ein Klirren, und dann zieht mich der Schlitten, an dem ein dreißig Kilogramm schweres Gewicht befestigt ist, in die Tiefe.

Während der ersten 35 Meter versuche ich, so viel Luft wie möglich aus meiner Lunge in meinen Mund zu pressen. Damit gleiche ich den steigenden Wasserdruck auf mein Mittelohr aus. Meine Lungen werden vom Außendruck bald auf Zitronengröße zusammengepresst. Es wird dann unmöglich sein, Sauerstoff in Richtung Kopf zu befördern. Als ich die 35-Meter-Marke erreiche, klingelt der elektronische Alarm. Der Schlitten wird jetzt schneller und schneller, ich spüre, wie das Wasser an mir vorbeirauscht, während ich in die Tiefe rase.

Langsam breitet sich ein Gefühl der Leichtigkeit in meinem Kopf aus. Je tiefer ich komme, desto tiefer  tauche ich in mir selbst ab. Ich vergesse beinahe, dass ich von nichts als Wasser umgeben bin. Der ganze Gedanken-Wirrwarr, der sich normalerweise in meinem Kopf abspielt, löst sich langsam auf. Es ist beinahe so, als würde sich jede einzelne Zelle in meinem Körper entspannen. Natürlich gibt es auch im Alltag Momente der Gelassenheit, aber diese Erfahrung ist damit nicht zu vergleichen. Ein unvorstellbares Glücksgefühl macht sich in mir breit.

Ich weiß, dass es jetzt gefährlich wird: Es gilt den Moment zu genießen, aber sich nicht dem Tiefenrausch hinzugeben. Ab dreißig Metern Tiefe wird die sogenannte Stickstoffnarkose zu einem ernsten Problem. Durch den hohen Druck löst sich in meinem Blut immer mehr Stickstoff auf, was sich wiederum auf mein zentrales Nervensystem auswirken kann. Sollte ich spüren, dass mich eine zu starke Euphorie packt oder Wahrnehmungsstörungen und Halluzinationen auftreten, miss ich meinen ganzen Willen zusammennehmen, um den Schlitten mit der mechanischen Bremse zu stoppen und wieder aufzutauchen.

Apnoetauchen ist statistisch gesehen kein gefährlicher Sport, aber er kann so stark berauschen, dass eine gewisse Sorglosigkeit in Sicherheitsfragen eintritt. Mein großes Idol Natalia Molchonova, Weltrekordhalterin in mehreren Apnoe-Disziplinen, starb vor Ibiza bei einem Hobby-Tauchgang in vierzig Metern Tiefe. Der belgische Profi Patrick Musimu ertrank während eines Probetrainings. Beide waren zuvor schon über hundert, Musimu sogar über 200 Meter tief getaucht. Trotzdem war es für sie fatal, dem Wasser zu vertrauen, keine Sicherheitsleine zu benutzen oder auf den Sicherungstaucher zu verzichten, um sich der Erfahrung besser hingeben zu können. Im Rausch der Tiefe, umgeben von den Wassermassen, fühlt man sich behütet wie in einem Kokon. Das Risiko, die Gefahrenlage falsch einzuschätzen, ist groß.

Gerade als ich beginne, daran zu zweifeln, ob die Luft ausreichen wird, hält der Schlitten mit einem Ruck an. Ich bin jetzt 130 Meter tief. Ein neuer Weltrekord im Tieftauchen mit variablem Gewicht. Das Wasser hier unten ist dunkelblau, die Stille ist einzigartig. Ich verspüre keinen Adrenalinkick, eher eine fast unheimliche Ausgeglichenheit und Schwerelosigkeit. Obwohl ich nur den Bruchteil einer Sekunde verweile, fühlt sich der Moment wie eine Ewigkeit an. Wer einmal so tief unten war, der braucht keine Drogen mehr, denke ich.

Dann fange ich an, aufzutauchen. Ich schlage gleichmäßig mit der Monoflosse und höre den dumpfen Jubel meines Sicherungstauchers, der mich hochkommen sieht. Als ich die Oberfläche durchbreche, vergesse ich kurz das Protokoll und drehe mich nicht zu der Jury um, die neben mir im Wasser treibt. Doch dann erinnere ich mich, wirble herum und rufe: „I’m okay“. Sie strecken weiße Karten in die Luft. Mein Weltrekord ist gültig.

Protokolliert von Kai Schnier



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