„Ich kaue zehn bis 15 Mal am Tag"

Pardman Shukla

Rausch (Ausgabe I/2017)


Herr Shukla, wie läuft das Geschäft?

Sehr gut, besonders am Abend ist bei uns immer viel los. Hier, in einem der Ausgeh- und Geschäftsviertel von Neu-Delhi, kommen die Menschen nach dem Essen an meinem Stand vorbei und kauen Paan – als Dessert sozusagen. Es sind meist eher wohlhabende Leute. Ich habe verschiedenste Sorten Paan im Angebot, auch viele süße, unter anderem mit Erdbeere. Ich habe auch gefrorenes Paan oder bereite es auf Wunsch frisch zu.

Was genau ist Paan?

Paan ist eine Mischung von verschiedenen Gewürzen und Betelnüssen, den Samen der Betelpalme. Die geriebene Betelnuss wird zu einer Paste verarbeitet und in Betelpfefferblätter gerollt, die mit gelöschtem Kalk bestrichen sind. Dazu kommt das Paan ­Masala, das sind verschiedene Gewürze wie zum Beispiel ­Kardamom, Anis und Minze. Der Geschmack wäre sonst zu bitter. Man kann es auch mit Tabak oder ­Lakritze zubereiten. Das alles wird gekaut und dann ausgespuckt. Eine Portion kostet 25 Rupien (ungefähr 30 Cent). Mit Tabak kostet es je nach Qualität zwischen zwanzig und 200 Rupien (0,30-2,70 Euro).

Welchen Effekt hat die Mischung?

Es wirkt stimulierend. Autorikschafahrer nehmen es, damit sie nicht müde werden. Man hat auch weniger Appetit und fühlt sich einfach wohler, es löst innere Anspannung. Je intensiver man kaut, desto stärker ist die Wirkung. Es hat auch eine soziale Funktion, die Menschen stehen in Gruppen am Laden und unterhalten sich oder kauen Paan nach dem Essen zusammen. Was viele Menschen stört, ist der Speichel, der sich rot färbt. Auf der Straße und an Häuserwänden sieht man die roten Flecken, wenn die Leute das Zeug ausgespuckt haben.

Konsumieren Sie selbst es?

Ja, ich nehme Tabak-Paan. Ich kaue zehn bis 15 Mal am Tag. Es ist gut für die Verdauung und ich nehme es für meinen Kopf. Es macht ihn leichter. Ich mag es einfach, es ist Tradition und natürlich auch Gewohnheit.

Welche Bedeutung hat Paan in Indien?

Paan wurde bereits vor 2.500 Jahren konsumiert. Es wird auch in religiösen Schriften erwähnt. Demnach soll es gut für die Stimme, Zunge und Zähne sein, Krankheiten abwehren und die Verdauung fördern. Die gerollten Blätter werden bei Hochzeiten und anderen religiösen Zeremonien verteilt und Gästen nach einem schweren Essen angeboten. Paan-Shops gibt es überall in Indien. Der Konsum ist sehr im Alltag verankert – durch alle Schichten hinweg, vom Arbeiter bis zum reichen Geschäftsmann. Auch Frauen kauen Paan.

Aber es soll schädlich für die Gesundheit sein.

Wenn man Paan nicht gewohnt ist, kann einem in der Tat schlecht werden. Paan selbst soll auch nicht gesund sein, es kann zu Mundkrebs führen. Davor warnt die Regierung. Sie hat sogar Bollywoodstars gebeten, keine Werbung mehr für Paan zu machen.

Wie sind Sie dazu gekommen, Paan zu verkaufen?

Das hier ist ein Familiengeschäft. Mein Großvater hat es 1948 aufgebaut. Dann hat mein Vater es übernommen. Jetzt verkaufen meine Brüder und ich zusammen Paan. Mein Vater ist auch noch dabei. Mittlerweile haben wir 15 Filialen in Neu-Delhi.

Wie hat sich der Konsum verändert?

Heute kauen mehr junge Leute Paan. Obwohl die Regierung vor den gesundheitlichen Schäden warnt, ist es ziemlich „in“ und es wird viel experimentiert. Ich habe auch neue Geschmacksrichtungen wie Schokolade und Karamellbonbon erfunden. In einigen Bars gibt es Paan-Cocktails und es gibt ­Paan-Shops, die auch nach Hause liefern. Paan-Konsum ist zwar eine alte Tradition, aber das Geschäft passt sich an das moderne Leben an.

Das Interview führte Lea Gölnitz



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