Tauben und sich küssende Paare

von Onur Güntürkün

Ich und alle anderen (Ausgabe IV/2016)


In einer frühen Kindheitserinnerung steht mein Vater vor meiner Schwester und mir und singt „Die Gedanken sind frei“ von Hoffmann von Fallersleben – holprig, weil er selbst nicht richtig Deutsch spricht, aber überzeugt, weil er uns den Umzug in die Bundesrepublik schmackhaft machen will. Das war 1964, ich war sechs und hatte mich zwei Jahre zuvor mit Polio infiziert. Meine Familie wohnte in Zonguldak an der türkischen Schwarzmeerküste, wo mein Vater als Röntgenarzt arbeitete. Natürlich hatte er mich gegen Kinderlähmung impfen lassen, doch vor der letzten Auffrischung bekam ich eine Erkältung, der Termin wurde verschoben.

Genau in dieser Zeit schnitt ich mich am Strand an einer Scherbe und bekam eine Tetanus-Spritze, die wahrscheinlich infiziert war. Die Erkrankung war sehr schwer, ich wurde ins Krankenhaus nach Ankara gebracht, wo ich künstlich beatmet werden musste. Über meinen Onkel, der in Hamburg lebte, erfuhr meine Mutter von einer Spezialklinik im nordrhein-westfälischen Höxter. 10.000 Euro sollte die Behandlung kosten. Über einen Spendenaufruf der Bild-Zeitung kam das Geld zusammen und wir zogen nach Deutschland. Am Ende meiner Behandlung saß ich zwar im Rollstuhl, konnte aber Arme und Hände bewegen.

Meine Familie lebte mittlerweile in Baden-Baden. Dort ging ich zur Grundschule und später aufs Gymnasium. Ich weiß nicht, wann genau ich darauf kam, Wissenschaftler werden zu wollen, aber ich erinnere mich, dass ich meiner Mutter beim Abwasch half. So verdiente ich mir ein paar Pfennig, von denen ich mir ein Mikroskop kaufte. Ich baute auch Labyrinthe aus Musikkassetten, durch die ich Käfer laufen ließ, wobei ich sie beobachtete. Als ich 13 wurde, zog meine Familie zurück in die Türkei. Meinem wissenschaftlichen Interesse tat das keinen Abbruch, im Gegenteil. 1975 nahm ich an einem Forschungswettbewerb für Jugendliche teil und kam mit einem Experiment, bei dem ich untersuchte, ob meine Aquarienfische Farben wahrnehmen konnten, bis ins Finale. Meine Lehrer animierten mich dazu, das Beste aus mir zu machen. In Izmir wehte in dieser Hinsicht ein anderer Wind als in Deutschland. Man kann beinahe sagen, dass ich meine preußischen Tugenden am türkischen Gymnasium lernte.

Nach dem Abitur entschloss ich mich, in Deutschland Psychologie zu studieren. An der Ruhr-Universität in Bochum wurde Professor Juan Delius, der Leiter der Tierpsychologie, zu meinem akademischen Ziehvater. Er gab mir oft Forschungspapiere aus der Biopsychologie mit, meist Studien zum Verhalten von Ratten und Tauben, die er interessant fand. Dann saß ich einen ganzen Abend da und las. Seitdem forsche ich in der Biospsychologie. In einer meiner Experimentreihen wies ich nach, dass sich bestimmte Vögel wie Tauben und Elstern, genauso wie Primaten, im Spiegel erkennen können – und das, obwohl sie keine zerebrale Cortex haben. In einem anderen Versuch habe ich zusammen mit Kollegen herausgefunden, dass sich Tauben verschiedene Muster sehr gut merken und sie voneinander unterscheiden können. Ohnehin lebe ich längst in einer Art arrangierter Forschungsehe mit meinen Tauben.

Diese Tiere werden stark unterschätzt, von der Öffentlichkeit und von der Wissenschaft. Es ist natürlich immer cool und sexy zu sagen: Schaut her, ich arbeite mit Affen und Delfinen! Im Endeffekt stammen die meisten unserer wegweisenden Erkenntnisse in der Lern- und Verhaltensforschung allerdings von Ratten und Tauben. Auch wenn ich insgesamt an vielen komplexen Dingen forsche, kennen mich die Leute heute vorrangig durch die Studien, die auch bei Nicht-Wissenschaftlern gut ankommen: durch meine Kuss-Studie zum Beispiel, bei der ich die Kusshaltung von Paaren an Flughäfen beobachtet habe, um Rückschlüsse auf die „Hälftigkeit“ des Gehirns zu ziehen.

Warum neigen mehr Menschen den Kopf nach rechts statt nach links, wenn sie sich küssen? Das sind kleine Fragen, denen aber oft große biopsychologische Prozesse zugrunde liegen. Im Vergleich zu anderen Menschen führe ich ein einseitiges Leben. Natürlich haben sich Dinge verändert, ich habe in Bochum meine Frau kennengelernt, Kinder gekriegt, die Professur ist dazugekommen, aber im Prinzip bin ich seit meinem zwanzigsten Lebensjahr der, der ich heute bin: einer, der begeistert ist von seiner Forschung.
 

Protokolliert von Stephanie Kirchner
 



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